Erster! Vor 50 Jahren landete ein knallroter Käfer am Südpol. Für die Antarktisforscher wurde das Auto zum Taxi, Zugpferd und Spaßvehikel, für VW zum perfekten Marketinggeschenk. Mit einer gigantischen PR-Offensive machte der Konzern den Wagen zur weltweiten Werbeikone. Von Johanna Lutteroth
Alle in der Forschungsstation Mawson brannten vor Neugier. Immer wieder suchten die knapp 30 australischen Antarktisforscher den Horizont nach der Nella Dan ab. Als das Versorgungsschiff am 2. Februar 1963 endlich vor der Küste auftauchte, eilten sie ans nahe gelegene Ufer. Keiner wollte die Ankunft der einzigartigen Fracht verpassen, die so verheißungsvoll angekündigt worden war. Ein Käfer.
"Wir waren alle furchtbar aufgeregt", erinnert sich Raymond McMahon, der 1963 die Australian Nataional Antarctic Reasearch Expedition (ANARE) in Mawson leitete. "Es war schließlich der erste ganz normale Serienwagen, der in diesem Moment in der Antarktis landete." Langsam rollte der rote Käfer über zwei Planken an Land und wurde sofort von mehreren Männern umringt, die ihn kritisch begutachteten. War der Kleinwagen den extremen Bedingungen in der Arktis gewachsen? Er würde schließlich nicht nur mit Frost, Schneestürmen und Windgeschwindigkeiten bis zu 100 Kilometern pro Stunde zurechtkommen müssen, sondern auch mit Gletscherspalten, Eis, extremen Steigungen und Schneeverwehungen.
Mawsons Forscher bewegten sich hauptsächlich mit Hundeschlitten und Raupenfahrzeugen durch die Eiswüste. Angesichts des roten Neuankömmlings, der neben den gigantischen Raupen niedlich wirkte, wurde die Skepsis nicht kleiner. Die Männer begannen, Wetten abzuschließen. Der Wagen würde es nie im Leben bis nach Gwamm schaffen, dem Wegepunkt auf dem Hochplateau hinter Mawson, tönten viele - am lautesten der Kapitän der Nella Dan.
Doch der kleine Käfer räumte schnell alle Zweifel aus. Mit Schneeketten an den Hinterreifen kämpfte er sich die vereiste Piste nach Gwamm hoch und bekam von den erstaunten Antarktisforschern seinen Spitznamen, den er nie mehr loswurde: "Red Terror". Es war sein erster Etappensieg auf dem Weg zum Weltruhm.
Dass es "Red Terror" überhaupt bis in die Antarktis geschaffte hatte, war Expeditionsleiter McMahon zu verdanken. Als er sich im Herbst 1962 auf seinen Antarktiseinsatz vorbereitete, kam ihm plötzlich die Idee, ein Auto mitzunehmen. "Ich hatte all die Berichte meiner Vorgänger gelesen und dachte, dass ein kleiner Wagen, mit dem die Forscher Touren raus aufs Eis machen können, eine sinnvolle Ergänzung für den vorhanden Fuhrpark sein würde", sagt McMahon. Das Anspannen der Hundeschlitten dauerte zu lange. Die Schneekettenfahrzeuge waren zu langsam und verbrauchten zu viel Sprit. "Ich wollte eine einfache, bequeme und effiziente Transportmöglichkeit."
Seine Wahl fiel auf einen Käfer. Dieser war klein, wendig und hatte einen luftgekühlten Motor, bei dem im Gegensatz zu vielen anderen Serienwagen das Kühlwasser nicht einfrieren konnte. Kurz entschlossen rief er bei Volkswagen in Australien an und fragte in der Marketing-Abteilung an, ob man ihm einen VW-Käfer zur Verfügung stellen könnte. "Die Antwort war kurz und bemerkenswert", erinnert sich McMahon. Sie lautete nicht nur ja. Er durfte sich sogar einen Käfer direkt vom Fließband aussuchen.
Der Zufall hatte McMahon in die Hände gespielt. Kurz zuvor hatte die Konzernzentrale in Wolfsburg beschlossen, dass der Käfer als Familienauto beworben werden sollte, das auch in kalten Wintermonaten treu und zuverlässig seinen Dienst leiste. McMahons Anfrage brachte Volkswagens PR-Leute auf die Idee für eine furiose Werbekampagne: Der Käfer sollte seine Wintertauglichkeit im denkbar härtesten Praxistest unter Beweis stellen und dabei ausgiebig fotografiert und gefilmt werden. Aus diesen Bildern sollte dann eine weltweite Anzeigenkampagne entstehen.
"Das erste Auto in der Antarktis"
Im November 1962 kam McMahon in eines der VW-Werke in Australien und suchte sich eben jenen knallroten Käfer aus, der drei Monate später in der Antarktis landete. "Ich wählte die Farbe, weil sie sich so deutlich von der weißen Umgebung in der Antarktis absetzt", sagt McMahon. Nur einige winzige Details wurden an dem Auto verändert. Es bekam eine zusätzliche Batterie, um Startschwierigkeiten zu vermeiden, und eine Abdeckung auf der Lüftung, damit sie keinen Schnee einsaugte. Auf die Türen ließ McMahon das ANARE-Logo aufkleben. Auf den Nummernschildern prangte auf weißem Grund in schwarzen Lettern ANTARTICA 1. Eine Werbeikone war geboren.
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