Das Killerkommando kommt mit Sonnenbrillen und Rucksack: In Dubai wird der Waffenhändler der palästinensischen Hamas, Mahmud al-Mabhuh, vom Mossad liquidiert. Israel verwendet bei der Operation gefälschte Dokumente und brüskiert auch die Bundesrepublik - einer der Agenten tarnt sich mit deutschen Reisepass. Von Christoph Schult
Jahresrückblick 2010
Februar
Am Mittag des 20. Januar, um genau 13.30 Uhr, öffnen Angestellte des Dubaier Luxushotels Bustan Rotana die Tür zu Zimmer Nummer 230. Es sieht aus, als hätte der Gast den Raum von innen verriegelt, bevor er sich schlafen legte. Seine Ehefrau hatte besorgt aus dem Ausland an der Rezeption angerufen, weil ihr Mann nicht mehr an sein Telefon gegangen war. Zuletzt war er am Abend in der Lobby gesehen worden, in der Hand eine Tüte mit neuen Schuhen.
Die Hotelangestellten finden den Mann leblos in seinem Bett liegend. Ein Arzt wird herbeigerufen, er stellt einen Totenschein aus: gestorben an einer Gehirnblutung. Ein voreiliger Befund, doch das wird die Welt erst später erfahren.
Erste Zweifel an einem natürlichen Tod kommen der Polizei von Dubai, als sie die Identität des Mannes herausfindet: Mahmud al-Mabhuh, Palästinenser, geboren am 14. Februar 1960 im Flüchtlingslager Dschabalija im Gaza-Streifen, Mitbegründer des militärischen Flügels der Hamas Ende der achtziger Jahre. Während der ersten palästinensischen Intifada hatte er, verkleidet als religiöser Jude, zwei israelische Soldaten entführt und ermordet. Nach der Tat war er untergetaucht und zu einem wichtigen Führer der Hamas im Exil aufgestiegen.
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Mabhuh ist von Damaskus, dem Sitz des Hamas-Politbüros, nach Dubai gereist, von dort will er weiter in den Sudan. An der afrikanischen Ostküste kommen per Schiff viele der Raketen an, die dann auf dem Landweg über Ägypten in den Gaza-Streifen geschmuggelt werden: Mabhuh gilt als Chef-Waffenhändler der Hamas.
Einen Monat nach seinem Tod, am 15. Februar, überrascht der Polizeichef von Dubai, Dahi Chalfan Tamim, die Weltöffentlichkeit mit einem spektakulären Video. Auf 27 Minuten rekonstruiert es die letzten Stunden von Mabhuh. Das Fazit des Polizeichefs: Die Untersuchungen würden "zu 99 Prozent" darauf hinweisen, dass ein Kommando des israelischen Geheimdienstes Mossad den Hamas-Mann liquidiert habe.
In wochenlanger akribischer Recherche hat die Dubaier Polizei Aufnahmen von zwei Dutzend Überwachungskameras ausgewertet. Darauf haben die Ermittler mindestens elf Männer und Frauen identifiziert. Sie reisten auf unterschiedlichen Flügen in das Emirat und benutzten Pässe verschiedener westlicher Staaten. Sie wechselten ihre Hotels und veränderten ihr Aussehen: mit Perücken, Hüten und falschen Bärten.
Seit seiner Ankunft in Dubai mit dem Emirates-Flug EK 912 aus Damaskus wird Mabhuh beschattet. Er steigt im Bustan-Rotana-Hotel ab, ein untersetzter Mann mit Schnauzer, der die Gewohnheit hat, sich alle paar Schritte umzudrehen. Aber es fällt ihm nicht auf, als sich noch zwei Gäste mit Tennisschlägern und Frotteetuch über der Schulter hinter ihm in den Fahrstuhl drängen.
Die als Sportsfreunde getarnten Agenten merken sich die Nummer von Mabhuhs Zimmer und geben die Nummer des gegenüberliegenden Raums an den mutmaßlichen Chef des Kommandos, Tarnname Peter Elvinger, durch. Elvinger erkundigt sich telefonisch an der Rezeption, ob Zimmer 237 noch frei sei. "No problem, Sir." Die Logistik für die Liquidierung eines der erbittertsten Feinde Israels steht.
Um 18.34 Uhr betritt das eigentliche Killerteam das Bustan Rotana, vier Männer, allesamt breitschultrig, verkleidet als typische Dubai-Touristen: Baseballkappe, Rucksack und Einkaufstaschen. Alle Türschlösser des Hotels sind mit einem ausgefeilten Kartensystem geschützt, das sämtliche versuchte Öffnungen aufzeichnet. Für Punkt 20 Uhr registriert das System einen Öffnungsversuch durch eine unbekannte Karte am Schloss von Zimmer 230.
