| Oden auf dem Straßenboden: Justin Duerr kniet hinter einer der "Toynbee-Kacheln". Das Bild stammt aus dem Dokumentarfilm "Resurrect Dead", deutsch: "Tote auferstehen lassen", der 2010 veröffentlicht wurde. Die Doku begleitet Duerr bei seinem Versuch, das Rätsel der Asphalt-Kacheln zu lösen. |
Kryptische Botschaften im Asphalt von Philadelphias Straßen. Ein Unbekannter, der Tote auf dem Jupiter zum Leben erwecken möchte: Seit den Neunzigern gibt das Phänomen der Toynbee-Kacheln Rätsel auf - ein Musiker aus Philadelphia glaubt, es nach jahrelanger Detektivarbeit endlich gelöst zu haben. Von Oliver Klatt
Als Justin Duerr 1993 zum ersten Mal eine Toynbee-Kachel entdeckte, ahnte er nicht, dass er die kommenden Jahrzehnte seines Lebens darauf verwenden würde, ihr Geheimnis zu ergründen. "Ich war 17, hatte die Schule abgebrochen und mich mit Freunden in einem besetzten Haus einquartiert", erinnert sich der Künstler und Musiker heute. "Als ich wieder einmal in der South Street von Philadelphia unterwegs war, um Passanten um Geld anzubetteln, fiel mein Blick auf dieses ungewöhnliche Mosaik im Asphalt". Auf einer Fläche von 30 mal 15 Zentimetern waren dort die Worte zu lesen: "Toynbee idea, in movie 2001, resurrect dead, on planet Jupiter" ("Toynbee Idee, im Film 2001, Tote auferstehen lassen, auf dem Planeten Jupiter").
Wer oder was war Toynbee? Wer käme auf die Idee, Tote wieder zum Leben zu erwecken - und das ausgerechnet in der lebensfeindlichen Atmosphäre des Jupiters? Und was hatte Stanley Kubricks Film "2001: Odyssee im Weltall" aus dem Jahre 1968 mit all dem zu tun? Duerrs Freunde hielten das Ganze für eine Werbekampagne oder für Street Art. Doch vieles sprach dagegen. Nicht nur ergaben die Sätze keinen erkennbaren Sinn, zudem waren die einzelnen Buchstaben sorgfältig aus Linoleum ausgeschnitten und mit Hilfe von heißem Teer in den Straßenbelag eingelassen worden. Um sie zu entfernen, hätte man die South Street aufreißen müssen. Kein Graffiti-Künstler der Welt war für ein derart aufwendiges Verfahren bekannt.
Im Jahr darauf ergatterte Duerr einen Job als Stadtkurier und stellte fest, dass ganz Philadelphia mit der Nachricht des unbekannten Fliesenlegers gepflastert war. Außer ihm nahm jedoch niemand davon Notiz. "Was mich mehr als alles andere dazu anspornte, das Geheimnis der Toynbee-Kacheln zu entschlüsseln, war das Desinteresse meiner Mitmenschen", sagt Duerr. Als die Stadtbibliothek von Philadelphia 1996 mit Arbeitsplätzen zur Internetrecherche ausgestattet wurde, setzte er sich hoffnungsvoll an den Computer. "'Toynbee idea' waren die ersten Worte, die ich jemals in das Eingabefeld einer Suchmaschine getippt habe", erinnert er sich. Das Ergebnis: kein einziger Eintrag.
Erste Spuren
Beinahe ein Jahrzehnt sollte vergehen, bevor Duerr der Identität des "Toynbee-Tilers" einen Schritt näher kam. Bis dahin war das Rätsel um die Straßenmosaike zu einem Phänomen angewachsen, das immer mehr Hobbydetektive auf den Plan gerufen hatte. Die Website www.toynbee.net dokumentierte bis 2006 nicht weniger als 160 Kachelfunde - die meisten davon in New York und Philadelphia, darüber hinaus jeweils eine in Rio de Janeiro, Buenos Aires und Santiago de Chile. Duerr selbst reiste nach Washington, Baltimore und Pittsburgh, um die dort entdeckten Kacheln zu fotografieren.
Auch der Begriff "Toynbee" warf mittlerweile kaum noch Fragen auf. Es lag nahe, dass damit der britische Geschichtsphilosoph Arnold J. Toynbee (1889 - 1975) gemeint war. In seiner Autobiografie "Experiences" (auf Deutsch: "Erfahrungen") schrieb Toynbee 1969, dass es angesichts wissenschaftlicher Erkenntnisse schwierig geworden sei, sich die Aufspaltung des Menschen in einen vergänglichen Körper und eine unsterbliche Seele vorzustellen. Wohl aber könne man sich das Leben nach dem Tod als eine körperliche Manifestation an einem anderen Ort denken.
Duerr erschien es offensichtlich, dass der Fliesenleger mit diesem Gedanken Toynbees vertraut war und ihn mit seiner eigenen Interpretation des Science-Fiction-Films "2001: Odyssee im Weltraum" zu einer kruden Weltanschauung verknüpft hatte. Die Identität dieses Menschen, der seine Vision vom ewigen Leben mit so wenigen Worten, aber umso mehr handwerklichem Geschick buchstäblich unters Volk brachte, lag jedoch weiterhin im Dunkeln.
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