|
Spionage-Taube: Kameras waren ein dringend notwendiges Mittel der Feindaufklärung - aber wie sollte man den Gegner fotografieren, ohne aufzufallen?
Das Militär dachte daher schon vor dem Ersten Weltkrieg über Tauben als gefiederte Luftaufklärer nach. Selbst in den siebziger Jahren, das Flugzeug hatte sich längst als Mittel der Luftaufklärung durchgesetzt, zogen die Vögel mitunter noch als tierische Spione in den Kalten Krieg. Die Aufnahme stammt von einer Ausstellung des International Spy Museum in Washinton über ausgefallene Spionage-Werkzeuge. |
Spione aus dem Taubenschlag: Vor gut hundert Jahren schnallte ein deutscher Apotheker Tauben Kameras vor die Brust - und avancierte mit der verrückten Idee zum Luftbildpionier. Die Presse jubelte, der Erfinder witterte das große Geschäft - nur das Militär verzweifelte an den gurrenden Drohnen. Von Christoph Gunkel
Auf einmal war die Taube verschwunden. Verwirrt von dichtem Nebel brauchte sie vier Wochen, um in ihren Heimatschlag in die Kleinstadt Kronberg im Taunus zurückzukehren. Dabei war sie eigentlich eine zuverlässige Brieftaube. Sogar eine mit Zusatzqualifikation: Ihr Besitzer, der Apotheker Julius Neubronner, hatte seine Tauben so trainiert, dass sie in fingergroßen Köchern Rezeptkopien von umliegenden Arztpraxen oder kleine Mengen Medizin von einem Großdrogisten aus Frankfurt transportieren konnten - eine Methode, die er von seinem Vater übernommen hatte.
Schnelligkeit versprach damals, vor gut einem Jahrhundert, einen großen wirtschaftlichen Vorteil: die Straßen waren noch holprig, der öffentliche Verkehr langsam, die Post unzuverlässig und niemand ahnte, dass Internetapotheken einmal in Sekundenschnelle Medikamente in alle Welt versenden würden. Umso mehr ärgerte sich Neubronner, dass seine "Giftadler", wie einige seiner Kunden die gefiederten Pharmazieboten getauft hatten, mitunter verschwanden. Und genau das brachte ihn auf eine groteske Idee, die wenig später sogar hohe Militärs interessieren sollte.
Denn als die verlorene Taube nach vier Wochen endlich zurückkehrte, wollte ihr Besitzer unbedingt wissen, wo sie die ganze Zeit gewesen war. "Dies führte mich auf den anfangs scherzhaften Gedanken", schrieb Neubronner später, "dass ein photographischer Apparat mit zeitweise selbsttätiger Auslösung die einzige Möglichkeit hätte sein können, über den Aufenthalt des Tierchens Aufschluss zu erhalten." Aus der Schnapsidee wurde Ernst, denn schon bald sah sich der Apotheker von "verlockenden Aussichten" auf gute Geschäfte angespornt.
Den Kaiser vor der Linse
Tauben als Fotografen wider Willen einzusetzen, die Bilder im wahrsten Wortsinne aus der Vogelperspektive schossen - auf diesen verrückten Gedanken war noch niemand gekommen. Die Fotografie war noch ein junges Medium, und Menschen konnten Luftaufnahmen bisher nur aus Fessel- und Freiballons machen. Zwar hatten einige Tüftler Kameras an unbemannte Ballons, Drachen oder Raketen montiert, doch die Ergebnisse waren meist enttäuschend. Eine Taube konnte jedoch deutlich weiter, virtuoser und zielgerichteter fliegen als es etwa ein Papierdrache vermochte - und im Gegensatz zu einer Rakete konnten die Tiere immer wieder eingesetzt werden.
Julius Neubronner kombinierte nun seine Leidenschaft für Taubenzucht und seine Faszination für Film und Fotografie. Schon als Schuljunge hatte er seine Umgebung unablässig fotografiert und avancierte damit später zu einem der ersten deutschen Amateurfotografen. Und bereits kurz nach der Erfindung des Kinematographen im Jahr 1895 hatte Neubronner mit dem Filmen begonnen. So hielt er 1904 etwa den Gordon-Bennett-Cup fest, das erste professionelle Autorennen auf deutschem Boden, bei dem Hunderttausende die Straßen in Bad Homburg säumten. Sogar Wilhelm II. bekam er vor die Linse, als der Kaiser im Taunus ein Denkmal enthüllte.
Aber auch als Unternehmer drehte sich bei ihm alles um die Fotografie. 1905 hatte Neubronner Trockenklebestreifen für Diapositive entwickelt, damit das mühsame Zusammenkleben der Fotoglasplatten vereinfacht, und dafür eine schnell expandierende Fabrik in Kronberg gegründet. Wenig später kam ihm dann der Gedanke mit den Tauben: 1907 reichte der damals 55-Jährige sein Patent ein - und stieß bei den Prüfern auf eine Mischung aus Belustigung und Fassungslosigkeit.
Zwölf Modelle mit zwei Objektiven
"Das Kaiserliche Patentamt verhielt sich anfangs ablehnend, da ihm die Ausführung unglaubhaft erschien", erinnerte sich der innovative Apotheker später. Erst als er einige gelungene Luftaufnahmen nachreichte, wurde die Erfindung im Dezember 1908 unter der Nummer 204721 angenommen - und zwar "in allen Teilen", wie Neubronner stolz notierte.
