Über einestages

1941

Versteigerung von Weltkriegsfotos Letzter Akt für das Nazi-Artefakt


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Privatkollektion via "New York Times"
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Er verstand sein Handwerk: Der Mann, der den Großteil der Bilder - auch dieses Selbstporträt - aufgenommen hat, ist der Salzburger Fotograf Franz Krieger. Er war ab Sommer 1941 Kriegsberichterstatter im "Reichsautozug 'Deutschland'", mit dem er bis in das zerstörte Minsk reiste.

Es ist das Schlusskapitel einer unglaublichen Geschichte: Vor einigen Monaten war in New York ein mysteriöses Fotoalbum aufgetaucht, mit einzigartigen Bildern von der Ostfront - und Hitler. Die "New York Times" und einestages lüfteten gemeinsam mit Lesern das Rätsel um das Album und den Urheber. Jetzt wird das Buch versteigert. Von Marc Pitzke, New York


Daile Kaplan hat die Spürnase und den Ehrgeiz einer Detektivin. Sie begann ihre Karriere in den Katakomben der Kongressbibliothek, wo sie Hunderttausende alter Fotos durchforstete - unsortiert, unbeschriftet, unidentifiziert. Damals suchte sie nach Aufnahmen des Fotojournalisten Lewis Hine, der unter anderem die Immigranten im Durchgangslager von Ellis Island und den Bau des Empire State Buildings dokumentiert hatte.

"Ich fand exakt 325 Bilder", erinnert sich die New Yorkerin lachend. "Es dauerte Jahre."

Lange ist das her. Kaplan schrieb zwei Bücher über Hine und arbeitet seit 20 Jahren bei Swann Galleries, New Yorks ältestem Spezialauktionshaus, dessen Vizepräsidentin sie ist. Nebenher jobbt sie als Foto-Expertin für die populäre TV-Serie "Antiques Roadshow" und hält den Auktions-Weltrekord für den Verkauf eines alten Fotobuches: 43.700 Dollar brachte die Ausgabe des "Atlas Photographique de la Lune" von 1903.

Ein Schatz zwischen zwei Buchdeckeln

Die Frau versteht also etwas von historischen Fotografien. Weshalb ihre Aufregung umso bemerkenswerter ist. "Dies ist ein Schatz", sagt sie und nimmt das Album vorsichtig aus der schützenden Luftpolsterfolie. "Es sich anzusehen, ist ein wahres Erlebnis."

Kaplan sitzt im fünften Stock eines unscheinbaren Gebäudes an der East 25th Street in Manhattan, in dem das Auktionshaus Swann seine Räumlichkeiten hat. Ringsum sind Helfer dabei, gerahmte Fotos aufzuhängen, in Vorbereitung für die nächste Auktion an diesem Dienstag. "Fine Photographs" heißt diese Auktion Nr. 2257 einfach nur: 327 Lose, bestehend aus einem oder einer Gruppe historischer Fotos.

Viele bekannte, fast schon ikonische Motive sind dabei: Landschaftsaufnahmen von Ansel Adams aus dem Yosemite Valley, Fotogravuren von Alfred Stieglitz, Andreas Feiningers Schwarz-Weiß-Skylines, das berühmte Foto von der Erschießung des Kenney-Mörders Lee Harvey Oswald, laszive Porträts von Legenden - Greta Garbo, Marilyn Monroe, James Dean.

Zwischen Krieg und Idyll

Der stille Star der Auktion aber liegt vor Kaplan auf dem Tisch - und kommt aus Deutschland. Los 134: "World War II" - ein altes Fotoalbum mit 214 Aufnahmen aus dem Zweiten Weltkrieg.. Mindestgebot: 25.000 Dollar.

Das Album hat eine lange, abenteuerliche und tragische Geschichte, die hiermit nun ihr würdiges Finale findet. Es ist eine Geschichte, die einestages erst im Juni enthüllt hatte, in Zusammenarbeit mit "Lens", dem Fotoblog der "New York Times" - und aufmerksamen Lesern.

Auf den ersten Blick zeigt das Album wahllose Weltkriegsszenen: schockstarre Soldaten, gefangene Juden, zerbombte Städte - und mittendrin Hitler. Gestochen scharf und aus nächster Nähe protokollierte der Fotograf die Gräuel an der Ostfront 1941. Dazwischen finden sich immer wieder Bildnisse eines privaten Idylls, auf diesen Bildern ist oft eine junge Frau zu sehen.

Die Leser lösten das Rätsel

Die Herkunft des Albums war lange ein Rätsel. Wer war der Fotograf? Wieso hatte er solch direkten Zugang sowohl zu Hitler als auch zu seinen Opfern? Und wer stellte die Bilder zusammen?

