Er war ein Allerweltsauto und kam urplötzlich zu Klassikerehren. "Mit einem 200 D fährt man nicht, obwohl er langsam ist, sondern gerade weil er langsam ist." Sagen die Fans über den liebevoll "Strich-Acht" genannten Mercedes.
Liebhaber-Autos. In einer Zeit rasender Geschwindigkeit brauchen wir Dinge, die uns innehalten lassen. Dinge, die uns Zeit schenken - Zeit zum Nachdenken und zum Verstehen. Zeit für das Eigentliche im Leben. Zeit für die Zeit. Glaubt man den Hochglanzprospekten sind Füllfederhalter solche Zeitspender, auch handgearbeitete Präzisionsuhren fangen die Zeit scheinbar für uns ein. Und - oh Wunder - auch Automobile können zur Entschleunigung beitragen. Natürlich nicht alle, aber der vollmechanische Mercedes-Benz 200 Diesel der Baureihe W 114/115 mit seinen 55 PS, zwei Litern Hubraum und knapp 1,5 Tonnen Leergewicht ist so ein Entschleunigungsfaktor. In unserer von Technik entseelten Zeit ist er die Reinkarnation lang ersehnter Langsamkeit. Und genau das brauchen wir jetzt.
Das Problem ist nur: Sie sind selten geworden. Rostfraß, Flower-Power-Fahrer und Ökosteuer haben die Diesel-Daimler von altem Schrot und Korn in Deutschland nahezu ausgerottet. Wenn heute ein gut erhaltener, arabergrauer oder ahorngelber Mercedes aus den siebziger Jahren durch die Straßen rollt, kommt es schon vor, dass ihm neugierige Blicke hinterher geschickt werden. Zwischen all den Cw-Wert optimierten Schnauzen moderner Fahrzeuge ist er mit seinen Hochkantscheinwerfern einfach ein Gesicht in der Menge. Das Allerweltsauto des letzten Jahrhunderts ist plötzlich wer: Eine Persönlichkeit. Als Mercedes-Händler 1999 die facegelifteten E-Klassen in ihren Verkaufshallen vorfuhren, parkten manche einen 200 D daneben und legten ein Schild mit just diesen Worten hinter die Windschutzscheibe: Eine Persönlichkeit.
Verschnitt aus Spießbürger und Biedermann
Das war nicht immer so. SPIEGEL-Redakteure schrieben in ironischem Tonfall über den Diesel-Benz: "Sie waren das maßgeschneiderte Vehikel für die ländliche Bevölkerung, die im gemächlichen Rhythmus der Fruchtfolge lebte und mit tannengrünen Gummistiefeln im tannengrünen Mercedes 200 D durch die Fluren zockelte." Irgendwie wurde der 200 D, wenn überhaupt, dann nur als Verschnitt aus Spießbürger und Biedermann wahrgenommen. Und tatsächlich fühlte sich das Fahrzeug in pflegender Rentnerhand und auf beschaulichen Alleestraßen besonders wohl, der innerstädtischen Rush-Hour war sein Drehmoment nicht gewachsen, der Bauern-Benz mutierte zum Verkehrshindernis.
Es kam aber noch schlimmer. Die autonome Szene nahm sich seiner an. Kurzerhand beschlagnahmten sie das Automobil des kapitalistischen Klassenfeindes, malten Gänseblümchen und Anarchiezeichen auf die Türen und schwärmten so zu ihren Demos aus. Und die wenigen Strich-Achter - so heißt das Baumuster in Liebhaberkreisen auf Grund der Markteinführung im Jahr 1968 - mit gehobener Ausstattung bekamen von Achmed noch zwei Paar Orientteppiche verpasst, und ab ging es zum Export in den Nahen Osten.
Wer es trotz allem Unbill noch in den neunziger Jahren tatsächlich wagte, und mit einem Strich-Acht bei der Mercedes-Benz-Vertragswerkstatt vorfuhr, erntete nur mitleidige oder gar strafende Blicke. Selbst mopedfahrende Lehrlinge konnten sich eine spöttische Bemerkung nicht verkneifen. Ein Mercedes für Arme eben, dieses Seitenstraßenimage haftete ihm viele Jahre an.
