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1961

Pakistan damals "Ich hatte Angst, dass Schlangen meine Söhne anknabbern"


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Privatfoto Thimm Bettina Mikhail
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Vom Lehrer zum Entwicklungshelfer: Der Gewerbeoberlehrer Friedrich Thimm, in der Mitte, arbeitete von 1961 bis 1964 als Ausbilder in der Holzwerkstatt des Berufsschulzentrums in Chak Punj Faiz in der Nähe von Multan in Pakistan. Das Zentrum war ein Entwicklungshilfeprojekt der Bundesregierung. „Punj“ bedeutet „fünf“ - heute nennt sich der Ort Chak Five Faiz.

Schon einmal halfen die Deutschen in Pakistan: Anfang der sechziger Jahre zogen die ersten deutschen Entwicklungshelfer in den Punjab - unter ihnen Edda und Friedrich Thimm. Sie trafen auf eine völlig fremde Welt voller überraschender Herausforderungen. Von Bettina Mikhail


Friedrich und Edda Thimm sitzen in der Stube ihrer Wohnung im pfälzischen Lambsheim. Kostbare Holzeinlegearbeiten blitzen unter der Glasplatte ihres Couchtisches hervor. "Die Tischdecke stammt aus Pakistan", sagt Edda Thimm. "Der Tisch auch." Die zierliche Dame mit dem blonden Pagenkopf serviert Tee, eine Mischung aus Schwarz- und Grüntee, der Gesundheit wegen. Friedrich Thimm schiebt ein Schälchen mit Keksen und Pralinen herüber. Kultur, sagt Edda Thimm, beginnt bei Tisch.

Doch nicht immer haben Thimms an Glastischen gesessen und aus Porzellantassen getrunken - Friedrich Thimm ist ein unkomplizierter Mensch, und er erinnert sich gerne an sein einfaches Leben, damals, als Entwicklungshelfer in Pakistan. "Wenn die Menschen auf dem Boden sitzen und Hirsebrei essen, dann setze ich mich dazu und esse mit", sagt er, und seine Stimme klingt jung, trotz seiner 86 Jahre. "Das schmeckte alles super, auch ohne Messer und Gabel." Seine Frau Edda sieht das ein bisschen anders: "Nein, ich muss nicht alles mitmachen, und auch nicht alles essen."

Es war ein großes Abenteuer, in das Familie Thimm 1961 aufbrach: Sie gehörten zu den ersten deutschen Entwicklungshelfern in Pakistan. Drei Jahre verbrachten sie in dem Land, in das sie als völlig Fremde kamen und dessen Kultur sie genau so wenig kannten wie seine Sprache. Sie gingen, um den Menschen dort zu helfen, ihr Leben zu meistern. Und stießen dabei selbst auf ungeahnte Herausforderungen. Oft haben sie dabei auch ihre eigenen Grenzen überschritten.

Wunschzettel nach Deutschland

"Wir wollten arbeiten, wenn nicht hier, dann woanders", begründet Friedrich Thimm ihren damaligen Entschluss. In Deutschland gab es für den Gewerbeoberlehrer einfach keine Planstelle, so folgte der gelernte Tischlermeister einem Aufruf der Bundesregierung: Er verpflichtete sich für zwei Jahre als Mitarbeiter eines landwirtschaftlichen Entwicklungshilfeprojekts in Pakistan.

Als Letzter eines fünfköpfigen Teams traf der damals 37-Jährige im Januar 1961 in der Provinz Punjab ein. In dem 40-Seelen-Dorf Chak Punj Faiz südlich der Millionenstadt Multan im Herzen Pakistans war ein Berufsschulzentrum errichtet worden. Ausbilder Thimm übernahm die Holzwerkstatt. Ein Diplom-Landwirt leitete das Zentrum, ein zweiter betreute die Baumwoll- und Maisfelder. Ein weiterer Ausbilder vermittelte den Schülern die Reparatur und Wartung der Maschinen, ein Landwirtschaftslehrer die Grundlagen von Bewässerung und Landbau.

