Glut, Schweiß und Drehen: "Battle Of The Year" heißt die WM der besten Breakdance-Tänzer. Seinen Anfang nahm der Wettkampf 1990 in einem Freizeitzentrum in Hannover mit gestohlenen Bauzäunen, ballonseidenen Trainingsanzügen - und einer Schießerei an der Eingangstür. Von Bruno Pischel
Eine Gruppe Jugendlicher fährt mit einem Kleinwagen in Schrittgeschwindigkeit vor den Eingang eines Freizeitzentrums in Hannover. Sie tragen schwarze, weite Klamotten und Baseball-Caps - typische "Gangster-Rapper"-Uniformen. Plötzlich stecken sie ihre Uzis aus dem Autofenster und eröffnen das Feuer. Dass die Waffen aus Plastik sind und die Munition nur heiße Luft ist, weiß der verdutzte Türsteher der Veranstaltung nicht. Er ist mit einer scharfen Pistole bewaffnet, schmeißt sich auf den Boden und eröffnet seinerseits das Feuer. Glücklicherweise kommen bei der Schießerei vor dem ersten unabhängigen Breakdance-Wettbewerb in Deutschland alle mit dem Leben davon. Hannover ist eben doch nicht Los Angeles.
Normalerweise finden hier Senioren-Nachmittage und Meerschweinchen-Ausstellungen statt, doch an diesem Abend im Juni 1990 riecht es nach Turnhallenschweiß. Weil bereits überall Tänzer in kleinen Gruppen ihr Können zeigen, herrscht in der Halle eine Luftfeuchtigkeit wie in einem Gewächshaus. 500 Besucher sind heiß auf das erste Kräftemessen im Breakdance und bezahlen dafür die fünf D-Mark Eintritt, schnell füllt sich der Saal.
"Die Stelle, an der die Tänzer auftreten sollen, haben wir mit einem Metallzaun abgesperrt, den wir uns in einer Nacht- und Nebelaktion von einer Baustelle ausgeliehen haben." Noch heute zieht ein breites Grinsen über das Gesicht von Thomas Hergenröther, wenn er daran denkt, wie schnell die Absperrung abgerüstet war. "HipHop-Klientel ist Knigge-resistent, jeder wollte in der ersten Reihe sitzen", sagt er und lacht.
Moonwalk statt Rumpfbeugen
Hergenröther ist Break Dancer der ersten Stunde. Als im April 1983 das ZDF den Film "Wild Style", eine Dokumentation über die New Yorker HipHop-Szene zeigt, drehen sich am nächsten Tag in Schulen, Turnhallen und Wohnzimmern Jugendliche auf Rücken und Köpfen. "So richtig verstanden habe ich nicht, was da passiert", gesteht Hergenröther. "Aber ich wusste sofort, dass es mich absolut fasziniert und ich nichts anderes mehr machen will."
Nicht nur Hergenröther wird von dem neuen Tanzstil angefixt, ganz Deutschland ist im Breakdance-Fieber. Im April 1984 erreicht das B-Boying, wie Breakdance auch genannt wird, seinen absoluten Höhepunkt: die "Bravo" widmet dem Thema ein Sonderheft und richtet eine Deutsche Meisterschaft aus.
Das ZDF peppt die alten Kulissen der angestaubten Fitness-Sendung "Enorm in Form" auf, stellt samstäglich um fünf Uhr nachmittags den Komödianten Eisi Gulp als Eintänzer vor die Studiokamera. In deutschen Wohnzimmern werden jetzt Moonwalk und Kneespin aus Amerika anstatt Rumpfbeugen von Turnvater Jahn geübt. "Die Sendung und die Moves waren grausig. Halbgares Geturne, was mehr nach Gymnastik als nach Breakdance aussah. Trotzdem haben wir alle vor der Glotze gesessen, um nichts zu verpassen", gesteht Hergenröther. In einer Tanzschule belegt er wie viele Teenager einen Breakdance-Kurs. Im Netzhemd und mit weißen Handschuhen ausgestattet lernt er die Grundschritte.
