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1943

Rettungsaktion im Zweiten Weltkrieg Drägers teures Täuschungsmanöver


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Gerettet aus Theresienstadt: Der Pharmazeut Dr. Fritz Silten (1904-1980) überlebte gemeinsam mit seiner Frau Ilse Teppich-Silten und der Tochter Ruth Gabriele die Konzentrationslager Westerbork und Theresienstadt. Zu verdanken hatte Silten junior seine Rettung einem Freund seines Vaters - dem Lübecker...

Foto von 1943

Sie waren Juden, er ein Profiteur des Nationalsozialismus: Jahrelang produzierte der Unternehmer Heinrich Dräger Gasmasken für die Nazis - und wollte gleichzeitig eine jüdische Familie vor der Deportation bewahren. Am Ende überlistete er den NS-Behördenapparat mit einem aufwändigen Trick. Von Susanne Krejsa und Johanna Lutteroth


Seinen ersten Notruf setzte Ernst Silten im November 1940 ab: "Wenn Sie helfen könnten, würden Sie mich zu großem Dank verpflichten", schrieb der Apotheker seinem langjährigen Geschäftspartner Heinrich Dräger. Siltens Familie war in größter Gefahr: Sein Sohn Fritz hatte sich 1938 mit Frau und Tochter zwar in Amsterdam in Sicherheit gebracht - als Schutzhafen für Juden hatte die Stadt aber mit dem Einmarsch der deutschen Truppen im Mai 1940 ausgedient. Damit fing alles wieder von vorne an: Der antisemitische Terror, die Angst vor der Gestapo, die hektische Suche nach einer Fluchtmöglichkeit.

Deshalb wollte der Apothekersohn Fritz diesmal richtig weit weg: nach Argentinien. Die dafür nötigen Ausreisepapiere bekam aber nur, wer beste Beziehungen hatte - etwa zum für die Judenfrage verantwortlichen Amsterdamer Stadtkommissar Hans Böhmcker. Böhmcker war zuvor Senator in Lübeck gewesen. Nichts lag also näher, als den Chef der Lübecker Drägerwerke zu bitten, sich bei seinem Bekannten für die Familie Silten einzusetzen. Dräger reagierte prompt und schrieb dem Stadtkommissar - vergeblich. "Ich kann für Dr. Silten augenblicklich [...] nichts tun", antwortete Böhmker.

So schnell gab sich der Unternehmer Dräger aber nicht geschlagen. Drei Jahrzehnte hatte die Berliner Apothekerfamilie Silten den Vertrieb der medizinischen Geräte aus dem Hause Dräger in der Hauptstadt verantwortet. Aus der Geschäftsbeziehung war irgendwann eine Familienfreundschaft geworden. Irgendwie musste den langjährigen Weggefährten doch geholfen werden! Als Hersteller der Volksgasmaske zählten die Drägerwerke zu den "rüstungswichtigen Betrieben", die Stimme des Chefs hatte eigentlich Gewicht. Doch im Fall Silten sollte der Industrielle Jahre kämpfen müssen - und am Ende zu einer spektakulären List gezwungen sein.

Forschen für das angesehene Drägerwerk

Eineinhalb Jahre nach dem Amsterdamer Intermezzo kam zum ersten Mal Bewegung in den Fall. Aufgeregt berichtete der Apotheker Ernst Silten, der stoisch und aus Überzeugung in Berlin ausharrte, er habe von einem Mann gehört, der eine Deportation verhindern könne: Dr. Helmut Pfeiffer, Rechtsanwalt und Generalsekretär der Internationalen Rechtskammer. Dieser war rechte Hand und Zögling von Generalgouverneur Hans Frank, dem "Schlächter von Polen", SS-Führer im Reichssicherheitshauptamt und ganz dicht dran an den Leuten, die die Judenvernichtung organisierten.

