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1982

Schräger Fortpflanzungsvisionär Der Samenbanker


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Ende eines Traums: Graham, der ein Vermögen mit der Herstellung von bruchsicherem Brillenglas verdient hatte, träumte davon "Superbabys" zu zeugen, die die Menschheit vor dem "genetischen Niedergang" retten sollten. Bis zu seinem Tod 1997 schafft es Robert Graham jedoch nicht, zu beweisen, dass sein Plan, hochintelligenten Nachwuchs zu zeugen, erfolgreich war.


Robert Graham im Juli 1982 in Kalifornien

Ein IQ von 180! Buchautor schon als Kind! Vor 30 Jahren wurde Doron Blake geboren. Das "Superbaby" war der größte Erfolg von Robert Graham, einem Millionär mit einer irren Vision: Er wollte eine Genie-Samenbank aufbauen - und lockte dafür sogar Nobelpreisträger aufs Hotelzimmer. Von Sarah Levy


Wie ein Raubtier schlich Robert Graham in seinem Hotelzimmer auf und ab. Seine Augen fixierten die Badezimmertür. "Robert, ich fühle mich wirklich unbehaglich so. Ich brauche ein bisschen Musik oder irgendwelche Hintergrundgeräusche", ertönte die Stimme eines Mannes hinter der geschlossenen Tür. Graham eilte zum Fernsehgerät und rief: "Sicher, lass dir Zeit. Ich kann den Fernseher einschalten."

Der Mann im Bad war James E. Bidlack, ein angesehener US-amerikanischer Biologe. Graham hatte ihn an diesem Abend zum Essen eingeladen, auf ihn eingeredet, ihn mit Komplimenten überhäuft - bis der Wissenschaftler endlich bereit war, ihm aufs Hotelzimmer zu folgen. "Es war ein bisschen wie ein Date", erinnert sich Bidlack 2006 in einer BBC-Dokumentation. Dann tat der Biologe, wozu er gekommen war: Auf der Toilette im Badezimmer sitzend leistete er seine Spende - ein Gläschen Sperma.

Denn Robert Klark Graham hatte eine bizarre Mission: 1979 gründete der Multimillionär das "Repository for Germinal Choice", eine Samenbank für Supersperma. Mit dem Erbgut hochintelligenter Männer wollte der ehemalige Optiker die Zeugung von scharfsinnigen und erfinderischen Kindern vorantreiben. Mit dieser "intelligenten Selektion", davon war Graham überzeugt, könne die Menschheit die Evolution selbst in die Hand nehmen: "Zehn hochintelligente Menschen", so sein Credo, "können mehr bewirken als 1000 Idioten." Graham veröffentlichte auch ein Buch mit seinen Thesen. In "The Future of Men" beschrieb er seine Überzeugung, dass die Vermehrung von Schwachköpfen und Inkompetenten unweigerlich zum "genetischen Niedergang" der Menschheit führe.

Ein eigener Staat für geniale Wissenschaftler

Robert Graham selbst war eher ein Durchschnittskind. Er wuchs in Harbor Springs im US-Bundesstaat Michigan auf. Der kleine Ort im Mittleren Westen war Anfang des 20. Jahrhunderts ein Ferienparadies einer aufstrebenden Gesellschaft. Schon früh mischte sich Graham, Sohn eines Zahnarztes, gern unter die Reichen und Erfolgreichen, auch wenn er selbst nicht dazu gehörte. "Ich selbst bin nicht mit besonderen Fähigkeiten ausgestattet, aber auch nicht mit größeren Mängeln", sagte er später von sich.

Dann machte die Erfindung eines bruchsicheren Brillenglases den gelernten Augenoptiker zum Millionär. Doch Graham wollte mehr als unternehmerischen Erfolg. Schon seit Jahrzehnten beschäftigte ihn die Idee, eine intelligentere Welt zu schaffen.


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Seine erste größenwahnsinnige Vision war es, "Grahamland" zu gründen, einen eigenen Staat für geniale Wissenschaftler. Als der Kauf einer Insel für die Staatsgründung fehlschlug, beschloss er, zum Samensammler zu werden.

Bereits 1978 hatte er begonnen, Nobelpreisträger aus Wissenschaft und Technik mit Wohnsitz in Kalifornien mit schmeichelhaften Briefen zu bombardieren, in denen er ihr genetisches Erbe bejubelte. Doch fast alle Männer, die er kontaktierte, lehnten ab oder ignorierten seine Anfrage. 1980, nach zwei Jahren der Jagd, war Graham im Besitz der Spermien von lediglich drei Nobelpreisträgern.

Aufzucht einer Superrasse?

Dennoch hielt Graham seine Idee nach wie vor für so genial, dass er noch im selben Jahr an die Öffentlichkeit ging. Stolz inszenierte er sich vor den dampfenden Stickstofftanks in dem unterirdischen Labor auf seinem Grundstück im kalifornischen Escondido, wo er die kostbare Körperflüssigkeit aufbewahrte. Seine Spender aber wollten anonym bleiben. Einzige Ausnahme: William Shockley, 72 Jahre alt, der 1956 den Nobelpreis für die Erfindung des Transistors erhalten hatte. Seine offenkundige Unterstützung des Projekts verschaffte Graham endlich die erhoffte Glaubwürdigkeit - und ein großes Problem: Shockley war bekennender Rassist.

