Über einestages

1939

Ewige Wahrheiten "Wenn dich die bösen Buben locken, ..."


zurück vor 1  /  38
Großbildansicht
Corbis
zurück vor
Diddl - Das Buch: Die Mädchen des neuen Jahrtausends besitzen Poesiealben nur noch im Ausnahmefall - und wenn, dann nur noch im Grundschulalter. Sobald sie etwas größer werden, legen sie sich sogenannte Freundebücher zu: vorgefertigte Steckbrief-Alben, die wie ein Formular auszufüllen sind. Ganz oben auf der Hitliste: Diddl- und Felix-Freundebücher.

"... bleib daheim und stopfe Socken." In alten Poesiealben zu stöbern, macht diebischen Spaß - und es bringt eine klare Erkenntnis: Deutschland hatte stets mehr Dichter als Denker. Eine Revue der lustigsten, sentimentalsten und absurdesten Freundschaftsbekundungen aus sieben Jahrzehnten. Von Katja Iken


Die Porno-Industrie, Diätgurus, der Papst - die Frauenbewegung kennt viele Feinde. Nur ein kleines Büchlein, das hat sie vergessen, zu verteufeln. Vielleicht, weil es so unschuldig daherkommt, in seinem altbackenen Einband. Vielleicht auch, weil es so einen atemberaubenden Duft von Rosen, Tulpen, Nelken und sehr, sehr viel Vergissmeinnicht ausstrahlt. Die Rede ist - vom Poesiealbum. Jenem meist quadratischen, gern mit Schnörkeln verzierten und einem Schloss versehenen Buch, zwischen dessen Deckeln sich Weisheiten türmen, bei deren nüchterner Lektüre sich jeder Frauenrechtlerin die Fußnägeln kräuseln.

Ohne mit der Wimper zu zucken, werden die kleinen Besitzerinnen des Büchleins auf ein mehr als vorsintflutliches Ideal festgenagelt. Selbstlos, gehorsam und einfach, bescheiden, fleißig und tapfer sollen sie durchs Leben gehen und dabei stets dem Herrgott danken - getreu dem immer wieder gern genommenen Motto: "Sei einfach und bescheiden / vor allem treu gesinnt / so wird dich Gott begleiten, / als sein geliebtes Kind." Zu Deutsch: Die bösen Mädchen müssen zusehen, dass sie sich ohne Gottes Segen durchs Leben mogeln!


Hier finden Sie eine Galerie der sentimentalsten Zeilen, schlauesten Reime und abgedrehtesten Poeme!

Außerdem soll die perfekte Tochter natürlich ihre Eltern ehren, das Heimatland hochhalten und sich nicht beschweren über das bisschen Haushalt: "Beklage nicht den Morgen, / der Müh und Arbeit gibt. / Es ist so schön zu sorgen / für Menschen, die man liebt." Geschrieben in mein bunt geblümeltes, vor Schmetterlingen, Herzen und Glücksschweinchen nur so strotzendes Poesiealbum am 3. November 1982 von meiner Schulfreundin Sonja. Um Himmels Willen, Sonja, das kann doch nicht dein Ernst gewesen sein!

Parfümiertes Nischendasein, dem Zeitgeist zum Trotz

War es auch nicht. Denn meist schrieben jene, die sich da verewigten, aus dem Album der eigenen Mutter ab. Die wiederum sich aus Mutters und Großmutters Spruchsammlungen bediente. Und so fort. Auf diese Weise konnten sich Wahrheiten halten, die eigentlich längst zum Aussterben verdammt waren. Völlig ungerührt vom Furor des Zeitenwandels, fristeten die Sprüchlein ein parfümiertes Nischendasein, allen 68ern, Selbstverwirklichern und Frauenrechtlerinnen zum Trotz.

Wobei es einen historischen Bruch gab, an dem selbst das konservative Medium Poesiealbum nicht vorbeikam: den Untergang des Dritten Reiches. Aphorismen von Goebbels, Hitler und Konsorten haben nach 1945 nichts mehr zu suchen in der Spruchsammlung heranwachsender Mädchen.

