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1998

Zehn Jahre Viagra Als die Männer ihr blaues Wunder erlebten


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Girls, Girls, Girls!: Hugh Hefner posiert mit sieben Playmates bei den Grammy Awards 2001. Der Ur-Playboy prahlt noch heute damit sieben Freundinnen zu haben - und diese auch sexuell zu beglücken. "Ich nehme jeden Tag eine Viagra", erklärt der 81-Jährige.

Lust auf Rezept: Vor zehn Jahren warf der US-Pharmariese Pfizer eine kleine blaue Pille auf den Markt, die das Liebesleben der Männer revolutionieren sollte. Doch Viagra entwickelte eine soziale Nebenwirkung - wer immer kann, wird irgendwann zum Sklaven. Von Benjamin Maack



Video: Die kleine blaue Pille, die die Welt veränderte

Als 1998 die März-Ausgabe der "Öko-Test" erschien, las sich die Titelgeschichte wie ein endgültiger Abgesang auf Libido-Aberglauben und Potenz-Alchemie. Das Magazin machte den "Härtetest" mit Erektionshelfern aus Sex-Shops und Erotik-Mythen. Das Ergebnis: die "Emasex-N Rektalkapseln", die "Super Ständer Tropfen" und "Dauer Bumser Dragees", die geriebenen Nashorn-Hörner und pulverisierten Tigerhoden - allesamt wurden sie abgewatscht mit dem vernichtenden Urteil "ungenügend".

Nicht nur, dass keines der Mittel mehr als einen Placebo-Effekt entfaltete. In den meisten waren Stoffe enthalten, die allergische Reaktionen, unangenehme Reizungen und sogar Entzündungen auslösen können. So schien endgültig klar: Einen widerspenstigen Penis aufzurichten ist dem Chemiker ebenso unmöglich wie die Herstellung von Gold.

Dann kam die Wunderpille.

Ärzte schrieben sich die Finger wund

Viagra kam kurz darauf auf den amerikanischen Markt - und entpuppte sich schnell als heiliger Gral der Pharma-Industrie. Der Bedarf übertraf alle Erwartungen. In den ersten Wochen schrieben sich die US-Urologen die Finger wund. Bis zu 400.000 Rezepte stellten die Ärzte täglich aus. Die Nachfrage nach der babyblauen Raute legte vielerorts den regulären Praxisbetrieb lahm.

Doch die Potenz-Pille bewirkte weit mehr als zufriedene Kunden und steil steigende Aktienkurse beim Hersteller, dem Pharma-Konzern Pfizer (gesprochen "Pfeiser"). Denn durch Viagra gelangte ein Thema an die Öffentlichkeit, dass zuvor in den Schlafzimmern der Welt unter Verschluss gehalten wurde: Impotenz. Das New England Research Institute lieferte mit der "Massachusetts Male Aging Study" die schockierenden Fakten zum Phänomen.

Die Ergebnisse der Studie von 1994 waren verheerend: 39 Prozent der befragten Vierzigjährigen waren leicht, mittelschwer oder vollständig impotent, bei den Fünfzigjährigen waren es bereits 48 Prozent, 57 Prozent bei den Sechzigjährigen und 67 Prozent bei den Siebzigjährigen. Im Durchschnitt waren, laut der Studie 52 Prozent der befragten Männer von Impotenz betroffen.

Beischlafstätten wie Folterkammern

So wurde mit der Markteinführung von Viagra die Luft aus dem allgegenwärtigen Klischee vom "Mann der immer kann" heraus gelassen. Zugleich wurde der Begriff "Impotenz" - zu deutsch schlicht "Unvermögen" - in der öffentlichen Diskussion um die Wunderpille Viagra von einer anderen Wendung verdrängt. Man sprach nun lieber von "erektiler Dysfunktion". Aus dem schlichten "Nicht können" wurde so eine Krankheit, die behandelt werden kann. Auf diese Weise gab Viagra Millionen Männern den Mut, wegen ihres sehr persönlichen Problems einen Arzt aufzusuchen - ein riesiger Befreiungsschlag, eine zweite sexuelle Revolution und ein Aufatmen auch für jene Betroffenen, die sich schon vor Viagra nicht mit ihrem Schicksal abfinden wollten.

Vorher glichen deren Beischlafstätten mitunter Folterkammern. Denn neben den medizinischen Hilfsmitteln gegen Erektionsstörungen, erscheinen die von "Öko-Test" verdammten Tonika, Cremes und Tropfen aus den Sex-Shops wie Smarties. Penis-Pumpen wurden eingesetzt, die zu schmerzhaften Wassereinlagerungen im Glied führen konnten. Oder man wandte die SKAT-Methode an, die "Schwell-Körper-Autoinjektions-Therapie", bei der sich der Mann während des Liebesspiels eine Spritze direkt in den Penis setzen musste. Oftmals wurde durch diesen Eingriff das Schwellkörper-Gewebe auf Dauer so stark geschädigt, dass sich das eigentliche Problem noch verschlimmerte.

