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1968

Bonanza-Räder Pornoschaltung und Fuchsschwanz


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Auf dem Sprung: Thomas Göring, Geschäftsführer der KHE Fahrradhandels GmbH in Karlsruhe, im Jahr 2000 auf einem Bonanza-Rad. Das Relikt aus den siebziger Jahren gilt als Vorgänger des heutigen BMX-Rades.

Chopper für Arme? Oder endcoole Fahrräder mit individueller Note? In den Siebzigern waren Bonanza-Räder unter Jugendlichen ein echtes Statussymbol. Doch das Aufkommen der BMX-Räder war ihr Tod - beinahe jedenfalls. Von Armin Himmelrath



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Angefixt wurde Christoph Dieckmann vor zehn Jahren. Da war er schon 36, beschäftigte sich in Köln beruflich mit Oldtimern und Fahrrädern und stieß "eher zufällig" auf einen seltsam gefärbten Drahtesel mit Bananensattel und viel Chrom - sein erstes eigenes Bonanza-Rad. "Ich hatte zwei Brüder, und da war es klar, dass ich als Kind niemals ein Bonanza-Rad hätte bekommen können", sagt Dieckmann. "Nachdem ich dann das Ding renoviert hatte, merkte ich schnell: Damit kommt man überall ins Gespräch, das ist ein Sympathieträger." Und die nostalgieschwangeren Themen der siebziger Jahre ergeben sich wie von selbst: Burg-Schreckenstein-Bücher, Ahoi-Brause, blaue Plastik-Erbsenpistolen mit Aufsteck-Magazin.

Christoph Dieckmann war begeistert, und er wollte mehr von diesem Bonanza-Feeling. Der Fahrradhersteller Kynast in Quakenbrück hatte die Draht-Chopper nach US-amerikanischem Vorbild seit 1968 für Neckermann gebaut, 1977 allerdings die Produktion eingestellt. Denn die zwischenzeitlich aufgekommenen BMX-Räder hielten das Versprechen, das die Bonanza-Modelle niemals einhalten konnten: Sie waren robust, wendig und leicht. Kynast-Arbeiter schafften deshalb die übrig gebliebenen Bauteile per Aufzug in einen Lagerraum. Kurz danach wurde der Aufzug abgebaut, fast 23 Jahre lang konnte der Raum nur über eine schmale Treppe betreten werden - bis Christoph Dieckmann kam und 1999 alle Teile aufkaufte, um die Bonanza-Legende neu zu beleben.

"Pimp my bike" - Jahrzehnte vor solchen Fernsehsendungen wurde dieses Prinzip in etlichen Garagen und Kellern schon umgesetzt. Kaum ein Bonanza-Rad, das nicht getunt und damit dem langweiligen Auslieferungs-Zustand entrissen wurde: mit Sturmklingel und Batterie-Hupe, mit Speichenklicker oder Zierspiralen aus Plastik, die sich um die Bowdenzüge der Bremsen schlängelten. Da gab es eigens gefertigte Aufkleber im Stoßdämpfer-Look und farbige Gummibänder, die rechts und links an den Lenkergriffen im Fahrtwind flatterten. Wer sich keinen Fuchsschwanz leisten konnte, hängte stattdessen nach bestandener Fahrradprüfung in der Schule den weiß-grünen Dreieckswimpel der Verkehrswacht - Aufdruck: "Sicherheit im Verkehr" - an den verchromten Sitzbügel. Andere färbten mindestens einmal pro Woche die 20-Zoll-Weißwandreifen nach, um Verschmutzungen zu überdecken. Hauptsache, das eigene Rad war anders.

Jungen-Träume und Mädchen-Traumata

Der unbestreitbare Stolz aller Bonanza-Fahrer aber war die Gangschaltung, die fast so wirkte wie in einigen Opel-Modellen der siebziger Jahre. Frühe Räder waren noch mit einer Centrix-Schaltung ausgestattet, später setzte sich dann die 3-Gang-Nabenschaltung von Sachs mit Leerlauf durch, die mittig zwischen den Oberschenkeln des Fahrers thronte und deshalb schnell unter dem Begriff "Pornoschaltung" firmierte. Ein Aufkleber mit Holz-Maserung täuschte gediegenes Ambiente vor. "Ich hatte ja selber kein Bonanza-Rad, durfte aber mit meinem Klapprad neben meinem Freund herfahren und dann ab und zu mal schalten", erinnert sich Christoph Dieckmann.

