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Spazierfahrt durch Berlin-Lichtenberg: "Frau Z. und Tante Ursel mit Krippenwagen (Nils drin) auf Rosenfelder Ring", schreibt Manfred zu dieser Aufnahme vom Juni 1970.
Signatur im Bundesarchiv: N 1648 Bild-KD05571 |
Sie wollten aufräumen und fanden einen Bilderschatz: Nach dem Tod eines Berliner Lehrers entdecken dessen Söhne eine gigantische Fotosammlung. Die 60.000 Aufnahmen aus der DDR werfen ein neues Licht auf das Leben im Osten - und die ersten Tage der Bundesrepublik. Von Solveig Grothe
Erstaunlich, wie wenig man über den eigenen Vater weiß: Als sich nach dem Tod des Berliners Manfred Beier dessen Söhne Wolf und Nils 2002 daranmachen, im Keller den Nachlass aufzuräumen, entdecken sie Unglaubliches. Aufgeschichtet in Regalen finden sie Dutzende Holzkisten und Schubladenmöbel, ähnlich Apothekerschränken, offensichtlich Spezialanfertigungen. Die Schubladen sind mit Einlegeböden ausgestattet, jeder Boden enthält reihenweise versetzt angeordnete Bohrungen von jeweils drei Zentimetern Durchmesser. In jedem dieser Löcher steckt ein aufgerollter Kleinbildfilm.
Die Brüder wussten, dass ihr Vater zeitlebens viel fotografiert hatte. Aber das? Am Ende können sie die Menge seiner Bilder nur schätzen: Rund 60.000 Aufnahmen hat Manfred Beier hinterlassen, dazu eine Reihe Schmalfilme, eine schier unüberschaubare Sammlung. Doch im Keller finden sich auch 38 Notizbücher - und die entpuppen sich als der Schlüssel zur Sammlung. Die Notizen sind es, die beim Stöbern in all den Filmrollen helfen, den Überblick zu behalten: Ein klares Ordnungsprinzip, von Hand niedergeschrieben auf rund 4000 Blatt Papier. Chronologisch und mit Hilfe von Archivnummern hat Manfred Beier darin jedes einzelne Foto aufgelistet und vermerkt, an welchem Tag, zu welcher Stunde und Minute, mit welcher Kamera und welchem Objekt, bei welcher Blende und welcher Verschlusszeit, von welchem Standort und mit welchem Hilfsmittel genau dieses Motiv entstanden war.
Es ist ein Fototagebuch des langen Lebens Manfred Beiers, eines 1927 geborenen Berliners, der am Strausberger Platz aufwächst, noch gegen Ende des Zweiten Weltkriegs zum Volkssturm eingezogen wird, über Jahrzehnte im ostdeutschen Schuldienst arbeitet und stets mindestens eine Kamera bei sich trägt. Auch auf seinen Streifzügen in den Westen - solange er dorthin darf, und als er dann wieder dorthin darf. Es ist deshalb auch ein Fototagebuch gesamtdeutscher Geschichte. Und es ist die wohl umfangreichste und vollständigste Dokumentation des Alltagslebens in der DDR - einmalig in seinem foto- und kulturhistorischen Wert, wie Experten sagen.
Eine große, schwere Tasche
"Wir hätten nie gedacht, dass es so viel ist", sagt Nils Beier. Und das, obwohl die Fotografie im Alltag der Beiers immer präsent war. "Wenn wir unterwegs waren, hatte unser Vater immer eine Riesentasche dabei." Darin: Zwei Kameras für 8-Millimeter-Filme und mindestens noch drei weitere Apparate, damit er stets zwischen Farb- und Schwarzweiß-, Dia- und Mittelformat-Aufnahmen wechseln kann, dazu Belichtungsmesser, Filter und Objektive. Seine geliebte Spiegelreflexkamera Exakta Varex VX darf nicht fehlen, ergänzt im Laufe der Jahre um Exas und Prakticas. Die Tasche ist ein limitierender Faktor - auch hinsichtlich der Mobilität der Familie, "weil unser Vater dann natürlich nicht mehr so viel anderes Gepäck tragen konnte."
Für die Kinder ist der Inhalt der Tasche tabu. Sicher, die Jungs hätten auch gern einmal auf den Auslöser gedrückt, "aber an seine Sachen ließ er uns nicht ran", erinnert sich Nils Beier. Stattdessen sind sie an der Leidenschaft ihres Vaters eher mittelbar beteiligt - sein unentwegtes Fotografieren manifestiert sich im Familienalltag bisweilen als "permanente Störung".
Das Hobby des Vaters schlägt sich zum Leidwesen der Mutter auch auf die Haushaltskasse nieder - von seiner Leidenschaft hält ihn das nicht ab. Stattdessen perfektioniert er sein Handwerk: Aus einem 36er Film holt er fast immer 40 Aufnahmen, manchmal sogar 41 heraus. Jedes Bild muss auf Anhieb gelingen. Negative entwickelt er selbst. Dass seine Familie gelegentlich genug von der Knipserei hat, stört ihn nicht: Er streift oft allein durch die Orte auf der Suche nach neuen Motiven - der Familie soll dies erst später beim Sichten des riesigen Archivs bewusst werden.
Der Sammler Preußens
Dass es nicht nur groß, sondern vor allen "so ordentlich" ist, hatte die Familie nicht erwartet. Der Vater konnte sehr pedantisch sein, als Lehrer nicht wirklich streng, aber immer mit klaren Vorstellungen von einem ordentlichen Leben. Doch so? Wolf und Nils sind vor allem verblüfft, weil sie wissen, dass das Fotografieren nicht das einzige Hobby ihres Vaters war: "Er war ein richtiger Sammler."
Um ihn herum häufen sich Briefmarken, Zeitungen, Bücher. Der Lehrer für Erdkunde, Deutsch, Englisch und Astronomie interessiert sich beinahe für alles, besonders aber für deutsche Geschichte, vor allem Preußen. Doch in seiner privaten Bibliothek herrscht eine ganz eigene Ordnung - in der nur er sich zurechtfindet.
Ein Teil der Bücher muss irgendwann aus Platzgründen ins Gartenhaus ausgelagert werden, wo ihm Kälte und Feuchtigkeit schaden. Mehrere hunderttausend Briefmarken und an die 20.000 Bücher hat der Vater über die Jahre zusammengetragen. "Nach seinen Tod haben wir mehr als 100 Kubikmeter entsorgt", sagen die Söhne.

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