Ehrgeizige Jungs in windschnittigen Kleinstwagen: Seifenkistenrennen erlebten in den sechziger Jahren ihre Blütezeit. Zu den deutschen Meisterschaften erschienen gar 20.000 Besucher. Dann kam das jähe Ende des Booms - mit dem Ausstieg von Opel. Von Torben Dietrich
Aufgeregt schob der 13-jährige Volker Dietrich seine himmelblaue Holzkiste mit der Startnummer 2 die vier Meter hohe Rampe hinauf. Das Wetter war ideal an diesem Sonntag, dem 21. Juni 1964. Die Straße war trocken. Der Junge schaute noch mal die zweihundert Meter lange Piste hinunter. Links und rechts der Strecke drängten sich fast zweitausend Besucher, bereit die tollkühnen Helden in ihren rollenden Kisten anzufeuern. "Dieses Rennen gewinne ich", dachte er.
Seit es Autos gibt, träumen Jungs davon, selbst hinter einem Lenkrad zu sitzen und miteinander um die Wette zu fahren. Motorisierte Fahrzeuge sind natürlich tabu, die Jungenträume aber hartnäckig. Da war es nur eine Frage der Zeit, bis sich findige Burschen einen geeigneten Ersatz ausdachten: das Seifenkistenrennen. Statt sich in echte Rennwagen zu setzen, fuhren die Kinder einfach in selbst gebauten, mehr oder weniger windschnittigen Holzkisten auf Rädern. Das erste Mal rasten im Juli 1904 beim "Kinder-Automobilrennen" im hessischen Oberursel 16 Jungen um die Wette. Etwa zeitgleich soll ein US-Seifenfabrikant seine Holzkisten mit einer Bauanleitung für Kinderautos bedruckt und später auch Räder und Achsen mitgeliefert haben, die Kinder einfach an die Seifenkiste montieren konnten. Daher der Name.
In den folgenden Jahren entwickelte sich aus dem Werbegag ein Sport, der in den fünfziger und sechziger Jahren seinen Höhepunkt erlebte. Aerodynamische, schmale Holzflitzer ohne eigenen Antrieb, doch mit Lenkung und Bremse wurden von rennsportbegeisterten Jungen über abschüssige Pisten gelenkt. Als Re-Import aus den USA, wo ab 1933 bis zu 80.000 Zuschauer die "All-American Soap-Box Derbys" in Akron, Ohio sahen, fand das Spektakel im Nachkriegsdeutschland riesigen Anklang.
Kinderrennsport - gesponsert von Opel
1948, die allergröbsten Kriegsschäden waren gerade beseitigt, da übernahm die Adam Opel AG die Organisation und Ausrichtung der westdeutschen Bundesmeisterschaft im Seifenkistenrennen und führte ein komplettes Regelwerk sowie verbindliche Bauanleitungen ein. Die Veranstaltung hieß von nun an "Deutsches Seifenkisten Derby". Der Kinderrennsport boomte. In den fünfziger Jahren gab es organisierte Wettbewerbe in fast zweihundert Städten in der Bundesrepublik - allerdings alle in Süd- oder Westdeutschland. Über norddeutsche Straßen rumpelten noch keine Jungs in ihren schnellen Kisten. Bis 1964.
"Ich habe die Opel-Reklame gelesen, und unsere beiden Söhne waren zu der Zeit in genau dem richtigen Alter, zwischen elf und fünfzehn", sagt der heute 86-jährige Hans Dietrich. Der damalige Jugendwart des MTV Hondelage, eines Dorfvereins nahe Braunschweig, beschloss, in dem 1500-Einwohner-Ort ein Seifenkistenrennen auf die Beine zu stellen. Von der Rennzentrale in Rüsselsheim besorgte er die Bauvorschriften und Rennregeln, auch Achsen, Räder und Lenkung für die Kisten lieferte Opel. Diese kosteten zwar 60 Mark, aber örtliche Geschäftsleute unterstützten die jungen Rennfahrer gegen einen werbewirksamen Schriftzug auf den kleinen Karosserien. Dietrich begeisterte das ganze Dorf für seine Idee. Verein und Feuerwehr halfen bei der Organisation. Ein örtlicher Zimmermann übernahm den Bau der vier Meter hohen und sechzehn Meter langen Startrampe, von der die Kisten die Anhöhe "Lindenberg" hinunterbrettern sollten.


