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1971-1990

Piloten-Glanztaten Helden am Himmel


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Das Cabrio: Ein kleines Loch führte 1988 bei einer Boeing 737 der Aloha Airlines dazu, dass fast die ganze Kabinendecke abflog - doch Pilot Robert Schornstheimer konnte seine demolierte Machine dennoch sicher landen. Eine Stewardess wurde aus der Maschine gesogen und kam ums Leben, alle anderen Menschen an Bord überlebten.

Wenn in 7000 Metern das Kabinendach wegfliegt und das Flugzeug trotzdem sicher landet - dann werden Piloten zu Helden. Immer wieder können sie Abstürze gerade noch verhindern. Nur mancher wird zu früh gefeiert, wie ein Blick in die Luftfahrtgeschichte verrät. Von Christoph Gunkel und Thomas Thiel


Plötzlich war die Cockpit-Scheibe weg - in 5200 Metern Höhe, bei einer Geschwindigkeit von 650 Stundenkilometern. Eine Katastrophe für jeden Piloten. Doch Flugkapitän Tim Lancaster hatte noch ein anderes Problem: Der Pilot der BAC One-Eleven der British Airways war vom plötzlichen Sog erfasst worden und fand sich auf einmal außerhalb des Flugzeugs wieder - sein gesamter Oberkörper baumelte aus dem Fenster.

Nur, weil er mit den Knien an der Steuersäule hängengeblieben war, stürzte Lancaster nicht in den sicheren Tod. Und nur weil sein Copilot Alistair Atcheson im ohrenbetäubenden Chaos die Nerven behielt, kamen Lancaster und alle 84 Passagiere am 10. Juni 1990 mit dem Leben davon. Gegen alle Wahrscheinlichkeit gelang es Atcheson, den lädierten Passagierjet im steilen Sturzflug in dichtere Luftschichten zu bringen, dort abzufangen und schließlich sicher auf dem Flughafen von Southampton zu landen. Während des ganzen Dramas hatten zwei Flugbegleiter den hilflos aus dem Fenster hängenden Lancaster mit allerletzten Kräften festgehalten - wie durch ein Wunder überlebte selbst der Kapitän.

Die Unfallstatistik der internationalen Luftfahrt sähe deutlich schlechter aus, wenn nicht immer wieder Piloten zu Helden im Cockpit würden. So wie im Fall der British-Airways-Maschine von 1990 - oder jetzt wieder bei dem notgewasserten Airbus von New York. Immer wieder werden Piloten mit unvorhergesehenen, lebensbedrohlichen Situationen konfrontiert - wie sie dann in Bruchteilen von Sekunden reagieren, entscheidet über Leben und Tod.

"Die Hand Gottes"

Nur wenige Flugzeugführer allerdings haben ein Drama gemeistert wie Robert Schornstheimer, Kapitän des Aloha-Airlines-Flug 243 von Hilo nach Honolulu am 28. April 1988. In 7300 Metern Flughöhe verwandelte sich Schornstheimers Boeing 737 plötzlich in ein Cabrio, als das Flugzeugdach aufriss und die Passagiere der Ersten Klasse plötzlich im Freien saßen. Eine Stewardess, die nicht angeschnallt war, wurde aus dem fliegenden Wrack gesogen und starb. Doch mit einer fliegerischen Meisterleistung gelang es dem Piloten, die einer geöffneten Sardinenbüchse gleichende Boeing 15 Minuten später auf einem nahe gelegenen Flugfeld zu landen. "Die Hand Gottes hat das Flugzeug geführt", war der Kommentar des bescheidenen Piloten.

Besonders in der Startphase sind technische Defekte für Flugzeuge oft tödlich - selbst erfahrene Piloten sind dann machtlos - meistens. Nur Augenblicke blieben dem jungen Piloten Reinhold Hüls am 6. September 1971, als keine 60 Sekunden nach dem Start vom Flughafen Hamburg-Fuhlsbüttel in 250 Metern Höhe das linke Triebwerk seiner zweistrahligen BAC One-Eleven explodierte. Kurz darauf setzte auch das rechte Triebwerk der mit 121 Passagieren besetzten Maschine aus.

