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1984

DDR-Ausreisebewegung Goodbye, Honecker!


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Das Tor ist zu: Die Vertretung der Bundesrepublik in Ost-Berlin mit verschlossenem Gitter am 28. Juni 1984. Nachdem es an diesem Tag zu einer versuchten Selbstverbrennung vor der StäV gekommen war, entschied Hans-Otto Bräutigam, der damalige Ständigen Vertreter, die bundesdeutsche Repräsentanz bis auf weiteres für ausreisewillige DDR-Bürger dicht zu machen.

Wegbereiter der Wende: Schon 1984 besetzten DDR-Bürger West-Botschaften, um ihre Ausreise zu erzwingen. Der Ansturm der Flüchtlinge führte zu einer diplomatischen Krise - und vor der Ständigen Vertretung in Ost-Berlin versuchte ein verzweifelter Ostdeutscher sogar, sich zu verbrennen. Von Thomas Thiel


Er wollte nur noch raus aus der DDR: Schnellen Schrittes bog ein junger Mann am 26. Juni 1984 in die Hannoversche Straße im Herzen Ost-Berlins ein. Sein Ziel: die Ständige Vertretung der Bundesrepublik Deutschland. Seine Hoffnung: die schnelle Ausreise aus Erich Honeckers Arbeiter- und Bauernstaat. Doch im winzigen Windfang vor der geschlossenen Pforte warteten bereits zehn Gleichgesinnte auf Einlass. Da zog der Mann einen Behälter aus seiner Aktentasche und übergoss sich mit Benzin. Nur, weil seine Finger zu sehr zitterten, um das Streichholz anzuzünden, scheiterte die Selbstverbrennung. Ein Wachbeamter stürzte vom Vertretungsgelände herbei und zerrte den Lebensmüden unversehrt in das Gebäude.

Der dramatische Selbstmordversuch vor 25 Jahren mitten in Ost-Berlin war der Höhepunkt eines der größten Flüchtlingsdramen, die Berlin seit dem Bau der Mauer bis dahin erlebt hatte. Seit Wochen bereits besetzten Dutzende DDR-Bürger die bundesdeutsche Vertretung; sie weigerten sich, das Gebäude zu verlassen, bis ihnen die Ausreise zugesichert wurde. Und täglich standen neue Asylsuchende vor der Tür. "Unser Haus war buchstäblich voll", erinnert sich der damalige Leiter der Vertretung, der Diplomat Hans Otto Bräutigam. Nach der versuchten Selbstverbrennung zog Bräutigam die Reißleine: Noch am selben Tag schloss er die Vertretung vollständig, zum ersten Mal in ihrer Geschichte.

Insgesamt 55 Ausreisewillige hausten zu diesem Zeitpunkt auf engstem Raum im fünften Stock des nüchternen Plattenbaus in der Nähe der Friedrichstraße. Ein logistischer Albtraum: Die Flüchtlinge schliefen auf dem Boden, auf Matratzen, die das Personal von irgendwoher herbeigeschafft hatte. Es gab nur zwei Toiletten und zwei Duschen, das Essen lieferte eine Großküche aus West-Berlin:."Die Stimmung war spannungsgeladen und explosiv", berichtet Bräutigam. "Es kam immer wieder zu heftigen Auseinandersetzungen unter den Asylanten." Kein Wunder: Die letzten Wochen hatten Nerven gekostet, denn die SED wollte ein Exempel statuieren, um solche Zwischenfälle ein für alle Mal zu unterbinden. "Jeder DDR-Bürger sollte sehen: Wer in die Ständige Vertretung geht, um seine Ausreise zu erzwingen, sitzt fest, vielleicht sehr lange, wie in einem Gefängnis", erklärt Bräutigam die damalige Lage.

Im Diplomatenwagen durch die Berliner Mauer

Es ging um viel für Honeckers Regime. Die Krise um die "StäV" - so die gängige Kurzform für Ständige Vertretung, die nicht Botschaft heißen durfte - war nämlich nur die jüngste einer langen Reihe von ähnlich öffentlichkeitswirksamen Aktionen, die seit Anfang 1984 das Renommee der DDR im Ausland beschädigten und die deutsch-deutschen Beziehungen belasteten. Und die sogenannten Botschaftsfälle häuften sich nicht nur in der "Hauptstadt der DDR", sondern auch in den bundesdeutschen Botschaften anderer Ostblock-Metropolen wie Warschau oder Budapest. Im Spätsommer 1984 kam es in Prag sogar zu einer Besetzung mit 150 DDR-Bürgern.