"Es war eigentlich ganz angenehm dort", erinnert sich Friedrich Thimm. Das tägliche Leben war durchorganisiert. Die Männer schrieben "Wunschzettel" nach Deutschland und bestellten die benötigten Maschinen, die ihnen die Bundesrepublik dann lieferte. Lebensmittel, die es vor Ort nicht gab, schickte eine Firma aus Hamburg. Man musste sie nur bezahlen können.

Heuschreckenwolken über den Feldern

Drei Monate später reiste Thimms Frau mit ihren Söhnen, dem fünfjährigen Johannes und dem gerade mal zwei Jahre alten Andreas, nach. Im März 1961 bestiegen sie in Genua das erste Schiff. Zwölf Tage fuhren sie durch den Suezkanal, den Golf von Aden und das Arabische Meer bis nach Karachi an der Südküste von Pakistan, wo Friedrich Thimm sie empfing. Über Sand- und Teerpisten ging es durch halb Pakistan. Nach rund 1000 Kilometern erreichten sie das Dorf Chak Punj Faiz.

"Als ich bei meiner Ankunft in Pakistan, am anderen Ende der Welt, mit Booten und Brettern, ohne Brücke, nachts um elf über den Indus setzte, habe ich gedacht: Wenn das deine Mutter wüsste", erinnert sich Edda Thimm, die damals 30-jährige Religionslehrerin. Es sollten noch weitere Herausforderungen folgen, nicht nur die Amöbeninfektion, mit der Edda bald zu kämpften hatte. In der neuen Heimat würde sie sich erst zurechtfinden müssen. "Ich kam mir manchmal vollkommen fehl am Platze vor."

Die junge Familie begegnete einer neuen Welt: Termiten höhlten Holzgegenstände bis auf die Außenhaut aus, so dass man den Schaden erst bemerkte, wenn man dagegen stieß und die Gegenstände einfach in sich zusammenfielen. Trinkwasser und Strom lieferten ein Brunnen und ein Generator auf dem Gelände des Schulzentrums; in den Häusern brummte Tag und Nacht eine Klimaanlage. Die Felder wurden aus Kanälen bewässert, manchmal auch von dunklen Heuschreckenwolken überschattet. Die gefräßigen Tiere ließen sich nur mit viel Lärm vertreiben. Die Kinder im Matsch spielen zu lassen, so erinnert sich Edda Thimm, habe sie nie gewagt: "Ich hatte immer Angst, dass das Viehzeug und die Schlangen meine Söhne anknabbern."

Rechnen mit Fingerknochen

Der erste Jahrgang des neu geschaffenen Berufsschulzentrums umfasste je 15 Auszubildende für Holz und Metall. Morgens zwischen sechs und zehn Uhr und nachmittags zwischen 15 und 17.30 Uhr, wenn die Temperaturen etwas erträglicher waren, wurden sie unterrichtet. Edda Thimm sorgte dafür, dass in den Werkstätten nicht nur landwirtschaftliche Geräte, sondern auch Artikel hergestellt wurden, die als Souvenirs verkauft werden konnten - wie die Tischdecke, die heute auf dem Glastisch der Thimms liegt. Die Station züchtete außerdem selbst Rinder, um den Milchertrag zu steigern.

Thimms wurden von einem Kindermädchen und einem "Sweeper", der das Haus sauber hielt, unterstützt. Für manche Familien arbeitete sogar ein Koch. Ein Nachtwächter schützte jedes Haus vor Einbrechern. Das klinge zwar nach Luxus, aber das tägliche Leben sei hart gewesen, betont Edda Thimm. Sie verständigten sich auf Englisch und lernten Urdu von einem Einheimischen, den sie auf ihrer Schiffsreise nach Pakistan kennen gelernt hatte.

