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1977

Weihnachts-Anarchie Ho, Ho, Horrorshow


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Löwe mit Mütze: Hunderte Weihnachtsmänner bevölkerten am 11. Dezember 2010 den Trafalgar Square in London und bestiegen den Löwen der Nelson-Statue. Die Organisatoren der jährlichen, "SantaCon" getauften Veranstaltung bezeichneten die Aktion als eine "nicht gewinnorientierte, unpolitische, nicht religiöse und sinnbefreite Feier der weihnachtlichen Freude, des guten Willens und des Spaßes".

Erhängte Weihnachtsmänner, besoffene Nikoläuse und Exhibitionisten mit falschem Bart: In den Siebzigern legte die kapitalismuskritische Aktion einer Theatergruppe den Grundstein für "SantaCons" - Massenaufläufe falscher Weihnachtsmänner. Aus dem Protest wurde bald Spaß - und dann eine rote Bedrohung. Von Danny Kringiel


Am 12. Dezember 1996 warnte ein seltsames Memorandum die Polizei von Portland vor einer grotesken Terrorgefahr: Noch am 13. Dezember würden 60 Mitglieder einer Geheimgruppierung aus San Francisco einfliegen. Vor Ort würden zu dieser Kernzelle weitere 30 Individuen aus Los Angeles stoßen, sowie eine unbekannte Anzahl von Personen aus Seattle und Eugene. Die Gruppe habe mehrere Ziele in Portland im Visier: Den gut besuchten Saturday Market, die Schlittschuhbahn im Oaks Park, das "Lloyd Center" - ein großes Einkaufszentrum - sowie mehrere andere Orte im Herzen Portlands. Alle Läden in der Innenstadt sollten vorsorglich "besondere Sicherheitsmaßnahmen" für das Wochenende ergreifen.

Am nächsten Tag rückte ein Großaufgebot der Polizei in Schutzausrüstung am Flughafen an. Doch aus dem Flugzeug stiegen weder Guerillakämpfer in Tarnanzügen noch Terroristen mit Maschinengewehren - sondern 60 Weihnachtsmänner. Es waren Mitglieder der "Cacophony Society", einer anarchischen Spaßgesellschaft aus San Francisco, die zur "SantaCon" aufgerufen hatte, einer anarchischen weihnachtlichen Verkleidungsparty. Doch die Party-Weihnachtsmänner wurden keineswegs mit offenen Armen empfangen. Die Polizisten hätten sie mit vorgehaltenen Waffen zusammengetrieben und gewarnt: "Was auch immer sie vorhaben, die Stadt Portland wird es nicht dulden, dass sie den heiligen Nikolaus symbolisch verbrennen", erinnert sich Autor Chuck Palahniuk, prominentes Mitglied der Gruppe.

Veranstaltungen, bei denen Scharen von Weihnachtsmännern und -frauen zusammentreffen, um in der Heiligen Nacht ganz und gar unheiliges Verhalten wie Gruppenbesäufnisse oder Karaokesingen an den Tag zu legen, hatten schon 1996 eine lange Tradition. Ursprünglich in den Siebzigern als Protestaktionen geboren, entwickelten sich kollektive Weihnachts-Entweihungen unter Namen wie "Santa Claus Escapade", "Santarchy" oder "Santa Rampage" in den Neunzigern immer mehr zu völlig unpolitischen Massenfeiern. Bis die Dinge irgendwo zwischen Glühwein, "Ho, Ho, Ho"-Rufen und Schneeballschlachten völlig außer Kontrolle gerieten.

Polizisten verprügeln Weihnachtsmänner

Schon zwei Jahrzehnte vor dem Weihnachtsmanngroßeinsatz am Flughafen von Portland war Kopenhagen von einer ähnlichen roten Armee getroffen worden. Kurz vor Weihnachten 1974 landete ein Hubschrauber mit dem Weihnachtsmann in Begleitung eines Engels in Holbaek, einem Dorf in der Nähe von Kopenhagen. Nach einer freundlichen Begrüßung durch den Bürgermeister und einen Blockflötenchor ritten Weihnachtsmann und Engel auf einem weißen Pferd nach Kopenhagen. Von der dort anlegenden Oslo-Kopenhagen-Fähre strömten weitere 75 Weihnachtsmänner und Engel in die Innenstadt. Sie schwenkten Dänemark-Fahnen, sangen Weihnachtslieder und zogen eine neun Meter hohe Weihnachtsgans auf Rollen hinter sich her. Aber was die Bürger Kopenhagens für einen festlichen Umzug hielten, sollte eine ganz und gar unfestliche Wendung nehmen.