Dräger beauftragte Pfeiffer, für die Familie Silten in Amsterdam und Berlin einen Aufschub der Deportation zu erwirken, und bot ihm ein ansehnliches Honorar an. Gemeinsam entwickelten sie einen waghalsigen Plan: Ernst Silten sollte mit kriegswichtigen Forschungsarbeiten für das angesehene, "arische" Drägerwerk beauftrag werden. Es schien das einzige Argument zu sein, mit dem sich ein Aufschub erwirken ließ. Die sogenannte Rückstellung war der Schlüssel zum Überleben, denn sie erstreckte sich auf alle engeren Familienmitglieder.


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Die Voraussetzungen für die Tarngeschichte waren gut. Denn Ernst Silten hatte neben seiner Tätigkeit als Apotheker geforscht, unter anderem an einem "Verfahren zum Aufbringen von Flüssigkeiten und schmelzbaren Stoffen auf den menschlichen Körper", das den Wundheilungsprozess beschleunigen sollte. "Es waren Verfahren, die nicht so besonders lebenswichtig waren und an denen das Drägerwerk auch in geschäftlicher [...] Hinsicht nur wenig interessiert gewesen ist", erinnerte sich Heinrich Dräger nach dem Krieg. Siltens "Forschungsarbeit" war also alles andere als kriegswichtig - doch das wussten nur die Eingeweihten.

Langersehnter Deportationsaufschub

Zum großen Bedauern von Ernst Silten geschah aber zunächst nichts, und die Lage der Juden spitzte sich weiter dramatisch zu. Nicht nur in Berlin, sondern auch in Amsterdam. Am 5. Januar 1943 setzte Silten senior daher einen weiteren Notruf an Dräger ab: "Ich habe das Gefühl, dass uns nicht mehr viel Zeit zum Überlegen bleibt. Ich muss jetzt handeln – und daher dieser Brief, den Sie bestimmt richtig aufnehmen werden."

Dräger machte bei Pfeiffer Druck. Knapp einen Monat später erhielt er endlich die befreiende Nachricht: Der Vertreter des Sachbearbeitenden Kriminalkommissars "sagte mir, dass die Sache in Ordnung ginge". Drei Monate Deportationsaufschub hatte Pfeiffer für Ernst Silten bewirkt. In dieser Zeit sollte er seine Forschung soweit voranbringen, dass "die klinischen Erprobungen günstig ausfallen und meine Rückstellung dann endgültig erfolgen kann", wie Silten hoffte. Er bat Dräger, ihm Labormaterial im Wert von 600 Reichsmark zur Verfügung zu stellen. Doch dazu kam es nicht mehr.

Zur Jahreswende 1942/43 beschloss das NS-Regime, Deutschland solle endgültig "judenrein" werden. Die letzten zum Großteil als Zwangsarbeiter in rüstungswichtigen Betrieben versklavten Juden sollten nun auch deportiert werden. Ende Februar startete die Gestapo die "Großaktion Juden". Eine Woche lang durchkämmten Männer in ihren schwarzen Ledermänteln Berlin, Betrieb für Betrieb, Wohnung für Wohnung. Insgesamt 8000 Juden wurden festgenommen.

Auch die Wohnung von Ernst Silten nahmen sich die Schergen vor. Doch sie fanden nur noch seine Leiche. Silten hatte sich am 5. März 1943, mit 77 Jahren, aus Angst vor der Deportation das Leben genommen.

Aussichtsloser Kampf

Dräger drängte Pfeiffer, trotzdem am Ball zu bleiben und sich weiter für den Sohn, Fritz Silten, einzusetzen. Doch Pfeiffer wiegelte ab: Er habe "alle Möglichkeiten eines Einsatzes für Ihr Unternehmen untersucht und bedaure, feststellen zu müssen, dass sich keine Möglichkeit hieraus ergeben wird. Selbst im Falle eines Einsatzes dürfte dieser nur für kurze Zeit erfolgen können. Auch andere Möglichkeiten irgendwelcher Art bestehen nicht." Pfeiffers Antwort kam wenig überraschend, denn nicht Fritz, sondern Ernst Silten war der Forscher und Erfinder. Offensichtlich hielt er es nicht für sehr aussichtsreich, die Tarngeschichte auch für Fritz Silten zu nutzen.