"Ich kann auf Urdu noch bis 84 zählen", sagt Edda Thimm. Auch das Zwölfersystem, das an den drei Fingergliedern abgezählt wird, beherrscht sie noch. "Das brauchte man auf dem Markt." Mit einem großen Thermosbehälter fuhr sie morgens um fünf Uhr nach Multan, um Fleisch zu kaufen. Um diese Uhrzeit wurde man der Fliegen noch Herr. Der Duft von Kardamom, Jasmin und frisch aufgeschnittenen, süßen Mangos hing über dem Markt.

Pille im Regal

Die Wege waren oft weit: Auch das nächste Krankenhaus lag im 17 Kilometer entfernten Multan. Wer zur Behandlung kam, musste Eintritt zahlen, Verbandszeug kostete extra. Schnell sprach sich herum, dass Edda einem Straßenarbeiter beherzt die Fäden gezogen hatte, damit er nicht noch einmal ins Hospital musste. Seitdem sammelten sich jeden Morgen Menschen vor ihrer Tür und wollten verarztet werden. Wenn ihre "Apotheke" leer war, schrieb sie einen Brief nach Deutschland. Freunde und Verwandte daheim sammelten Geld und kauften Verbandsmaterial für ihre "Praxis".

Mit den Frauen aus dem Dorf fuhr Edda Thimm in ein Zentrum für Familienplanung. Hier wurden sie aufgeklärt und erhielten, schon damals, die Pille. Viele Frauen stellten jedoch die Packung nur aufs Regal und glaubten, allein das würde schon helfen. So bestellte Edda Thimm die Frauen täglich zu sich, der kleine Johannes gab allen ein Glas Wasser, und seine Mutter ging reihum und verteilte die Pillen.

Im November 1962 besuchte Bundespräsident Heinrich Lübke das Berufsschulzentrum. Lübke war zuvor Landwirtschaftsminister gewesen, unter seiner Regie in den fünfziger Jahren die deutsche Entwicklungshilfe entstanden. Lübke zeigte daher großes Interesse an dem Projekt in Chak Punj Faiz, und Friedrich Thimm führte ihn durch Schule und Werkstätten. Edda Thimm hielt währenddessen Damenkränzchen mit Lübkes Gattin: "Für Frau Lübke wurde extra ihre Zigarettenmarke eingeflogen."

Hinfahren, anpacken

Zwei Jahre blieben die Thimms noch in Pakistan, 1964 kehrten sie nach Deutschland zurück. Hier wurde der Berufsschullehrer nun wieder gebraucht. Friedrich Thimm lehrte an der Werksberufsschule der Neukirchner Eisenwerke im Saarland. Aus der Entwicklungshilfe hat er sich jedoch nie ganz verabschiedet: Seit seinem Ruhestand arbeitete er ehrenamtlich in Venezuela, Guatemala und Sambia, Ghana, der Türkei, Russland und Indien. Seine Frau engagiert sich in Altersheimen und Krankenhäusern. Würde sie noch einmal in die Ferne ziehen? Edda überlegt einen Moment und sagt dann: "Wenn ich jünger wäre, ja. Und wenn mein Mann mitkommt."

Ihre Zeit in Pakistan liegt lange zurück. Friedrich Thimm ist unzufrieden damit, wie sich die deutsche Entwicklungspolitik seither verändert hat. Früher habe man noch junge Menschen vor Ort ausgebildet, später nur noch die Ausbilder, und schließlich habe man Berater geschickt, die Entscheidungsträger davon überzeugen sollten, dass Ausbildung wichtig sei. "Wir haben noch an der Basis gearbeitet. Wer hingegen heute hingeht und mit den Menschen vor Ort lebt, ist ein Exot. Aber das ist es, was gebraucht wird."

Edda Thimm erinnert sich dieser Tage oft an ihre Zeit in Pakistan. Im Fernsehen hat sie die Bilder der Flutkatastrophe gesehen. Sie glaubt nicht, dass ihre Arbeit umsonst war: "Durch uns haben viele Menschen gelernt, für ihr Leben und ihre Familien zu sorgen." Wenn es ihr Alter und ihre Gesundheit zuließen, würde sie auch jetzt hinfahren und mit anpacken.



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