Hüls nutze seine einzige Chance mit Bravour: Mit mehr als 250 Stundenkilometer Geschwindigkeit setzte er den waidwunden Jet auf der nahegelegenen Autobahn Hamburg-Kiel auf. Das Bugrad brach, die Maschine raste unter einer Brücke durch, die die Flügel abrasierte, das Brückengeländer zerfetzte das Leitwerk. Das Manöver endete auf einer Wiese neben der Autobahn, wo der Rumpf der Maschine zerbrach und Feuer fing. 22 Menschen starben, doch waren sich alle Experten einig, dass ohne Hüls' wagemutiges Manöver auch alle anderen Passagiere keine Überlebenschance gehabt hätten. Der Pilot hatte sogar versucht, seine fast steuerungsunfähige Maschine noch auf die Gegenfahrbahn zur Anflugrichtung zu manövrieren, um Autos die Chance zum Ausweichen zu geben. "Wenn die Brücke nicht gewesen wäre, hätten wir es geschafft", sagte seine Copilotin später.

Fußballfan am Steuerknüppel

Allerdings werden gelegentlich auch Piloten vorschnell aufs Heldenpodest gehoben. 1989 musste eine Boeing 737 der British Midlands Airways auf dem Weg von London nach Belfast notlanden. Mit außergewöhnlichem fliegerischen Geschick, so zunächst das allgemeine Urteil, sei es dem Piloten Kevin Hunt gelungen, seine abstürzende Maschine noch über das kleine Dorf Kegworth in Mittelengland zu lenken. Er habe damit "ein zweites Lockerbie" verhindert, lobte die Presse, auch wenn 44 Passagiere die Notlandung nicht überlebten. Spätere Untersuchungen stellten allerdings fest, dass Hunt in der Hektik offenbar versehentlich das falsche Triebwerk abgestellt hatte - und damit das einzig noch funktionsfähige.

Auch Flugkapitän Cesar Garcez von der brasilianischen Airline Varig wurde 1989 zunächst als "mutiger Mann und erstklassiger Pilot" gefeiert. Kurz bevor er seine Boeing 737 im Amazonas-Urwald notlandete, hatte er seine Passagiere aufgefordert zu beten. Die noch relativ glimpfliche Dschungellandung, bei der 13 der 54 Passagiere ums Leben kamen, mochte tatsächlich ein fliegerisches Kunststück gewesen sein - allerdings ein völlig überflüssiges. Später stellte sich heraus, dass Pilot Garcez sich heillos über dem unendlichen Grün des Amazonas verflogen hatte - um mehr als 100 Grad war er von seiner Route abgekommen. Als er den Irrtum bemerkte, ging der Treibstoff bereits zur Neige.

Brasilianische Zeitungen berichteten mit Berufung auf einen Fluglotsen, der Flugkapitän habe sich kurz nach dem Start nach der Radiofrequenz erkundigt, auf der das WM-Qualifikationsspiel Brasilien gegen Chile gesendet wurde. Deswegen habe der Kapitän auf Autopilot umgeschaltet und die Route nicht mehr überprüft. War der Pilot im Fußballfieber gewesen? Nachdem er und die anderen Überlebenden sich nach zwei Tagen aus dem Urwald herausgekämpft hatten, war seine erste Frage jedenfalls: "Wie ist das Fußballspiel ausgegangen?"



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Debatte

insgesamt 5 Beiträge zur Debatte
Ralf Heitmann am 14. Oktober 2012, 13:21
"Die Hand Gottes hat das Flugzeug geführt", war der Kommentar des bescheidenen Piloten.
Wieso muss ein religiöser Mist für alles herhalten was an...

Lukas Berlinger am 22. Mai 2012, 06:54
Interessant ist auch ein Blick auf die Ursachen. Bei der weggeflogenen Cockpitscheibe war die Entlassung eines erfahrenen Werkstattleiters der Grund für das Drama. Der...


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