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Skurrile Miss-Wahlen Schön ist anders


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"Surreales Kunst-Event": Eine Teilnehmerin der Wahl zur "Alternative Miss World" wartet am 22. Oktober 2004 in London auf ihren Auftritt. 1972 wurde die erste Ausgabe des Wettbewerbs ausgerichtet, Initiator war der britische Künstler Andrew Logan.

"Es geht nicht um Schönheit, sondern um Haltung, Persönlichkeit und Originalität", sagte Logan über den Contest - und titulierte den seither in loser Folge abgehaltenen Spaß-Wettbewerb als "surreales Kunst-Event".

Miss Atom, Miss Dickwanst, Miss Röntgenbild: Seit Jahrzehnten stellen Anti-Miss-Wahlen gängige Schönheitsideale auf den Kopf. Keine Eigenschaft ist dabei absurd genug, um nicht einen Titel zu rechtfertigen. einestages zeigt die eigenwilligsten Beauty-Queens der Geschichte - und die makabersten. Von Katja Iken


Die weltschönste Frau des Jahres 1972 hieß Patrick Steed. Der androgyne Jüngling bestach nicht durch Mini-Taille und Maxi-Busen, sondern durch einen gigantischen schwarzen Hut, auf dem selbstgebastelte Sterne um eine goldene Weltkugel kreisten. Er war verkleidet als Harlekin, eine gewaltige Tüllhalskrause trennte das weiß geschminkte Gesicht vom zierlichen Körper.

"Ich teile mit der Garbo die Sehnsucht nach Obskurität", hauchte Steed alias "Miss Yorkshire" ins Mikrofon und verriet dem Publikum, dass er lediglich eine Schlange sowie das Wagner-Gesamtwerk auf Schallplatte sein eigen nenne. Ort der Miss-Wahl: eine ausgediente Puzzle-Fabrik in Hackney im Osten Londons. Alte Apfelsinenkisten dienten als Laufsteg, mitmachen durfte jeder, gleich welcher Nationalität, welchen Geschlechts oder Alters.


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In den Folgejahren gewann mal eine 75-jährige Russin, mal ein Roboter, mal eine Drag-Queen. "Es geht nicht um Schönheit! Was zählt, ist Haltung, Persönlichkeit und Originalität", so der Brite Andrew Logan, Künstler, Berufsexzentriker und Initiator des vor 40 Jahren erstmals ausgelobten Wettbewerbs um die "Alternative Miss World". Mit seiner schrillen Wahl-Party machte sich Logan über den mit großem Ernst und enormem Medien-Tamtam durchgeführten "Miss World"-Contest lustig, stellte das gängige Frauenideal auf den Kopf - und schuf so einen der ersten skurrilen Anti-Schönheitswettbewerbe.

Ob Miss Dickwanst, Miss Altersheim oder Miss Holocaust-Überlebende: Zahlreiche schräge Miss-Wahlen sollten folgen und eine Tradition persiflieren, die im 19. Jahrhundert ausgerechnet von Phineas Taylor Barnum begründet wurde: jenem Profi-Lügner, der sein Geld eigentlich mit der Zurschaustellung von sogenannten Freaks, also menschlichen Abnormitäten, verdiente.

Monster-Shows statt Miss-Wahlen

Nachdem er in seinem 1841 gegründeten New Yorker "American Museum" bereits mit Erfolg Schönheitswettbewerbe für besonders fette, kleine oder putzige Babys sowie Blumen, Hunde oder Vögel organisiert hatte, fahndete der US-amerikanische Schausteller ab Mitte der fünfziger Jahre erstmals öffentlich nach der schönsten Frau im Lande.

Doch trotz des gewaltigen Preisgeldes - Barnum lobte eine Prämie von bis zu 5000 Dollar aus - floppte sein Beauty Contest. Der Grund: Die Menschen waren weniger an schönen Frauen interessiert als an den von Barnum ebenfalls feilgebotenen menschlichen Kuriositäten, den "Riesen", "Zwergen", "Affenmädchen" und "Löwenmenschen". Die "Monster Shows" booteten die Miss-Wahlen aus.

Erst mit Ende des Ersten Weltkrieges veränderten sich die Bedürfnisse. Aus den Schützengräben waren so viele grausam verstümmelte Soldaten zurückgekehrt, dass der Öffentlichkeit die Gier nach körperlich andersartigen Menschen nachhaltig verging. Das Makellose, Ebenmäßige, Glamouröse wurde im Kino, in Fotografien, auf Werbeplakaten und Zeitungsannoncen gefeiert - und startete seinen Siegeszug in den zahlreichen, neu begründeten Schönheitswettbewerben.

Halloween auf dem Catwalk

1920 krönten die Franzosen "La plus belle femme de France", 1921 die Amerikaner ihre Miss America, 1927 die Italiener die Miss Italia sowie die Deutschen ihre Miss Germany. Bald wetteiferten um weltumspannende Schönheit die Miss Europe (1927), die Miss World (1951) und die Miss Universe (1952). Wundervolle, wohlgeformte Missen, soweit das Auge reichte: Die perfekte Frau wurde omnipräsent. Zudem begannen die Menschen damit, Schönheit zu sezieren, in ihre Einzelteile zu zerlegen. Wer hat die schönsten Knöchel? Wer die hübschesten Füße? Und wer die herrlichsten Beine?

