| Chinesisches Keksorakel: Der Glückskeks gehört zu einem Besuch im Chinarestaurant wie Stäbchen und Sojasauce. Die größten Glückskeksfabriken werden seit den fünfziger Jahren von Chinesen geführt - genauer: chinesischen Auswanderern in Amerika. Doch das Stück "amerikanisch-chinesischer Kultur", als welches die Hersteller ihr Gebäck gern bezeichnen, kommt weder aus China noch aus den USA,… |
Wie veränderte Pearl Harbor die Geschichte der Glückskekse? Wer aß den ersten Dürum Döner? Und warum speist man in Nobelhotels so gerne Sellerie? Um Rezepte ranken sich oft wilde Legenden: einestages erzählt die Geschichte berühmter Gerichte - und deckt kulinarischen Unsinn auf. Von Fabienne Hurst
Drei Milliarden Glückskekse werden jedes Jahr gebacken, mit weisen Sprüchen gefüllt, verpackt und in Chinarestaurants von Berlin bis Buenos Aires zum Nachtisch serviert. Sie helfen in Deutschland bei Neujahrsvorsätzen, schmecken in Indien nach Butteraroma und in Brasilien sagen sie angeblich die Lottozahlen vorher. In einem Land kennt jedoch kaum jemand die traditionellen Plätzchen: in China. Dort verteilt man nach dem Essen höchstens Papierservietten in Umschlägen.
Der Glückskeks, wie wir ihn heute kennen, wurde nämlich in Japan erfunden. Die japanische Historikerin Yasuko Nakamachi fand heraus, dass man dort bereits 1878 mit einer Art Waffeleisen hohle Kekse herstellte und mit Spruchbändern füllte. Diese boten Verkäufer in der Nähe der sogenannten Shinto-Schreine an, den traditionellen religiösen Stätten im ganzen Land.
Bald fand der Keks seinen Weg über den Pazifik: Um die Jahrhundertwende eröffnete der japanische Einwanderer Makoto Hagiwara in San Francisco ein Teehaus. Weil der Laden gut lief, überlegte er sich eine Spezialität für seine Gäste: mit Sprüchen gefüllte Glücksbringer aus Keksteig. Hagiwara kam mit dem Backen gar nicht hinterher. Die Leute liebten die süßen Stückchen. Asiatische Bäckereien begannen mit der Keksproduktion in ganz Kalifornien.
Wie Pearl Harbor den Glückskeks chinesisch machte
Doch dann kam der Zweite Weltkrieg und mit ihm der Tag des Angriffs der japanischen Armee auf die US-Pazifikflotte in Pearl Harbor. Das Ereignis veränderte Amerika - und die Geschichte der Glückskekse. Am 19. Februar 1942 unterzeichnete Präsident Roosevelt die "Executive Order 9066", die den Weg für die Ernennung bestimmter Gebiete zu Militärzonen freimachte. Über hunderttausend Japaner und japanischstämmige Amerikaner wurden daraufhin vertrieben und eingesperrt. Japanische Bäckereien mussten schließen, die Glückskeksproduktion übernahmen nun Chinesen. Die eifrigen Geschäftsleute trieben die Kommerzialisierung des Gebäcks schnell voran. Ende der fünfziger Jahre brachten sie es auf 250 Millionen Stück im Jahr. Viele reklamieren deshalb die Erfindung für sich: "Der Glückskeks ist ein Stück amerikanisch-chinesische Kultur", sagte Derreck Wong, Sprecher einer der größten Glückskeksfabriken der Welt, 2008 einer Reporterin der "New York Times."
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