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Westdeutscher Tourist mit Schmalfilmkamera: Versuchen Sie, mit einem richtigen Berliner ins Gespräch zu kommen. Und den treffen Sie drüben eher als in West-Berlin. Er ist ein Erlebnis fürs Leben: ausgeschlafen, locker, kritisch, schlagfertig, belastungsfähig und lebensfroh - die vitalste Ausgabe des Deutschen, die es gibt. Vermeiden Sie in Gesprächen herauszustellen, wie toll es im Westen ist, was es alles gibt, wo Sie schon überall waren und wo Sie als nächstes hinreisen.
Alle Zitate in der einestages-Galerie sind aus Christa Mörstedt-Jauers Reiseführer "Ost-Berliner Ansichtssachen - die halbe Hauptstadt" übernommen. Die Bilder stammen vom Bildarchiv Preußischer Kulturbesitz. |
Zu Gast beim Klassenfeind: Partys, Sportfeste, Schwulenbars - 1987 enthüllte ein westdeutscher Stadtführer für Ost-Berlin, dass es in der DDR viel mehr zu sehen gab als "Vopos" oder den "Alex". "Die halbe Hauptstadt" erschien in zwei Bänden - einen davon ließ man vor der Reise aber besser zu Hause. Von Daniel Erk
In Clärchens Ballhaus ist die Zeit stehengeblieben. Das Haus in der Auguststraße 24/25 in Berlin-Mitte wurde seit dem Zweiten Weltkrieg nicht renoviert. Der Lack im Saal platzt vom Holz, Stühle und Boden knarren, Lametta weht matt glitzernd von der Decke. In einem kleinen Raum im Obergeschoss hängt ein blinder Spiegel an der braun-grauen Wand, ein Kronleuchter funzelt wie in den Achtzigern.
Damals kostete ein Pils hier noch 48 Pfennig, "preiswert trinken" könne man in diesem Lokal, hieß es im Reiseführer. "Und gut Leute kennenlernen" ging auch. Das Amüsement war nicht teuer - 1,60 Mark bis 3,20 Mark kostete der Eintritt zum "Ball verkehrt". So hieß die Damenwahl in Clärchens Ballhaus. Ost-Berlin, anno 1987.
Der Reiseführer, der die Empfehlung für das Lokal im Osten gab, erschien vor 25 Jahren - im Westen. "Die halbe Hauptstadt – Ost-Berliner Ansichtssachen" nannte die West-Berlinerin Christa Mörstedt-Jauer ihren Versuch, West-Deutschen und West-Berlinern den Ostteil der Stadt schmackhaft zu machen. Mörstedt-Jauer war Anfang der Achtziger für zwei Jahre nach Ost-Berlin gegangen und hatte ihre Erlebnisse dort schließlich in dem Reiseführer gebündelt. An diesem Junimorgen sitzt sie im Biergarten von Clärchens Ballhaus und erinnert sich an ihre Zeit in der DDR.
Ein geteilter Reiseführer
Als sie mit ihrem Mann, dem ZDF-Journalisten Joachim Jauer, in umgekehrter Richtung "rübermachte", sei ihr erstes Gefühl Angst gewesen. Viele Westreisenden hätten an der Grenze negative Erfahrungen gemacht, erzählt die 62-Jährige. "Es reichte ja schon, wenn man etwas in der Handtasche hatte, das den Grenzern nicht gefiel. Manche wurden bis auf die Unterhose durchsucht. Das war unangenehm." Aber genau dafür habe sie ihren Reiseführer ja geschrieben: Sie wollte die angenehmen Seiten der DDR-Hauptstadt hervorheben und unangenehme Überraschungen beim Ost-Besuch möglichst verhindern helfen.
"Die halbe Hauptstadt" bestand aus zwei Bänden: Einem roten zur Vorbereitung, den man wegen seiner unverblümten Kritik und den Seitenhieben gegen die DDR-Führung besser zu Hause im Westen ließ. Und aus einem blauen Band mit ausführlichen Streifzügen mit Bus, Bahn und zu Fuß und nützlichen Adressen, Telefonnummern sowie Öffnungszeiten. Wenn man so will, war Mörstedt-Jauers Reiseführer so geteilt wie die Stadt an der Spree.

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