Für Mädchen war's noch schwieriger: Die hatten bei dem als Jungen-Rad beworbenen Bonanza-Modell so gut wie keine Chance, ihre Eltern zum Kauf zu bewegen. "Die stehen heute manchmal als Mittvierzigerinnen hier bei mir im Laden und erzählen von ihrem damaligen Trauma", erzählt Christoph Dieckmann. Mit dem neu erworbenen Rad geht's dann möglichst schnell zu den Eltern, um die tief sitzenden uralten Kränkungen aufzuarbeiten.

Solche Kränkungen hatte Torsten Schreiter in seiner Kindheit nicht erfahren. Weil er, geboren 1969, schon als Kind ein paar Jahre auf einem Rad mit Bananensattel herumgefahren war, ließ er sich 1997 als 28-Jähriger schnell von der Idee begeistern, bei der erstmals ausgeschriebenen Bonanza-Rad-Weltmeisterschaft teilzunehmen. Die fand zwar lediglich in Moers statt und wurde auch nur von deutschen Teilnehmern ausgefochten, doch Torsten Schreiter entwickelte Ehrgeiz: "Ich habe mir am Tag vorher noch schnell 70 Mark bei einem Freund geliehen und wieder ein Rad gekauft."

Seine langjährige Erfahrung auf BMX-Rädern war dann ein entscheidender Vorteil, als es darum ging, in den vier Disziplinen Kunstradfahren (eine Drei-Minuten-Kür), Bergrunterfahren (50 Meter von einem Grashügel), Slalom und Langstreckenvergleichskampf (drei Mal 500 Meter rund um den Moerser See) sein Können auf dem Bonanza-Rad zu zeigen. "Seitdem bin ich amtierender Bonanza-Weltmeister", sagt Schreiter - eine weitere WM hat nämlich nie stattgefunden. Das Weltmeister-Rad hängt heute noch bei ihm in der Garage, "aber gefahren bin ich damit schon lange nicht mehr".

Auf dem Bonanza rund um den Henninger Turm

Dabei müsste es eigentlich genug potenzielle Teilnehmer für neue Titelkämpfe geben: Mehr als 800 Original-Räder hat allein Christoph Dieckmann in den vergangenen Jahren verkauft, zehnjährige Steppkes (genauer: deren Väter) gehörten ebenso zu den Käufern wie ein Herz-Chirurg. "Lustige Vögel" seien alle seine Kunden, sagt Dieckmann. So wie das Paar aus den Niederlanden, das zwei Räder orderte "und original so aussah, als wären sie einer Bravo von 1977 entstiegen." 450 Euro berappen Bonanza-Fans heute für das Standardmodell T2 - gemessen an der damaligen Kaufkraft ist das sogar billiger als die 250 bis 300 Mark, die das Gerät in den siebziger Jahren kostete. Das Bonanza-Rad war damals gut doppelt so teuer wie ein normales Klapp- oder Sportrad.

Dass sich mit dem verhältnismäßig schweren Fahrrad auch sportliche Höchstleistungen vollbringen lassen, wurde spätestens 2006 bewiesen. Da meldeten sich nämlich zwei Bonanza-Rad-Fahrerinnen aus Bad Nauheim zum Straßenklassiker "Rund um den Henninger Turm" in Frankfurt an. Leider verirrten sich Katharina Hacker und Dorothee Schätzle beim Jedermann-Rennen über 35 Kilometer - und mussten dann weit über 50 Kilometer auf ihren 20-Zoll-Reifen absolvieren, um doch noch ins Ziel zu kommen.


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insgesamt 9 Beiträge zur Debatte
Christoph Dieckmann am 15. Mai 2013, 17:06
@G.Sobin:...sicherlich sind wir hier im anonymen Internet. Da kann man schon mal Gift und Galle kotzen, wie es einem die schlechte Erziehung erlaubt, allerdings würde ich...

Norbert Armbruster am 25. April 2013, 00:52
Ich bin "Baujahr" 1960 und kann mich noch sehr gut an diese Bonanza-Drahtesel erinnern. Persönlich fand ich sie (und finde sie heute noch) potthässlich. Viele...


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