Epoche der Sachlichkeit
Dabei hatten die Strategen bei Daimler wieder einmal alles so schön ausgeklügelt - damals in den sechziger Jahren. Der 200 D, gebaut von 1967 bis 1976, löste rein formal die goldene Heckflossenära im Hause Mercedes-Benz ab. Tatsächlich stand er aber für mehr. Seine schlichte, sehr aufgeräumte Karosserie aus der Hand des langjährigen Chefdesigners Paul Bracq läutete bei Mercedes die Epoche der Sachlichkeit ein. Schlichtheit und Sicherheit wurden groß geschrieben: Von "Sicherheitskopfstützen, Sicherheits-Außenspiegeln und Sicherheits-Automatikgurten" sprach der Verkaufsprospekt. Und bei Mercedes formulierte man seitdem vornehm: "Eleganz heißt, in Rufweite hinter der Mode zu sein."
All das konnte indes eines nicht verhehlen: Die - wohlwollend ausgedrückt - gutmütigen Fahreigenschaften des Strich-Acht. Schnelligkeit ist seine Sache nie gewesen, da unter der Haube noch das alte, wenn auch bewerte Heckflossenaggregat zu Werke ging. Beim "0-auf-100-km/h-Test" kann sich die Stoppuhr Zeit lassen. Der Sekundenzeiger braucht auch heute noch über eine halbe Minute, bis die Tachonadel endlich die 100er Marke touchiert. Tatsächlich dürfte der 200 D eines der langsamsten Großserienfahrzeuge aus dem Hause Mercedes-Benz sein. Die Anpreisung im Verkaufsprospekt klingt daher auch eher wie eine Entschuldigung: "Die Höchstgeschwindigkeit des 200 D von 130 km/h ist Dauergeschwindigkeit - wenn Sie so wollen über Hunderte von Kilometern ohne Unterbrechung und ohne große körperliche Beanspruchungen, was nicht überall selbstverständlich ist." Immerhin: Auch der Kraftstoffverbrauch unter Volllastbedingungen fällt mit deutlich unter zehn Litern moderat aus.
Wer indes auf Spurtstärke Wert legte, kaufte ohnehin keinen Diesel, sondern einen Strich-Acht mit 2,8-Liter-Einspritztriebwerk. Dieses Automobil war - rein äußerlich - bis auf eine leicht abgewandelte Stoßstangenform und das doppelte Auspuffrohr nicht vom 200 D zu unterscheiden. Understatement par excellence. Die 185 PS katapultierten den großen Bruder allerdings in nur 9,9 Sekunden von 0 auf 100 km/h, und die Tachonadel machte erst bei 200 km/h halt. Die Wölfe in Schafspelzen waren allerdings auch fast doppelt so teuer wie die Dieselschnecken, die bei Einführung 12.000 Mark kosteten.
Werkslackierungen in Mimosengelb und Cayenneorange
Trotz der großen Konkurrenz aus dem eigenen Haus, der scheußlichen Werkslackierungen in Mimosengelb und Cayenneorange, wider aller Sottisen und Spötteleien: Die Verkaufsschlager der Baureihe Strich-Acht waren der 200 D und der fünf PS stärkere 220 D. Fast eine Million Mal wurden die Dieselfahrzeuge verkauft. Vielleicht zehntausend dürften bis heute in Deutschland überlebt haben. Die wenigsten sind noch in pflegender Rentnerhand - Studenten mit Hang zur Avantgarde, Individualisten des Mittelstandes, Jungunternehmer aus der New Economy, Anwälte, Ärzte und Life-Style-Journalisten haben sich seiner erbarmt. Die Preise der Kultwagen steigen seit den neunziger Jahren kontinuierlich an, für die wenigen, gut erhaltenen Exemplare sind mittlerweile wieder die Neuwagenverkaufspreise von 1968 maßgeblich.
Tiefe Blicke in Kotflügel, Schwellerbereiche und Türinnenleben sollte sich allerdings kein Kaufinteressent verwehren lassen, dem Rost bieten sich hier bekömmliche Nährböden. Wer es sich stattdessen verkneifen kann, unterwegs auf den Tacho zu gucken, fährt allzeit gut mit einem 200 D. Die sprichwörtliche Mercedes-Zuverlässigkeit ist ständiger Begleiter, Hektik hat in diesem Fahrzeug indes keinen Platz. In all der Rastlosigkeit ist der Wagen ein Zeitanker, den Kenner neben ihrer mechanischen Uhr oder dem Füllfederhalter nicht missen möchten: "Mit einem 200 D fährt man nicht, obwohl er langsam ist, sondern gerade weil er langsam ist."
Mathias Paulokat
Erschienen auf SPIEGEL ONLINE am 23.01.2001
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