Im Laufe der kommenden Tage verloren die Auftritte der Weihnachtsmannarmee immer mehr ihre kitschige Unschuldigkeit. Nikoläuse tauchten plötzlich überall auf: Sie marschierten in Doppelreihe im Innenhof der Polizeihauptwache auf. Sie tanzten mit den verbliebenen Arbeitern in einer stillgelegten General-Motors-Fabrik, deren Produktion nach Deutschland verlegt worden war. Sie liefen durch die Straßen Kopenhagens und sangen Lieder über Habgier. Sie mischten sich in Gewerkschaftsverhandlungen ein und stellten bohrende Fragen zum Stellenabbau. Begleitet wurden sie dabei stets von einem Juraprofessor, der als rechtlicher Berater diente und dem es bei Begegnungen mit der Polizei stets gelang, eine Eskalation zu vermeiden. Jedenfalls bis zum letzten Tag.

Denn am fünften Tag der Invasion kam es zum Eklat: Punkt 16 Uhr strömten aus den Toiletten zweier großer Kopenhagener Kaufhäuser Scharen von Weihnachtsmännern in die Buchabteilungen. Dort nahmen sie Bücher aus den Regalen und verschenkten sie mit frohen Weihnachtswünschen an die Kunden des Hauses. Dankbar über die vermeintliche Werbeaktion rissen die die "Geschenke" an sich und verließen den Laden - bis die Filialleiter erschienen und begannen, herumzuschreien. Wenig später wurden Weihnachtsmänner von der Kopenhagener Polizei aus den beiden Geschäften gezerrt. Viele von ihnen wurden vor den Augen entsetzter Weihnachtseinkäufer und Kinder auf offener Straße von Polizisten verprügelt.

Das bizarre Geschehen sorgte für Schlagzeilen, und das ganz im Sinne der Organisatoren: Denn hinter der Aktion verbarg sich die linksgerichtete Guerilla-Theatergruppe "Solvognen". Mit ihrer Weihnachtsmann-Armee wollten sie gegen Konsumkultur und Neoliberalismus protestieren. Die spielerische Aufmachung ihrer Protestaktion hatten sie ganz bewusst gewählt, um ein größeres Publikum für sich einzunehmen, wie eine Initiatorin im September 1977 der kapitalismuskritischen Zeitschrift "Mother Jones" aus San Francisco sagte: "Wir wollen Demonstrationen wieder lustiger machen."

Der Weihnachtsmann wird hingerichtet

Anfang der achtziger Jahre setzte sich dann am anderen Ende der Welt jene Kette von Ereignissen in Gang, die zu dem Anti-Weihnachtsmanneinsatz der Polizei von Portland 1996 führen würde. Ein Mann namens Gary Warne stolperte über besagten "Mother Jones"-Artikel. Warne hatte sich auf subversiven Spaß spezialisiert: Er war der Gründer des "Suicide Club" in San Francisco. Die Mitglieder dieses Clubs bemühten sich, Alltagssituationen ins Absurd-Komische umzukehren. Etwa, indem sie nackt Straßenbahn fuhren, Kostümpartys auf Friedhöfen feierten oder Werbeplakate mit Nonsens-Slogans verfremdeten. Natürlich sah jemand wie Warne sofort großes Spaßpotential in der Idee einer Weihnachtsmannarmee. Doch bevor er seinen Plan in die Tat umsetzen konnte, starb er 1983. So blieb der Gedanke für Jahre verschüttet.