Bis dahin jedoch wimmelt es im Poesiealbum von deutschtümelnd-propagandistischen Heldenweisheiten, predigen ausgerechnet Pennäler die Hingabe fürs Vaterland, Opfer- und Pflichtbewusstsein und den unbedingten Willen zum Kampf, getreu dem Sinnspruch Hitlers "Nichts, was groß ist auf dieser Welt, ist dem Menschen geschenkt worden, alles muss bitter schwer erkämpft werden."


Haben Sie auch noch alte Tagebücher, Briefe oder Poesiealben auf dem Dachboden? Erzählen diese Fundstücke vielleicht eine aufregende Geschichte? Erzählen Sie sie auf einestages!

Demut, Geduld und die Hinwendung zum Heiland

Das Massensterben, das die Erfinder dieser Zeilen über Deutschland und die Welt brachten, drängt mit Macht in die Poesiealben der unmittelbaren Nachkriegszeit. Auf vielen Seiten der heute vergilbten, muffig riechenden Büchlein werden Tod und Leid ("des Lebens Not und Weh") thematisiert, Linderung vom Schmerz bieten Demut, Geduld und die Hinwendung zum Heiland sowie dem "lieben Mütterlein". Schmucklos, aber höchst akkurat, kommen die ernsten Zeilen daher - verfasst von jungen Mädchen im Backfischalter.

Mit Beginn der fünfziger Jahre wendet sich das Blatt. Mehr und mehr bunte Lackbildchen und fröhliche Sprüche halten Einzug ins Album, frei nach dem Motto: "Mach' es wie die Sonnenuhr, zähl die heiteren Stunden nur!" Erstmals trauen sich die Mädchen auch, ihre Doppelseite links mit kleinen Zeichnungen - vorzugsweise Blümchen, Herzchen, vierblättrigen Kleeblättern, Hufeisen und Bambis - zu verzieren.

Trotzdem dominieren nach wie vor altkluge Weisheiten à la "Tue recht und scheue niemand", wobei vor allem die Lehrer mit ihren bleischweren Dichterzitaten die aufkommende gute Laune trüben. Noch haben die Jungs nicht viel zu melden. Männer, die sich im Album verewigen dürfen, sind in der Regel Väter, Pädagogen und Onkel.

"Gewitter im Mai, schreit der Bauer juchhei"

Ganz anders seit den Siebzigern: "Emanzipation umgekehrt" heißt die Devise, nun sind auch die Georgs, Ralfs und Olivers dran mit Sprücheklopfen - meist sehr zu ihrem Unwillen. Mit ihren knappen, lustlos dahin gekritzelten, oft völlig unverzierten Nonsens-Sprüchlein beleben sie die bieder-blumige Atmosphäre im Album. Wobei "Gewitter im Mai, schreit der Bauer juchhei" wohl schon zum Besten zählt, was je ein Junge seiner Mitschülerin ins Album gekrakelt hat - dicht gefolgt von "Ein jeder ist ein Bösewicht, nur du und ich natürlich nicht."

Immer öfter kommt nun auch der Tintenkiller zum Einsatz, wird herumgeschmiert, ausgebessert, durchgestrichen und die deutsche Rechtschreibung beleidigt - in den Sechzigern noch ein Unding. Dafür rückt das persönliche Wohlgefühl immer weiter in den Fokus: Glücklich, gesund und geliebt soll die Besungene sein, Sprüche wie "Lebe glücklich, lebe froh, wie der Mops im Haferstroh" beschwören einen gutgelaunten Egoismus, und selbst die Lehrer halten es neuerdings lieber mit Heinz Erhardt als mit Goethe.

Dennoch triefen noch immer auf vielen Seiten Demut, Sittsamkeit und Bescheidenheit durchs Papier und Teenies empfehlen ihren Mitschülerinnen doch tatsächlich, den wilden Partys fernzubleiben: "Wenn dich die bösen Buben locken, bleib daheim und stopfe Socken."