Was fehlt, ist ein echter Kampf
Doch genau so schnell, wie er gekommen war, verschwindet der Hype wieder aus der Öffentlichkeit, 1986 ist die Mode schon wieder vorbei. Alle, die der Sache jetzt noch treu bleiben, meinen es wirklich ernst mit dem Tanz. "Die Jungs waren genau jene, vor denen mich meine Mutter immer gewarnt hat: Sie kamen aus sozialen Randgruppen, schwierigen Familienverhältnissen, viele waren Ausländer und suchten auf der Straße mit Imponiergehabe nach Anerkennung." Aber mit diesen Jungs hat Hergenröther damals das Gefühl, dem Lifestyle der B-Boys nahe zu sein. An verwegenen Orten abhängen, Graffitis sprühen. Oder sie tanzen im Hauptbahnhof von Hannover: "In Ecken, wo eigentlich nur Obdachlose oder Prostituierte rumhingen, haben wir unseren Ghettoblaster aufgestellt und trainiert." Alles, was jetzt noch fehlt, ist ein Battle, ein echter Wettkampf.
Unter der Schirmherrschaft der IDO, der International Dance Organisation, findet bereits eine Breakdance-Weltmeisterschaft statt. Dort bewerten aber die gleichen Punktrichter Walzer, Breakdance und Tango. Das kann nicht gutgehen. Der Entschluss steht fest: Thomas Hergenröther und seine "J-Force Posse" organisieren für das nächste Jahr einen Tanzwettbewerb nur für B-Boys. Der "Battle Of The Year" ist geboren.
Mancher B-Boy verschwand einfach über Nacht
20 Einladungen haben Hergenröther und seine Mitstreiter auf der Schreibmaschine getippt und verschickt. "Und dann kamen Tänzer aus England, der Schweiz und der DDR, die vorher noch niemand von uns gesehen hat", schwärmt Hergenröther über die internationale Atmosphäre beim "International Breakdance Cup", wie das Battle beim ersten Mal noch heißt.
Der Rest ist eher provinziell: Der Boden ist mit Holzparkett ausgelegt, einen besseren Untergrund gibt es zum Breaken nicht. Modisch ist man 1990 noch in den Achtzigern - Trainingsanzüge aus Ballonseide und Frottee-Stirnbänder stehen hoch im Kurs. Die Ordner, die sich optisch in ihrer HipHop-Kluft nicht von den Zuschauern unterscheiden, haben Mühe, die Tanzzone freizuhalten, die zwischenzeitlich immer wieder auf Tischdeckengröße zusammenschrumpft.
Die Tänzer machen sich im Backstage-Raum bei Neonlicht, Cola und selbstgeschmierten Brötchen warm. Zehn Crews liefern nacheinander ihre Show ab, am Ende gewinnt die deutsche Gruppe TDB, was "Tod durch Breakdance" bedeutet. Besonders positiv fällt ein talentierter Tänzer mit dem Namen "Trickz" auf. Zwei Jahre später setzt er sich mit Heroin den Goldenen Schuss. "Auch das gehörte damals zur B-Boy-Szene: Begnadete Tänzer verschwanden über Nacht auf Nimmerwiedersehen, manche landeten im Knast oder auf dem Friedhof."
Explosion auf der Expo
1991 geht der Battle in die zweite Runde, nun heißt der Event offiziell "Battle Of The Year", kurz BOTY. Dieses Mal sitzen bereits lokale Sponsoren im Boot. Es riecht zwar immer noch nach Jungs-Umkleide, aber schon mehr nach großer Bühne. "Man hat sich gewundert, aus welchen Löchern Tänzer gekrochen kamen", erinnert sich Hergenröther. Nun war klar, dass Breakdance überall in Europa überlebt hatte. "Es konnte bei dem Qualitätslevel nie tot gewesen sein. Man hatte bloß nicht die leiseste Ahnung voneinander!"
Heute ist der BOTY längst ein Mega-Event. Den Superschub bekommt der Wettbewerb, als er im Jahr 2000 auf der Expo stattfindet. Die gewaltige Werbetrommel der Expo und der Boom des Deutsch-Rap bescheren dem Breakdance-Wettbewerb eine ungeahnte Prominenz. 10.000 Menschen sehen den Battle in der großen Arena auf der Weltausstellung, 4000 Leute stehen vor der Tür und passen nicht mehr hinein. Auf dem Schwarzmarkt werden für Tickets 600 Mark bezahlt.
Das ist die Bekanntheit, die sich Thomas Hergenröther immer für den Wettbewerb gewünscht hat. Bis ins Jahr 2009 veranstaltet er den "Battle Of The Year" in der Braunschweiger Volkswagenhalle, dieses Jahr findet es erstmals außerhalb von Deutschland statt. Leben kann er von diesem einen Event im Jahr nicht. Aber er hat aus einem Hobby die Weltmeisterschaft im Breakdance gemacht.
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