Durch den US-Physiker geriet die Samenbank in Verruf. Graham wurde der nationalsozialistischen Rassenlehre beschuldigt, seine Gegner beschimpften ihn als Dr. Frankenstein und Verfechter einer weißen Vorherrschaft. "Es geht uns nicht um eine Super-Rasse", verteidigte er sich, "nur um einige kreative, intelligente Menschen mehr, die sonst nicht geboren würden."

Die öffentlichen Anschuldigungen machten es für Graham noch schwerer, hochkarätige Spender zu finden. Zudem erwies sich das Sperma der älteren Wissenschaftler als nicht besonders fruchtbar. Tatsächlich ging aus Grahams Nobelpreisträger-Samen nie ein Baby hervor. Anfragen von Frauen, die sich ein Superbaby aus Grahams Gefrierschränken wünschten, erhielt er jedoch zuhauf. Zu den für Graham geeigneten Empfängerinnen zählten Ärztinnen, Krankenschwestern, Psychologinnen - ehrgeizige Frauen, die große Pläne für ihren Elite-Nachwuchs hegten.

Sperma per FedEx

Graham musste umdenken. Er wendete sich erstmals auch an erfolgreiche Geschäftsmänner, Universitätsprofessoren, Olympioniken und Künstler. Nicht alle von ihnen waren überdurchschnittlich intelligent, einige sahen lediglich gut aus, waren besonders sportlich oder musikalisch. Über die Auswahl der Frauen ist wenig mehr bekannt, als dass sie einen Fragebogen ausfüllen mussten. Der Autor David Ploetz interviewte für sein Buch "The Genius Factory" mehrere Empfängerinnen und vermutet, dass sich am Ende die hartnäckigsten Damen durchsetzten. Diese erhielten per FedEx einen kleinen Kanister mit einem Röhrchen Sperma in Flüssigstickstoff und eine Anleitung.

1982 war es endlich soweit - zwei von Grahams "Superbabys" wurden geboren. Einer von ihnen wird das Aushängeschild für Grahams Vision. Sein Name war Doron, griechisch für "Geschenk" oder "Gabe". Und Doron Blake war tatsächlich ein Wunderkind: Im Alter von zwei Jahren konnte er den Computer seiner Mutter bedienen, im Kindergarten zitierte er Shakespeare, mit fünf Jahren schlug er seine Gegner im Schach. Mit zehn verfasste er ein Kinderbuch. Ein Test bescheinigte Doron einen IQ von 180. Graham hatte den vermeintlichen Beweis, dass seine "intelligente Selektion" funktionierte.

Mit der Unterstützung von Dorons Mutter, einer Psychologin mit einem Faible für Esoterik, inszenierte sich Graham mit seinem Vorzeigekind, schenkte ihm Chemiebaukästen und Bücher, führte ihn mit dem weißen Cadillac zum Essen aus und drängte den Jungen, eine wissenschaftliche Karriere einzuschlagen. Unterdessen verschickte Graham eifrig weiteren Samen. Mehr "Superbabys", wie die Presse sie nannte, wuchsen heran. Als Graham jedoch 1992 - zehn Jahre nach Dorons Geburt - begann, die Familien zu kontaktieren und nach dem Entwicklungsstand der Kinder zu fragen, erlebte er eine herbe Enttäuschung: Kaum eine Familie meldete sich bei ihm. Ob die Eltern ihre Kinder davor bewahren wollten, in Magazinen abgebildet und von der Presse bedrängt zu werden, oder ob die Zöglinge vielleicht doch nicht so intelligent waren wie erwartet? Graham sollte es nie erfahren.

Auch sein Vorzeigekind Doron Blake wandte sich bald von Graham ab. Nach einer Kindheit, in der er als "Sperma-Wunderkind" beleidigt und von Graham und seiner Mutter ins mediale Rampenlicht gezerrt worden war, entschloss sich Blake als Teenager, das Gegenteil von Grahams Wunschkind zu werden. Er wählte Naturwissenschaften ab, studierte Vergleichende Religionswissenschaften, interessierte sich für Philosophie, Psychologie und Musik. In der Öffentlichkeit verdammte er Graham und dessen Projekt.

Graham ließ sich davon nicht beirren. So wurden mehr als 200 Babys mit den Spermien aus seiner Genie-Samenbank gezeugt - bis sein Projekt Graham zum Verhängnis wurde. Als er im Februar 1997 für eine Wissenschaftskonferenz nach Seattle fuhr, um dort Spender zu akquirieren, rutschte er in seiner Hotelbadewanne aus, verlor das Bewusstsein und ertrank. Nur zwei Jahre später schloss die Genie-Samenbank. Grahams tiefgefrorene Schätze wurden bis auf den letzten Tropfen vernichtet.


Zum Weiterlesen:
David Plotz: "The Genius Factory. The Curious History of the Nobel Prize Sperm Bank". Random House, New York 2005, 262 Seiten.
Das Buch erhalten Sie im SPIEGEL-Shop.


Debatte

insgesamt 5 Beiträge zur Debatte
Ernst Woll am 30. August 2012, 17:45
Es freut mich, dass Sie zu diesem Thema recherchierten und Fakten darstellten. Gleichzeitig bin ich erschüttert auf welche absurden Gedanken Menschen kommen, besonders, wenn...

Erwin Nüßler am 27. August 2012, 11:41
Diese Idee ist alt.
Roald Dahl hatte die schon vor Jahren. Sein Roman "Onkel Oskar und der Sudan Käfer" beschreibt ziemlich witzig wie er sich die Umsetzung...


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