Angriff der Diddl-Mäuse

Ein für allemal aufgeräumt mit diesem Spuk haben die sogenannten Freundebücher und Freundschaftsalben. Diese sind vorgefertigte Steckbrief-Büchlein, fix und fertig bunt verziert, die man ausfüllen muss wie ein Formular: Geburtsdatum, Name, Hobbys, Freunde, Dinge, die man mag ("Dich, Sonne, Ferien, Freistunden"), Dinge die man verabscheut ("Streit, Krieg, Brokkoli, Jungs, Zimmer aufräumen"), Lieblingsessen ("Pizza, Eis"), Lieblingstiere ("Katze") und so weiter.

Meist präsentieren sich neben Mama, Papa, Freundinnen und ausgewählten Mitschülern zu Werbezwecken auch die Imageträger des Produkts, allen voran die unvermeidliche Diddl-Maus sowie der Hase Felix. Platz für Sinnsprüche gibt es kaum noch - und wenn, dann unter der Rubrik "Das wünsche ich Dir". Meist begnügen sich die Schreiber jedoch mit Wünschen wie "gute Noten, Spaß und Erfolg".

Spätestens zu Beginn der Pubertät jedoch landen in der Regel auch diese Bücher in der Mottenkiste. Wer im 21. Jahrhundert als Teenie netzwerkt, der muss kein kitschiges Poesiealbum mehr quer über den Pausenhof tragen, sondern trifft und präsentiert sich online, etwa auf SchülerVZ, MySpace oder Facebook.

Auf dem Müllhaufen der Geschichte

Was vor rund 450 Jahren mit den Stammbüchern begann, dann zum "Album Amicorum", den "Erinnerungsblättern" und schließlich, ab etwa 1850, zum "Poesiealbum" avancierte, scheint endgültig auf dem Müllhaufen der Geschichte angekommen zu sein.

Der Orkus des Internets hat das Büchlein kassiert, gleichzeitig bietet just das Web auf Seiten wie etwa www.meinpoesiealbum.de die Moralkeulen von vorgestern noch immer feil. Den Weg ins handgeschriebene Poesiealbum jedoch finden sie kaum noch - leider.

Denn nur selten fühlt sich das Gruseln wundervoller an, als bei der Durchsicht der Weisheiten, mit denen sich Tante Frieda, Onkel Helmut und Co. im eigenen Büchlein verewigt haben.



Weitere interessante Themen finden Sie auf der Homepage von einestages! mehr...

Und hier finden Sie sofort mehr Artikel und Fotos über
...die zwanziger Jahre
...die dreißiger Jahre

...die vierziger Jahre
...die fünfziger Jahre

...die sechziger Jahre

...die siebziger Jahre

...die achtziger Jahre

...die neunziger Jahre


Oder fliegen Sie durch die Bilderwelt des 20. Jahrhunderts mit der einestages-Zeitmaschine!


Debatte

insgesamt 5 Beiträge zur Debatte
Ernst Woll am 7. Mai 2012, 19:26
Wenn ich bei „einestagesSpiegelonline“ stöbere finde ich immer wieder interessant Artikel, die anregen, Hinweise zu geben. Dieser Beitrag über Poesiealben...

Kerstin Schreiber am 21. Februar 2009, 14:02
Ich kann der Autorin nur beipflichten. Auch ich muss anfangen zu schmunzeln, sobald ich einen Blick in mein altes Poesiealbum werfe. Vom Mops im Haferstroh über das...


Kommentare? Fragen? Ergänzungen? Diskutieren Sie mit! Zur Debatte ...

Artikelinfos


versenden


Löschung des Berichts beantragen

Verwandte Artikel

Die Wahrheit der Poesiealben: "Das Reh springt hoch, das Reh springt weit..."

"... das kann es auch, es hat ja Zeit." Mancher Vierzeiler...

Kult im Kinderzimmer: Spielerischer Griff in den Geldbeutel

Klackernde Kugeln, alberne Äffchen oder piepsende...

35 Jahre "Sesamstraße": Opium fürs Kind

Menschenhasser in Mülltonnen, Ghetto-Ästhetik und...


Artikel bewerten

3,0 (627 Bewertungen bisher)


Foto hinzufügen


Mehr aus der Rubrik...




» Album bearbeiten


» Album-Metadaten bearbeiten


» Produktionsansicht