Bis acht Jahre später die Cacophony Society, eine Nachfolgegruppe des Suicide Club, wieder auf Warnes Pläne stieß - und am Abend des 20. Dezember 1994 in San Francisco die erste SantaCon abhielt. Auf der Website santarchy.com erinnert sich John Law, einer der Initiatoren, wie die Nikolaushorde in einem geschmückten Bus in die Innenstadt fuhr: "Wir fuhren Straßenbahn, platzten in ein paar Hotels rein und gingen zum Union Square. Dann liefen wir durch ein Einkaufszentrum, und um Mitternacht wurde ich an einem Baugerüst vor dem Saint Francis Hotel erhängt." Obwohl die öffentliche Scheinhinrichtung des Weihnachtsmanns unter religiösen Amerikanern auf wenig Gegenliebe stieß, fand Law das Ganze rückblickend einfach "unglaublich lustig".

Die wahren Probleme, so erinnert sich Law, hätten dann bei der SantaCon 1995 angefangen: "In dem Jahr lernten wir, wann aus einer Gruppe von Witzbolden ein dummer Mob wird." Um die 100 Weihnachtsmänner seien durch die Stadt gelaufen, es sei einfach unmöglich gewesen, den Überblick zu behalten - obwohl "Kontrollweihnachtsmänner" im Dienst waren, die Ausschreitungen unterbinden sollten. Vergeblich: Nikoläuse beleidigten plötzlich Passanten, machten anzügliche Bemerkungen gegenüber Frauen, entblößten sich auf offener Straße oder platzten in Kinderkostümfeiern hinein. Sie kotzten Linienbusse voll, lieferten sich Verfolgungsjagden mit der Polizei, vollzogen Scheinhinrichtungen mit Schreckschusspistolen und versuchten, Schlägereien mit Sicherheitskräften anzuzetteln. Die freundlichen Gabenbringer hatten sich in eine rote Bedrohung verwandelt.

Randalierer mit Rauschebart

Was als absurder Spaß begonnen hatte, war zur Katastrophe geworden. Nachdem etliche Weihnachtsmänner an jenem Abend verhaftet worden waren, beschloss die San Francisco Cacophony Society, nie wieder eine solche Veranstaltung abzuhalten. Doch schon ein Jahr später hörten sie von den Plänen der Zweigstelle der Cacophony Society in Portland, dort eine SantaCon zu starten. Law erinnert sich: "Wir dachten: Was soll's? Portland ist so ein verschlafener, ruhiger Ort. Was soll dort schon schiefgehen können?" Die Polizei von Portland war offenbar anderer Meinung.

Doch der Trend war nicht mehr aufzuhalten. Nicht von der Polizei von Portland - und auch nicht von der anderer Städte. Jahr für Jahr wurden an immer mehr Orten Weihnachtsmann-Massenpartys veranstaltet: In Los Angeles, New York, San Jose, Chicago, Seattle, schließlich auch in Kanada und Neuseeland, Großbritannien, Neufundland, China und Deutschland. Überall begannen falsche Nikoläuse, sich in der Vorweihnachtszeit zu Feiern zusammenzurotten, die immer exzessiver wurden.

Seinen bisherigen Höhepunkt erlebte der rote Terror am 17. Dezember 2005 in Auckland. Weihnachtsmänner pinkelten von Autobahnbrücken, warfen Flaschen auf Wagen und plünderten Geschäfte. Die roten Randalierer drangen in ein Casino ein und verwüsteten einen riesigen Weihnachtsbaum im Foyer. Sie rissen Scheibenwischer von Autos, traten Mülleimer um, bedrohten Passanten, versuchten über das Anlegetau an Bord des Kreuzfahrtschiffs "Pacific Sky" zu klettern und schlugen mehrere Wachmänner krankenhausreif. Nach Stunden hatte die Polizei endlich alle Unruhestifter gefasst - und sah sich einem unerwarteten, neuen Problem gegenüber. Sergeant Matt Rogers, Leiter des Polizeieinsatzes, erklärte etwas zerknirscht gegenüber Reuters: "Bei so vielen gleich gekleideten Leuten war es für die Zeugen schwer möglich, die Identität der Täter zu bestätigen."


Debatte

insgesamt 2 Beiträge zur Debatte
Max Kehm am 19. Dezember 2010, 18:23
Auf Youtube gibts übrigens einige Videos von Besoffenen, Plündernden gewaltätigen...

Martin Protz am 18. Dezember 2010, 12:43
Ein Lehrstück, das zeigt, wie aus einer lustigen und intelligenten Grenzüberschreitung von echten Anarchisten eine Chance für aggressionsgeladene Dummköpfe...


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