Die Erfindung war eine nur 40 Gramm schwere Miniaturkamera, die in Zeiten von klobigen Kameras schnell für internationales Aufsehen sorgte. Den Tauben wurde der winzige Apparat, der mit einem komplizierten Selbstauslöser-Mechanismus versehen war, mit einem Gurt aus weichem Leder vor die Brust geschnallt. Um die Chance zu erhöhen, dass nicht nur Federn auf den Bildern zu sehen sein würden, hatte Neubronner schon sein erstes von insgesamt zwölf Modellen mit zwei Objektiven ausgestattet: eines auf der Rückseite und eines auf der Vorderseite des Apparats - je nachdem, ob die Taube nach oben oder nach unten flog.
Das Ergebnis waren zwar oft verwackelte Zufallsprodukte, aber mitunter entstanden auch beeindruckend scharfe und manchmal witzige Panoramaaufnahmen: von den engen Häuserzeilen der Frankfurter Innenstadt, von dem idyllischen Schloss Friedrichshof in Kronberg, von dem Erfinder selbst, wie er seiner Taube nachblickt.
Als Neubronner seine Foto-Vögel 1909 auch noch auf der Internationalen Photographischen Ausstellung in Dresden steigen ließ, gelang ihm endgültig der Durchbruch. Seine vor Ort entwickelten "Brieftauben-Ansichtspostkarten", geknipst nach dem "System Dr. Neubronner", waren das Tagesgespräch auf der Messe mit ihren rund 1600 Ausstellern aus zwanzig Ländern. Reporter aus aller Welt feierten die anfangs verlachte Erfindung nun als Durchbruch in der Luftbild-Fotografie.
Fahrbarer Taubenschlag
Zudem war der Apotheker nicht nur ein findiger Tüftler, sondern mindestens genauso kreativ bei der Vermarktung seiner Produkte. Beim Karnevalsumzug in seiner Heimatstadt Kronberg etwa warb er 1910 mit riesigen Plakaten für seine gefiederten Fotografen. Und um die neue Technik auch für die Massen erschwinglich zu machen, entwickelte Neubronner das Modell "Doppelsport", das er schon für dreißig Mark in einem kleinen Holzetui versandte. Gegen Aufpreis gab es bessere Objektive - oder sogar eine seiner trainierten Tauben.
Ähnlich umtriebig buhlte Neubronner gleichzeitig um das Interesse des preußischen Militärs. Von Beginn an hatte er seine Erfindung auch "für strategische Zwecke" konzipiert. Ungeduldig schrieb er wenige Monate nach der Patentierung erstmals an das Kriegsministerium und konstruierte - ohne offiziellen Auftrag - einen "fahrbaren Taubenschlag" für das Heer. Der befand sich auf der Rückbank einer Kutsche und konnte mit einer Hebeplattform sechs Meter in die Höhe gehievt werden, wobei grelle Farben die Tauben anlocken sollten. Daneben war der Wagen mit einem praktischen Multi-Funktionsraum ausgestattet, der wahlweise als Fotolabor oder Schlafraum dienen konnte.
Doch das Militär blieb zunächst skeptisch. Zwar gab es Stimmen, die glaubten, die Luftaufklärung werde "durch die Brieftaubenphotographie eine höchst erwünschte Vervollkommnung erfahren". Andere zweifelten aber an der Zuverlässigkeit der Tiere. Zudem übernahmen damals nach und nach Flugzeuge die Funktion der Luftaufklärung.
Nutzte auch die CIA Tauben im Kalten Krieg?
Neubronner blieb hartnäckig. Anders als Flugzeuge seien Tauben kaum abzuschießen, argumentierte er etwa. Immer wieder schrieb er seitenlange Eingaben an das Kriegsministerium. Schließlich bekam er seine Chancen: 1908 fotografiert er eine Eisenbahnbrücke bei Spandau und 1912 die Wasserwerke in Berlin-Tegel. Allerdings wurden bei diesen offiziellen Tests schnell die Schwächen der tierischen Drohnen erkennbar: Eine der Tauben blieb vier Stunden lang seelenruhig auf einem Kirchturm sitzen, und manche Aufnahmen wirkten durch Weitwinkel und die Flugweise der Tiere ziemlich verzerrt. Auch das Wasserwerk wurde nicht, wie vorgegeben, aus zwei Kilometern Höhe fotografiert - sondern aus drei.
Der Kriegsausbruch 1914 zerstreute die Zweifel. Neubronner musste seine Tauben und Ausrüstung der Armee zur Verfügung stellen. Doch nur vereinzelt kamen die Tiere als Luftaufklärer zum Einsatz - meist wurden sie von mobilen Taubenschlägen wieder als klassische Briefträger verwendet, um Botschaften von eingeschlossenen Truppenteilen auszufliegen. Im März 1918 teilte das Militär Neubronner mit, dass seiner Erfindung "keinerlei militärischer Wert beizulegen" sei.
Es war dennoch nicht das Aus einer schrägen Idee. Brieftaubenzüchter und passionierte Fotografen setzten die Technik noch jahrzehntelang mit immer besseren Kameras ein. Die Reichswehr testete die Vögel offenbar noch kurz vor Neubronners Tod im Jahr 1932 mit Apparaten, die bis zu 200 Aufnahmen pro Flug machen konnten - ob sie je zum Einsatz kamen, ist unklar.
Selbst die CIA schickte noch in den siebziger Jahren Tauben auf geheime Spionagemissionen in den Kalten Krieg. Die Details der Einsätze unterliegen bis heute der Geheimhaltung. Nur soviel ist klar: Irgendwie konnte sich die Taube auch hier nicht durchsetzen.
Tödliche Lippenstifte, Kameras in Koffern und der Kompass im...
Würge-Elefanten, brennende Schweine und Ratten als...
Dreimal dem Tod geweiht, dreimal gerettet: Im Zweiten...