| Rekordhöhe: Beeindruckende zweieinhalb Meter hoch war das Modell des World Trade Center, das am 18. Januar 1964 im New Yorker Hilton Hotel präsentiert wurde. Am 4. April 1973 wurde dann schließlich das Original als damals höchstes Gebäude der Welt eingeweiht. |
Seit 9/11 wird das World Trade Center von der Welt schmerzlich vermisst. Als es geplant wurde, waren die beiden Riesentürme von Bürgern und Architekturkritikern ungeliebte Kolosse - für sie wurde ein ganzes New Yorker Traditionsviertel dem Erdboden gleichgemacht. Von Marc Pitzke
Langsam wand sich die Prozession durch die Straßen Lower Manhattans. Ein Dutzend Demonstranten folgte einem halboffenen, schwarzen Sarg, in den sich ein Mann gelegt hatte, die Augen geschlossen. "Hier ruht Mr. Kleinunternehmer", stand auf einem Pappschild.
In der Greenwich Street setzten sie den Sarg ab, vor dem Elektronikgeschäft "Oscar's Radio", und der Mann kletterte heraus. "Dieses Projekt nutzt Banken, Versicherungskonzernen, Brokern, Leuten im internationalen Handel", rief er durch sein Megafon. "Warum sollten wir uns für so etwas aus dem Markt drängen lassen?"
Es war Freitag der 13., ausgerechnet, ein heißer Julitag im Jahr 1962. Bei dem Mann im Sarg handelte es sich um Oscar Nadel, den Besitzer von "Oscar's Radio" und Präsidenten der Downtown West Businessmen's Association, einer Vereinigung von Einzelhändlern. Und bei dem Projekt, gegen das er wütete, handelte es sich um das damals größte Bauvorhaben in der Geschichte der USA - das World Trade Center.
325 Geschäfte dem Erdboden gleichgemacht
Die Gestalt dieses Mammutbaus war zu jener Zeit zwar noch unklar. Fest stand aber, dass er auf dem Gelände der "Radio Row" entstehen würde, einem historischen Geschäftsviertel an der Südspitze Manhattans, das dafür komplett dem Erdboden gleichgemacht werden sollte.
Der Abriss betraf 325 Geschäfte - Elektronik, Haushaltswaren, Juweliere, Kramläden. Ein Stück Geschichte würde sterben: Hier waren einst die ersten Röhrenradios verkauft worden. Die staatliche Hafenbehörde Port Authority (PA) bot jedem Händler eine Ablösesumme von 3000 Dollar, was heute einem Gegenwert vor rund 21.000 Dollar entspricht. Doch viele wehrten sich und zogen vor Gericht.
Sie hatten keine Chance. Die Politik siegte. Am 26. März 1966 kamen die Abrissbagger.
Erste Idee im Zweiten Weltkrieg
Die nostalgische Verklärung des World Trade Center am zehnten Jahrestag der 9/11-Anschläge lässt vergessen, dass der Bau ein umstrittenes, ungeliebtes Gebäude war - schon lange vor dem ersten Spatenstich. Jahrzehnte in der Planung, angefeindet, oft verworfen und oft wiederbelebt, hatte es eine der turbulentesten Entstehungsgeschichten im Städtebau - eine abenteuerliches Hin und Her aus Politik-, Finanz- und Privatinteressen.
Die Idee reicht zurück bis zum Zweiten Weltkrieg. 1942 wurde ein Mann namens Austin Tobin Direktor der Port Authority (PA). Tobin war ein kleiner, strammer Jurist, der sich in der damals noch bescheidenen Behörde hochgearbeitet hatte. Er würde der PA 30 Jahre lang vorstehen und die staatliche Hafenbehörde in eine profitorientierte Gesellschaft verwandeln, die das Gesicht New Yorks prägte.
So ließ Tobin den Lincoln Tunnel und die George Washington Bridge vergrößern und den JFK-Flughafen erbauen. Sein Herzensprojekt aber war ein "Welthandelszentrum" - eine Art neues Rockefeller Center, das Weltkonzerne anlocken sollte. Bereits 1946 segnete das Parlament des Bundesstaats New York den Bau eines solchen World Trade Centers ab.
Der erste große Entwurf
Der in Österreich geborene Architekt John Eberson erstellte erste Entwürfe. Eberson war für seine Art-déco-Kinopaläste bekannt, etwa das legendäre Loew's Paradise Theater in New York. Sein Plan für das WTC sah einen Komplex aus fast zwei Dutzend Gebäuden vor, für rund 150 Millionen Dollar. Doch die Vision war nur kurzlebig, die Regierung legte sie 1949 auf Eis.
Der Milliardär David Rockefeller holte das Projekt Mitte der fünfziger Jahre wieder aus der Versenkung. Der Banker, dessen Vater das Rockefeller Center gebaut hatte, verbündete sich mit befreundeten Finanzhaien, PA-Chef Tobin und Robert Moses, New Yorks oberstem Stadtplaner, um die Downtown zum neuen, globalen Handelsplatz zu machen.
Rockefeller hatte für seine Pläne ein 53.000-Quadratmeter-Areal an den südlichen Hafendocks des East River, ein paar hundert Meter westlich des späteren Standorts des WTC, im Auge. Als Architekten beauftragte er die Großfirma Skidmore, Owings and Merrill (SOM) - ironischerweise dieselbe Firma, die derzeit das "One World Trade Center" am Ground Zero baut.
"Katalytische Größe", nannte Rockefeller das damalige Mega-Design, das er 1960 präsentierte. Es sah einen kastenförmigen, bis zu 70 Etagen hohen Wolkenkratzer im Stil der Uno-Zentrale vor, eine Messehalle, Geschäfte, Restaurants und Theater. Auch sollte die New Yorker Börse von der nahen Wall Street ans Ufer umziehen. Die PA zeichnete das 335-Millionen-Dollar-Projekt im März 1961 ab.
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