Die blaue Raute konnte vielen von ihnen helfen. Die Erfolgsraten bei den Tests lagen zwischen 68 und 84 Prozent bei verschiedenen Impotenz-Ursachen wie Bluthochdruck, Diabetes und sogar Rückenmarksverletzungen. Der Mann warf einfach rund eine Stunde vor dem Sex eine Tablette ein und war danach für etwa vier Stunden einsatzbereit.

Wohlfühl-Chemie und "Mors in Coitu"

Dieses Versprechen machte die Pille allerdings nicht nur zum heilsamen Medikament für viele Betroffene, sondern auch schnell zu einer der heißesten Lifestyle-Drogen. In Nachtclubs wurde das verschreibungspflichtige Viagra in rauen Mengen genommen, um später im Bett genauso ekstatisch weiterzufeiern. Und das trotz Nebenwirkungen wie roten Ohren, Kopfschmerzen und Durchfall.

Auch in der High Society gehörte die Pille, neben dem Antidepressivum Prozac und Botox, dem Faltenkiller, schnell zur heiligen Dreifaltigkeit der Wohlfühl-Chemikalien. Einige Prominente wurden zu redseligen Abnehmern der Steh-auf-Pille. Wenige Wochen nach dem Erscheinen von Viagra sorgte beispielsweise der 74-jährige US-Senator Bob Dole, ein Südstaaten-Republikaner, in der Show von Talkmaster Larry King für Schlagzeilen, als er offen über seinen Prostata-Krebs sprach. Der Politiker, der 1996 den Wahlkampf gegen Clinton verloren hatte, erklärte, dass er durch seine Krankheit impotent geworden sei und berichtete, er habe an den Tests zu Viagra teilgenommen. "Es ist ein Wunder", fügte der Politiker lachend hinzu.

Trotzdem kam nach dem ersten großen Hype Katerstimmung auf. Nur zwei Monate nach dem Erscheinen der Pille in den USA machte, neben der "erektilen Dysfunktion" ein zweiter Begriff die Runde: "Mors in Coitu" - der Tod beim Geschlechtsverkehr. Sechs Männer waren in den USA nach der Einnahme von Viagra gestorben, drei Konsumenten aus Ägypten lagen auf der Intensiv-Station. "Ist Männern Sex wichtiger als ihr Leben?" fragte die "Bild"-Zeitung. Die Pfizer-Aktien fielen um 3,4 Prozent. Der Konzern erinnerte noch einmal daran, dass es sich bei Viagra um ein verschreibungspflichtiges Medikament handele und wiederholte die Hinweise zur Einnahme der Tabletten: für Frauen ungeeignet, zusammen mit nitrat- oder nitroglyzerinhaltigen Herzmedikamenten lebensgefährlich.

Werbung wie für Sportwagen

Als die Pille im Herbst 1998 auch in Deutschland zugelassen wurde, waren die Bedenken zerstreut. Viagra konnte auch hier seinen weltweiten Erfolg fortführen. Heute macht das Unternehmen Pfizer einen jährlichen Umsatz von rund 1,2 Milliarden Euro mit Viagra-Pillen. 2007 wurden knapp zwei Millionen Packungen allein in Deutschland verkauft. Die vielen Fälschungen, die illegal vertrieben werden nicht mitgerechnet.

Die Potenzhilfe scheint also im Alltag angekommen. Auf der Viagra-Website zumindest wird das Mittel beworben wie ein neuer Sportwagen in einem Männermagazin. Man zitiert Goethe ("Es ist nicht genug zu wissen, man muss es auch anwenden. Es ist nicht genug zu wollen, man muss es auch tun.") und den Physiker Niels Bohr ("Alles ist möglich, vorausgesetzt, dass es genügend unvernünftig ist."), verweist auf "Harte Fakten" und bietet einen "Männertest" an bei dem per Multiple-Choice ermittelt wird, ob man eher "Der Ängstliche", "Der Enthaltsame" oder "Der Draufgänger" ist.

Ganz nebenbei wird natürlich suggeriert, was bei Ängsten oder Unsicherheiten in Sachen Sex helfen kann. Und das ist nicht unbedingt ein Gespräch mit der Partnerin. So wird die unscheinbare blaue Raute, die in den Neunzigern für eine neue Offenheit sorgte, heute von Pfizer als Power-Pille für ganze Kerle vermarktet. Und macht den befreiten Mann wieder zum vermeintlichen Immer-Könner. Eigentlich schade.



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insgesamt 1 Beiträge zur Debatte
Eberhart Adam am 9. März 2009, 09:43
Eine fast schon satirisch zu nennende Hintergrundinformation: Viagra war als Blutdruckmittel konzipiert, und die ersten klinischen Studien liefen unter dieser Indikation. Das Zeug...


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