Doch Dräger ignorierte Pfeiffers Bedenken und machte weiter. Er beauftrage Franz Missfeld, Prokurist bei den Drägerwerken, die Forschungsunterlagen von Ernst Silten nach Amsterdam zu schmuggeln und sie dort Fritz Silten zu übergeben. Gleichzeitig holte er ein Gutachten von Professor Otto Roth, Leiter des Krankenhauses in Lübeck, ein, der bestätigte: "Die mir zur Begutachtung vorgelegte Erfindung scheint mir für medizinische Zwecke durchaus vielversprechend."

Eile war geboten. Fritz Silten und seine Familie waren nach dem Selbstmord des Vaters am 20. Juni 1943 verhaftet und ins Durchgangslager Westerbork gebracht worden. Dräger schrieb an den obersten Polizeichef in Den Haag, Obersturmbannführer Gemmeker: Siltens Entdeckungen seien von größtem Wert für die medizinische Wissenschaft – und könnten nur von diesem selbst bearbeitet werden. Dräger legte zusätzlich noch das Gutachten von Professor Roth bei und winkte mit Geld: "Etwa in Frage kommende Kosten müssen, da wir an diesen Arbeiten interessiert sind, selbstverständlich durch uns getragen werden."

Sonderbehandlung im Konzentrationslager

Gemmeker interessierte das wenig. Am 18. Januar 1944 wurden die Siltens nach Theresienstadt deportiert. Im April klopfte Dräger noch einmal bei Pfeiffer an – mit der Bitte, sich für die Siltens in Theresienstadt im Sinne der ursprünglichen Tarngeschichte zu verwenden. Pfeiffer willigte trotz seiner ursprünglichen Bedenken ein. Kurz zuvor hatte Dräger ihm Geld überwiesen. Weitere Zahlungen sollten folgen. Zwischen März 1944 und Januar 1945 erhielt Pfeifer insgesamt 75.000 Reichsmark – heute etwa 240.000 Euro.

Ende Mai kam dann endlich die erlösende Nachricht. Pfeiffer schrieb, dass seine "Vorsprache bei SS Sturmbannführer Günther, dem Leiter des Judenreferats (Anm. der Red: hier irrt sich Pfeiffer. Günther war nur Stellvertreter. Leiter war Adolph Eichmann), den gewünschten Erfolg gehabt hat. Er hat in meiner Gegenwart die Anweisung gegeben, dass Dr. Fritz Silten im Lager Theresienstadt Ihnen für kriegswichtige Laborarbeiten zur Verfügung gestellt wird."

Wenig später bekam Fritz Silten für sich und seine Familie ein eigenes Zimmer im Lager zugewiesen. Den streng nach Frauen und Männern getrennten KZ-Baracken waren sie endgültig entkommen. "Aus irgendeinem Grund wurde meine Familie in einen kleinen privaten Raum verlegt", erinnert sich seine Tochter Gabriele später, die als Kind nicht wusste, welche Strippen im Hintergrund gezogen worden waren.

Kiste um Kiste mit Chemikalien, Laborausrüstung und wissenschaftlicher Literatur verließen das Drägerwerk Richtung Theresienstadt. Der Schein musste schließlich gewahrt bleiben. Im Oktober 1944 konnte Pfeiffer schließlich stolz vermelden: "dass auf meine Veranlassung das Reichssicherheitshauptamt sich ebenfalls an das Zentralamt in Prag gewandt hat und auf die Wichtigkeit der ungestörten Abwicklung seiner Forschungsarbeiten auch für eine längere Dauer hingewiesen hat." Tatsächlich blieben die Siltens unbehelligt - und überlebten die Internierung in Theresienstadt.







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insgesamt 6 Beiträge zur Debatte
Stephen phillips am 25. Mai 2012, 11:29
>'Im März 1945 wurden weibliche Häftlinge dieses Außenlagers seitens der Drägerwerke Versuchen in mehreren Hamburger Luftschutzbunkern ausgesetzt, um zu...

Jens Schuetz am 21. Mai 2012, 19:16
"John Doe"
Zu ihrem Wiki Link. Das einzige was drinn stand war "Im März 1945 wurden weibliche Häftlinge dieses Außenlagers seitens der...


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