"Seifenkisten Bauen und Fahren ist eine famose Sache", erklärte Hans Dietrich der lokalen Presse. "Es spornt das handwerkliche Können und den sportlichen Ehrgeiz an." Dietrich, Feinmechanikermeister und in den vierziger Jahren Vorzeigeathlet, liebte den sportlichen Wettstreit. Monatelang wurde im Keller seines Hauses gesägt, geleimt und gelötet. Das Untergeschoss glich einer Werkstatt, alle neun Teilnehmer bauten hier ihre eigene Seifenkiste selbst zusammen. Denn die Startvoraussetzungen sollten für alle gleich sein. Die einheitlichen Konstruktionsanweisungen der Opel AG mussten deshalb eingehalten werden. Eine Seifenkiste sollte zwischen 122 und 200 cm lang sein, einen Radstand nicht höher als 70 cm haben und durfte mit Fahrer nicht über 113 Kilo wiegen.
Zwischendurch schauten Lokalreporter vorbei, die Vorbereitungen wurden akribisch verfolgt. Das kleine Dorf bereitete sich auf ein großes Ereignis vor.
"Volkers Kiste hatte am meisten auf dem Kasten"
Dann war es endlich so weit: Um kurz vor 17 Uhr hatte sich der 13-jährige Volker wirklich bis ins Finale vorgekämpft. Nun standen nur noch er und sein Bruder Klaus Dietrich an der Startlinie - bereit für das letzte Rennen. Konzentriert kauerte der Junge in seiner Kiste, den Rücken krumm, und wartete auf das Startsignal. Dann fiel die Klappe, von der die Seifenkisten gehalten wurden. Die beiden selbst gebauten Renner rasten die Rampe hinunter und erreichten dabei eine Höchstgeschwindigkeit von 30 Kilometer in der Stunde.
Volkers Kiste brauchte 24,4 Sekunden, sein Bruder 24,9 Sekunden bis zum Ziel. "Um eine Nasenlänge" fuhr der 13-Jährige eher über die Linie und gewann damit das erste organisierte Seifenkistenrennen Norddeutschlands. "Volkers Kiste hatte am meisten auf dem Kasten", schrieb tags darauf die Lokalpresse.
Das bedeutete, dass der Junge an der jährlichen Bundesmeisterschaft, dem "Großen Opel-Preis" in Duisburg teilnehmen konnte. 117 Sieger aus über siebzig Städterennen fuhren Ende Juli 1964 auf Kosten der Adam Opel AG nach Duisburg-Wedau und verbrachten eine Woche im Sportheim des westdeutschen Fußball-Verbandes, wo auch die DFB-Elf vor wichtigen Spielen logierte. Die Jungen besichtigten Hochöfen, das Bochumer Opel-Werk und durften täglich ein Strandbad besuchen. "Alle hatten das gleiche Ziel - gewinnen", so Volker Dietrich heute. "Doch es gab schon einige mit besonders großem Ehrgeiz, das schlug sich auch auf die Stimmung nieder."
Zusammenbruch des Deutschen Seifenkisten Derbys
Am Renntag fanden sich 20.000 Zuschauer an der Rennstrecke ein, um das Spektakel um die tollkühnen Jungs zu verfolgen. Besucherzahlen, von denen heutige Veranstalter nur träumen können. Trotz drückender Hitze standen Eltern, Bruder und alle acht Rennkameraden aus seinem Heimatort am Streckenrand. Doch 350 Kilometer von der Heimat entfernt, fuhr das Glück nicht mit, im Vorlauf schied Volker knapp gegen einen Nürnberger Buben aus. Dennoch, es war das Rennen seines Lebens, ein Jungentraum war in Erfüllung gegangen.
Zum vorerst letzten Mal fand 1971 die Bundesmeisterschaft in Duisburg statt. Bei der Siegerehrung in der Mercatorhalle trat damals ein Opel-Sprecher ans Mikrofon: "Mit dieser Stunde zieht sich die Adam Opel AG aus dem Seifenkistensport zurück", erklärte er kurz und bündig. Dem fassungslosen Schweigen der dreihundert Anwesenden folgte der Zusammenbruch des Deutschen Seifenkisten Derbys. Zwar suchten noch eine Handvoll Vereine den Kontakt untereinander, doch zwei Jahre später stand der Sport in Deutschland vor dem Aus.
Auch das Dorf Hondelage sah 1973 das letzte Seifenkistenrennen, obwohl die Begeisterung dafür anhielt. Im Oktober desselben Jahres gründete sich in Frankfurt das "Deutsche Seifenkisten Derby e.V", welches bis heute die Bundesmeisterschaften - wenn auch in weit kleinerem Rahmen - organisiert und mehr als fünfzig Mitgliedsvereine hat. Erst seit jenem Jahr sind auch Mädchen zu den Rennen zugelassen.



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