| Rocken für den Frieden: Scorpions-Sänger Klaus Meine während eines Auftritts beim Moskauer Peace Rock Festival, dem "Woodstock der UdSSR", am 13. August 1989 im Lenin-Stadium. Im Rahmen des Festivals spielten die Scorpions vor über 100.000 Fans hinter dem eisernen Vorhang. Das Erlebnis inspirierte Meine zu dem Wiedervereinigungs-Hit "Wind of Change", mit dem die Scorpions 1991 rund um die Welt die Charts stürmten. |
Einigkeit und Recht und Umsatz: Im Glückstaumel des Mauerfalls verdienten sich Westmusiker von den Scorpions bis Neil Young mit Wendehymnen goldene Nasen. Unbekannter blieben dagegen die Wendesongs der DDR-Bands, obwohl die oft viel explosiver waren. Von Danny Kringiel
Breitbeinig steht Klaus Meine auf der Bühne von "Top of the Pops", eingerahmt von seiner Band, den Scorpions, und beginnt zu pfeifen. Begeisterter Applaus für das Lied, das von Menschen berichtet, die sich endlich so nah wie Brüder sind, von einem Sturm, der Freiheitsglocken läutet. Es ist 1991, Jahr eins nach der deutschen Wiedervereinigung, und das Lied, mit dem die Scorpions seit Wochen die Charts anführen, heißt "Wind of Change". Die Idee zu dem Lied war Meine gekommen, als die Scorpions 1988 beim "Music Peace Festival" in Moskau vor 100.000 Fans spielten. Mit mehr als 14 Millionen verkauften Exemplaren wurde das Lied zu dem größten Hit der Band, zu einer der erfolgreichsten deutschen Singles der Geschichte und zur Hymne der Wiedervereinigung. Genauer: zu einer der Hymnen.
Denn nachdem im November 1989 die Berliner Mauer gefallen war und am 3. Oktober 1990 die geteilte Republik zu einem Deutschland zusammengeführt wurde, entwickelte sich das Einheitshymnenschreiben zu einem Spitzengeschäft - mit entsprechend vielen Mitstreitern. Marius Müller-Westernhagen, David Hasselhoff, Roger Waters und viele andere zauberten plötzlich die Einheitshits hervor, die nicht selten beherzt umfunktionierte ältere Gassenhauer waren. Vor allem westliche Musiker verdienten sich so mit dem Ende des real existierenden Sozialismus eine goldene Nase. Dabei gab es auch aus dem Osten Wendehits, die oftmals viel ehrlicher, subversiver und wagemutiger waren als ihre westlichen Pendants - nur eben nicht so gut vermarktet.
"Fraiiiiha-a-a-a-aiiit!"
"Die Verträge sind gemacht", sang der Mann mit dem Hut, "und es wurde viel gelacht." In Christuspose stand Marius Müller-Westernhagen vor einem Meer aus Menschen, die Feuerzeuge über ihren Köpfen schwenkten und den Refrain mit anstimmten: "Freiheit, Freiheit/ Ist das Einzige, was zählt!" Mit der Liveversion seines Songs "Freiheit" eroberte Westernhagen 1989 die gefühlsschwangeren Herzen der neuvereinten Republik - und die Spitze der deutschen Hitparade. Das dazugehörige Album verkaufte sich mehr als eineinhalb Millionen mal. Dabei hatte der Sänger den Song bereits knapp drei Jahre zuvor geschrieben. Im Interview mit "Rheinpfalz" gab er 2010 zu, beim Schreiben gar nicht den Fall der Mauer im Sinn gehabt zu haben: "An so was habe ich damals überhaupt nicht geglaubt, sondern mich mit der ewigen Existenz von zwei deutschen Staaten abgefunden."
Für ähnlich unwahrscheinlich hatte wohl auch sein britischer Kollege Roger Waters, ehemaliger Bassist der Rocklegende Pink Floyd, eine deutsche Wiedervereinigung gehalten. Und so hatte er laut "musikexpress" im Juli 1989 eine voreilige Erklärung abgegeben: Der einzige Anlass, zu dem er noch einmal mit Pink Floyd live "The Wall" aufführen würde, wäre der Fall der Berliner Mauer. Seit acht Jahren hatten er und die anderen Pink-Floyd-Musiker sich nicht mehr auf der Bühne, sondern höchstens vor Gericht getroffen, um über Urheberrechte zu streiten. Und tatsächlich recycelte Waters nach dem Mauerfall am 21. Juli 1990 in Berlin vor 200.000 Zuschauern "The Wall" als gigantisches Livespektakel mit prominenten Gästen wie Bryan Adams und Cindy Lauper - aber ohne seine Pink-Floyd-Kollegen.
Plötzlich hatte jeder irgendwie in prophetischer Vorahnung einen Wende-Hit geschrieben: Neil Young veröffentlichte nur fünf Tage nach dem Mauerfall seine Single "Rockin' in the Free World", die ihm gemeinsam mit dem dazugehörigen Album "Freedom" nach einem kommerziell eher zähen Jahrzehnt ein steiles Comeback bescherte und die US-Charts stürmte. Und seine ehemaligen Bandkollegen Crosby Stills and Nash reisten am 20. November 1989 nach Berlin und ließen sich vor der Mauer filmen - für das Video zu ihrer Neuaufnahme der Single "Chippin' Away" (weghacken). Auch wenn das Lied von Graham Nash eigentlich schon sechs Jahre zuvor veröffentlicht worden war und sich nicht um den Fall der Berliner Mauer drehte.

Stippvisite im Sexshop statt Fahnenschwenken am...
West-Rock war für die SED-Bonzen "Dreck", viele Songs...
Das Pornoheft versteckte er unter der Fußmatte, die...