Über Umwege war das Album in den Besitz eines Geschäftsmanns aus New Jersey gelangt. Der wusste jedoch lange auch nicht, woher es kam. "Ich hatte keine Ahnung", sagte der 72-Jährige, der bis heute anonym bleiben möchte. "Der Fotograf musste im innersten Zirkel verkehrt sein."

Um das Rätsel zu lösen, veröffentlichten einestages und "Lens" eine Auswahl der Fotos, mit der Bitte an die Leser, bei der Lösung des Geheimnisses mitzuforschen. Diese brauchten nur Stunden, um das größte Mysterium zu lüften - die Identität des Lichtbildners: Es handelte sich um den Österreicher Franz Krieger, den "Doyen der Salzburger Pressefotografen".

Das private Drama des Fotografen

Die Geschichte Kriegers ist so faszinierend wie seine Bilder. In der dreißiger Jahren machte er sich mit Fotos von den Salzburger Festspielen einen Namen - und von deutschen Filmgrößen: Marlene Dietrich, Hans Albers, Emil Jannings.

Als Kriegsberichterstatter zog Krieger 1941 mit dem "Reichsautozug Deutschland", einem NSDAP-Propagandatross, bis ins zerstörte Minsk, wo er Gefangene und das Ghetto fotografierte. Auf dem Rückweg nach Berlin dokumentierte er ein Treffen Hitlers mit Admiral Miklos Horthy, dem Regenten Ungarns.

Doch das Album birgt auch noch eine andere Geschichte, Kriegers privates Drama: Die lachende Dame in den undatierten Privataufnahmen ist Kriegers Ehefrau Frieda. Sie und Heidrun, ihre zweijährige Tochter, kamen 1944 im US-Bombenhagel in Salzburg um.

Das neue Leben des alten Fotoalbums

All diese Zusammenhänge offenbarten sich aber erst, als einestages und "Lens" die Fotos publizierten. Was hier vorlag, so stellte sich heraus, war eine einzigartige Dokumentation.

"Dies ist eine äußerst seltene Kombination aus Privatem und Historischem", sagt Kaplan und blättert langsam durch die Kartonseiten. Normalerweise zeigten ähnliche Fotokollektionen nur einzelne Ereignisse, hier zeige sich die ganze Spannbreite des Kriegs. "Krieger war enorm talentiert", sagt Kaplan. "Er wusste genau, was er darstellen wollte." Die 70 Jahre alten Fotos sind außerdem in erstaunlichem Zustand: Kaum verblasst oder verfärbt durch den Klebstoff auf der Rückseite.

Der Wert ist nach Angaben der Expertin jedoch nur schwer zu schätzen. Swann versucht vor jeder Auktion, "das weitmöglichste Netz" auszuwerfen, um Interessenten anzulocken: Privatsammler, aber auch zusehends Institutionen - historische Gesellschaften, Museen, Universitäten. "Letztere fänden wir am besten", sagt Kaplan. "Die Bilder brauchen eine Struktur und den richtigen Kontext."

Apropos Kontext: Bis heute ist ungeklärt, wer das Album zusammengestellt hat - und wie es in den USA landete. Historiker mutmaßen, dass Krieger die Fotos während des Kriegs in Bayern versteckte und sie von einem GI als Kriegsbeute in die Heimat mit zurückgenommen wurden.

Dem bisherigen Besitzer ist es jedenfalls egal. Er will das Album von einem Bekannten bekommen haben, der als Gärtner für einen Exildeutschen in New Jersey gearbeitet habe, und lässt es nun versteigern, um Schulden zu begleichen. Erste Schätzungen, privat angestellt, beliefen sich auf 15.000 Dollar.

Dann kamen einestages, "Lens" und unsere Leser - und die erfahrene Expertenhand von Daile Kaplan. "Es ist jetzt ein Artefakt", sagt sie und legt es sanft wieder in die Schutzfolie. "Das Album beginnt nun sein nächstes Leben."


Nachtrag der Redaktion: Das Fotoalbum fand bei der Auktion "FINE PHOTOGRAPHS" am 18. Oktober 2011 keinen Bieter. Nach Angaben des Auktionshauses Swann hatten sich zwar zwei potentielle Interessenten als Telefon-Bieter angemeldet, dann aber auf ein Gebot verzichtet.

Den Online-Katalog finden Sie hier.


Debatte

insgesamt 6 Beiträge zur Debatte
Gerhard Dörries am 25. Oktober 2011, 17:28
Das Album wurde nicht verkauft – wundert mich nicht. Ein Schätzpreis von 25 – 35.000,00 Dollar ist geradezu lächerlich für ein Album mit...

Jochen Friedrich am 21. Oktober 2011, 08:51
Der Artikel ist gewöhnliche Phrasendrescherei mit Sensationsdekor, interessant wird's erst gegen Ende:

Zitat: Der Wert ist nach Angaben der Expertin jedoch nur schwer zu...


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