Mabhuh kauft zu diesem Zeitpunkt ein. Um 20.24 Uhr ist er zurück. Wieder schöpft er keinen Verdacht, als auf dem Flur ein Mann in Hoteluniform und eine Frau mit dunkelhaariger Perücke auf und ab gehen - Agenten, die Schmiere stehen. Was in den folgenden 19 Minuten passiert, wird von keiner Videokamera festgehalten. Wahrscheinlich wird Mabhuh erst mit einem Elektroschockgerät betäubt und dann mit einem Kissen erstickt.
Keine 24 Stunden später sind alle Agenten außer Landes. Sie wähnen sich in Sicherheit. Sie wissen zwar, dass es in Dubai von Überwachungskameras nur so wimmelt. Aber sie ahnen nicht, dass die Polizei von Dubai sowohl die technischen Möglichkeiten als auch die Geduld hat, Hunderte Videoschnipsel auszuwerten.
Offiziell mag die Regierung in Jerusalem die Aktion weder bestätigen noch dementieren. "Die Araber haben die Tendenz, Israel für alles im Nahen Osten die Schuld zuzuschieben", kommentiert Außenminister Avigdor Lieberman. Doch auf der Straße spricht man bald offen darüber. Die meisten nehmen die Enttarnung der Agenten eher mit Belustigung auf. Alle israelischen Zeitungen veröffentlichen die Dubaier Fahndungsfotos. "Erkennt ihr sie?", fragt die Tageszeitung "Maariv" ihre Leser. Israel ist ein kleines Land: siebeneinhalb Millionen Einwohner auf einer Fläche des Bundeslands Hessen.
Weniger amüsant ist das Outing für jene Israelis, deren Identität vom Mossad für die Operation benutzt wurde. "Das ist erschreckend", sagt Stephen Daniel Hodes, der Jahre zuvor aus Großbritannien eingewandert war. Mit einem britischen Pass auf seinen Namen reiste einer der Agenten nach Dubai ein.
Mit Empörung reagieren auch die Regierungen jener Länder, deren Pässe der Mossad benutzt hat. Der britische Außenminister David Miliband nennt Israels Vorgehen eine "Unverschämtheit" und bestellt den israelischen Botschafter ein. In Berlin wird nur der stellvertretende Botschafter zum Gespräch ins Auswärtige Amt gebeten, aber Minister Guido Westerwelle spart öffentlich nicht an Kritik: "Angesichts der bisher bekanntgewordenen Informationen halte ich es für dringend geboten, die Umstände des Todes von Mahmud al-Mabhuh gründlich aufzuklären."
Die Deutschen werfen Jerusalem gleich doppelte Chuzpe vor. Zum einen ist Mabhuh liquidiert worden, während der Bundesnachrichtendienst auf Israels Bitten einen Gefangenenaustausch mit der Hamas zu vermitteln sucht. Zum anderen hat sich einer der Agenten einen echten deutschen Pass mit Hilfe einer falschen Legende erschlichen.
Ein Dreivierteljahr vor dem Attentat spricht ein Mann beim Kölner Einwohnermeldeamt vor. Er gibt seinen Namen mit Michael Bodenheimer an. Er sei Israeli und beantrage die deutsche Staatsbürgerschaft nach Artikel 116 des Grundgesetzes, weil sein Vater vor dem Holocaust aus Deutschland geflohen sei.
Die Bundesanwaltschaft nimmt nun Ermittlungen wegen geheimdienstlicher Agententätigkeit auf. Sie findet heraus, dass ein zweiter Israeli mit dem Namen Uri Brodsky bei der Beschaffung des Ausweises geholfen hat.
Karlsruhe lässt nach Brodsky EU-weit fahnden, im Juni wird der Israeli bei der Ankunft am Flughafen Warschau verhaftet. Das zuständige polnische Gericht entscheidet jedoch, den Mann nicht wegen des Verdachts der Agententätigkeit an Deutschland auszuliefern, sondern lediglich wegen des Tatbestands der Falschbeurkundung.
Im August wird Brodsky in die Bundesrepublik überstellt, kommt aber auf Kaution frei und reist wohl umgehend zurück nach Israel.
Dass ein Israeli ausgerechnet den Holocaust benutzt, um sich einen deutschen Pass zu erschleichen, empört die Deutschen. Die meisten Israelis hingegen finden, die Deutschen hätten aufgrund ihrer Geschichte den Juden keine Lehren in Sachen Moral zu halten. "Gezielte Tötungen" gehören für sie zum Repertoire der "Selbstverteidigung".
Auch für Mossad-Chef Meïr Dagan ist der Holocaust die Triebfeder seiner Arbeit. "Wir sollten stark sein, unseren Kopf benutzen und uns verteidigen, so dass sich der Holocaust nicht wiederholt", sagte er einmal. In seinem Büro hängt das Foto eines alten Juden, der vor einem Graben steht. Ein SS-Offizier zielt mit seiner Waffe auf den Mann. "Dieser alte Jude", pflegt Dagan Besuchern zu erklären, "war mein Großvater."