Hauptsache höher! Ab Ende des 19. Jahrhunderts lieferten sich Architekten in Metropolen einen Wettlauf um die spektakulärsten Wolkenkratzer. Ein Zufallsprodukt dieser Entwicklung sind beeindruckende Skylines. einestages zeigt wachsende Städte wie Hongkong, New York und Shanghai - heute und vor dem Höhenwahn. Von Solveig Grothe und Philine Gebhardt
Der Horizont hat Ecken und Kanten. Brüchig und schroff zeichnet sich die dunkle Silhouette vor der untergehenden Sonne ab. Nicht so, als würden sich Himmel und Erde sanft berühren. Es scheint vielmehr, als hätte jemand beides ineinander gesteckt - mit massiven Stiften aus Beton und Stahl. Fast filigran wirken dagegen die Dreimaster im Vordergrund, Schiffe im Hafen von New York an der Mündung des Hudson River, Ende des 19. Jahrhunderts.
Noch wenige Jahre zuvor war allein die Upper Bay, Amerikas größter Umschlagplatz für Güter aus aller Welt, das wohl sichtbarste Zeichen der wirtschaftlichen Prosperität des Landes. Am Ufer entlang wuchsen die Geschäftshäuser. Den Neuankömmlingen, Geschäftsreisenden aus Europa und all jenen, die den Alten Kontinent für immer hinter sich gelassen hatten, konnte nicht entgehen, dass hier nicht Kirchen, Dome und Schlösser das Stadtbild prägten, sondern die Zweckbauten einer Zeitung und einer Telegrafengesellschaft, der "Tribune" und der Western Union Company. Etwa 20 Jahre lang war das so, dann schienen beide Häuser verschwunden: New Yorks erste Wolkenkratzer waren kaum mehr auszumachen in der langen Kette steinerner Riesen am Horizont.
1896 veröffentlichte das "New York Journal" einer Farblithografie, die ein Panorama des Hafens zeigte: "The Sky Line of New York" stand unter dem Bild von Charles Graham. Es war das wahrscheinlich erste Mal, dass jemand dem von Menschenhand geformten Horizont einen Namen gab.
Und in New York begann man sich damals zu fragen, ob all das noch gut sein konnte für das Ansehen der Stadt. Von einer "architektonischen Vision" könne keine Rede sein, bemerkte der Kulturkritiker Montgomery Schuyler in einem Aufsatz mit dem Titel "The Sky-Line of New York" im März 1897 in "Harper's Weekly". Die Erfindung von Aufzügen und die Verwendung von Stahlskeletten habe den fast unbegrenzten Bau von Hochhäusern möglich gemacht und unter den Bauherren einen Wettlauf in den göttlichen Himmel ausgelöst, den wohl nur eine gesetzliche Verordnung stoppen könne.
Es gab nur einen Weg: nach oben!
Tatsächlich aber herrschten hier vor allem die Gesetze des Marktes: Selbst wenn ein Architekt darauf hätte Rücksicht nehmen wollen, dass auch das Gebäude seines Nachbarn zur Geltung kommt - sein Bemühen wäre wohl von einem Dritten zunichte gemacht worden. Auch wenn es auf Grahams Bild imposant aussah, New Yorks Silhouette war nicht das Ergebnis einer malerischen Komposition. Was die enorme Eindrücklichkeit ausmachte, war nicht die individuelle Gestalt der Gebäude - sondern ihre schiere Masse. Wer hier als Architekt herausstechen wollte, durfte sich nicht mit schnörkeligen Bögen, Kuppeln und Dekor aufhalten. Um aufzufallen, gab es nur einen Weg: den nach oben.
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