Absurderweise waren es gerade die beiden Weltkriege mit ihrem traurigen Heer an körperlich Versehrten, die solche Detail-Wettbewerbe ankurbelten: Die zur Wiederherstellung zerfetzter Hände, Nasen und Körper nötige plastisch-rekonstruktive Chirurgie erlebte nach 1918 und 1945 einen enormen Aufschwung. Und beförderte, so der Wiener Kulturhistoriker Thomas Macho im einestages-Interview, den Glauben, "dass Schönheit machbar, ein Produkt der Medizin" sei.

Um in ihrem Urteil für bestimmte Finessen nicht von strahlenden Augen, einem üppigen Busen und anderen Reizen abgelenkt zu werden, ließen sich die Juroren so einiges einfallen. So wurden die Anwärterinnen seit 1945 in New Jersey abgehaltenen "Beautiful leg contest" dazu angehalten, sich gigantische weiße Kissenbezüge über den Kopf zu ziehen. Mit je zwei schmalen Schlitzen für die Augen versehen, ließ er nur die Beine unverhüllt - und sorgte auf dem Catwalk im Palisades Amusement Park für schaurig-schöne Halloween-Stimmung.

Miss Röntgenbild

Einen besonders absurden PR-Gag dachten sich die US-amerikanischen Chiropraktiker aus und ersannen bei ihrer Zusammenkunft in Chicago 1956 einen Wettbewerb, bei dem die Frau mit dem ebenmäßigsten Knochenbau ausgezeichnet wurde. Um der wahren Schönheit auf den Grund zu gehen, bewerteten sie nicht nur die äußere Erscheinung und Haltung, sondern auch die Röntgenbilder der Anwärterinnen.

Noch störte sich kaum einer an den medial immer stärker beworbenen Schönheitswettbewerben. Mit dem Erstarken der Frauenbewegung änderte sich die Situation schlagartig: Erzürnt ob der populären öffentlichen Fleischbeschau stürmten die Feministinnen 1968 den Miss-America-Contest in Atlantic City und kürten ein Schaf zur Schönheitskönigin. Zwei Jahre später bewarfen Frauenrechtlerinnen die Bühne der Miss World-Kür mit Mehlbomben und störten die Show mit "Wir sind nicht schön! Wir sind nicht hässlich! Wir sind sauer!"-Rufen.

Das normative, durchs Farbfernsehen weltweit in die Haushalte geschwemmte Schönheitsideal erlebte in jenen Jahren einen solchen Boom, dass das Pendel, so Kulturhistoriker Macho, "zwangsläufig ins andere Extrem umschlagen musste". Sichtbare Folge: skurrile Anti-Miss-Wahlen, also Wettbewerbe wie der schräge Londoner "Alternative Miss World"-Contest von 1972 oder auch die im selben Jahr erstmals ausgelobte Wahl zur "Miss Senior America". Dabei handelt es sich um einen Wettbewerb für Amerikanerinnen ab 60 Jahren aufwärts, der, so die Veranstalter, explizit "die innere Schönheit" prämiert und dem "düsteren Image alter Menschen" entgegenwirken möchte.

Beinprothese als Preis

Gerade in Ländern wie Italien, wo die bellezza nahezu gottgleichen Stellenwert besitzt, trieben und treiben solche Anti-Wettbewerbe besonders bizarre Blüten. So wird seit 1990 im toskanischen Dorf Forcoli die "Miss Cicciona d'Italia", die nationale "Miss Dickwanst", gewählt. Teilnahmebedingung für die Frauen: mindestens 100 Kilo Gewicht. Ins Leben gerufen wurde der seltsame Contest von Friseur Gianfranco Lazzareschi, der damit all jenen ein Forum bieten möchte, "die normalerweise vom Laufsteg ausgeschlossen werden". Und in einem Örtchen in der Provinz von Rimini küren die Zuschauer beim "Miss Chirurgia Estetica"-Contest alljährlich die prallsten Botox-Lippen, die schönsten Silikonbrüste, die am feinsten ziselierte Nase.

Immer absurder geht es schließlich seit der Jahrtausendwende zu: 2008 wurde in Angola (und 2009 in Kambodscha) eine "Miss Landmine" gewählt - statt einer Krone erhielt die Gewinnerin eine Beinprothese als Preis. 2009 darauf kürten die Belgier eine "Miss Obdachlos", die ein Jahr mietfrei wohnen durfte.

Und im Sommer diesen Jahres fand in Israel die erste Wahl zur "Miss Holocaust Survivor" statt: ein von Kritikern als makaber geschmähter Wettbewerb, bei dem es, so die Veranstalter, darum gehe, auf die Armut vieler Holocaust-Überlebender aufmerksam zu machen.

Und was kommt als Nächstes? Ein Contest für die Schönheit innerer Organe, wie Schauspieler Jeremy Irons dies schon 1988 in Cronenbergs gnadenlosem Film "Die Unzertrennlichen" forderte? Ein Schaulaufen der schaurigsten 3-D-Embryonen? Eine Prognose fällt auch Kulturwissenschaftler Macho nicht leicht, zumal ein Blick ins Guinness-Buch der Rekorde zeige, dass es nahezu alles schon gab. Sein persönlicher Favorit? "Ein Wettbewerb um die schönste Leiche zu Lebzeiten."


Debatte

insgesamt 1 Beiträge zur Debatte
Frank Scharfeld am 28. August 2012, 18:29
Die prallsten Botox-Lippen???

Ich hoffe doch sehr, dass die Autorin, sollte Sie je den Wunsch nach volleren Lippen verspüren, Sie sich diese mit Collagen o.ä....


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