Neu war die Taktik der Ausreiser schon damals nicht mehr: Bereits in den siebziger Jahren war es vorgekommen, dass DDR-Bürger in diplomatischen Missionen westlicher Staaten Zuflucht gesucht hatten. "Aber das waren Einzelfälle geblieben, die nicht bekannt wurden", schränkt Bräutigam ein. Das änderte sich im Januar 1984, als sich sechs Ostdeutsche in der Ost-Berliner US-Botschaft festsetzten. Da mehrere Staatsbesuche ausländischer Politiker unmittelbar bevorstanden, wollte die SED diese peinliche Angelegenheit so schnell wie möglich aus der Welt schaffen - die Flüchtlinge wurden in Diplomatenwagen umgehend nach West-Berlin verfrachtet.

Es war ein schwerer taktischer Fehler der Genossen des Politbüros: Westliche Medien bekamen Wind von der Sache und berichteten ausgiebig - und drei Tage, nachdem die sechs DDR-Bürger den Grenzübergang Invalidenstraße passiert hatten, standen in der StäV die ersten Nachahmer auf der Matte. "Die Botschaftsfälle entwickelten sich zu einer ständigen Krise", blickt Bräutigam zurück.

"Wir waren Bürger zweiter Klasse"

"Die Ausreisebewegung war seit der Gründung der DDR ein Seismograph dafür, wie die Bevölkerung auf die ihr aufgenötigte Diktatur der SED reagierte", resümiert der DDR-Experte Karl Wilhelm Fricke. Und nach diesem Maßstab hatte die DDR spätestens ab 1984 ein großes Problem: Die Zahl der Ausreisen in den Westen vervierfachte sich im Vergleich zum Vorjahr auf 41.000. Der DDR liefen - mal wieder - ihre Bürger weg. Schuld war Honecker. Der ließ Anfang 1984 besonders viele Ausreiseanträge legal genehmigen - in der Hoffnung, so alle Unzufriedenen auf einen Schlag loszuwerden und das nervige Ausreiserproblem zu beseitigen. Doch ein Staat funktioniert nicht wie ein Dampfkessel, und so passierte genau das Gegenteil: Immer mehr Ostdeutsche stellten den Antrag, ihre Heimat verlassen zu dürfen - sie hatten ja gesehen, das man damit Erfolg haben konnte.

Dabei wandten sich schon lang nicht nur eingefleischte Dissidenten von der DDR ab. Meist waren es gut ausgebildete, junge Leute, die politisch durchaus angepasst gewesen, mittlerweile aber desillusioniert waren. Das merkte auch West-Diplomat Bräutigam in der StäV: "Das waren ganz überwiegend unauffällige Bürger ohne politische Probleme, denen es nicht schlecht ging, die einen Arbeitsplatz hatten und über soziale Sicherheit verfügten." Das SED-Regime hatte ihre Erwartungen enttäuscht, in ihm sahen sie keine Zukunft mehr.

Wer einen Ausreiseantrag stellte, wurde vom SED-Regime systematisch schikaniert - oft jahrelang. "Sobald ich 1986 bei den Behörden das offizielle Übersiedlungsersuchen für meine Familie und mich abgegeben hatte, verlor ich meine Arbeit", erzählt etwa der Lehrer Wolfgang Mayer aus Thüringen. "Wir waren nur noch Bürger zweiter Klasse." Sein Personalausweis wurde eingezogen, Bekannte wechselten auf der Straße plötzlich den Bürgersteig, Dutzende Male musste Mayer in Verhören seine Entscheidung verteidigen. Doch am schlimmsten war die Ungewissheit: "Die Willkür des Verfahrens zermürbte uns. Manche mussten nur sechs Monate auf die Ausreise warten, bei anderen vergingen sieben, acht, neun Jahre, ohne das etwas passierte."

"Der größte Menschenhändler unserer Zeit"

Für diejenigen, die den Psychoterror nicht mehr aushielten, wurde eine Botschaftsbesetzung zur Alternative für einen Fluchtversuch über die Mauer und durch Minenfelder. Für die betroffenen diplomatischen Missionen war jeder Fall ein moralischer und politischer Drahtseilakt. Diplomat Bräutigam formuliert es so: "Ich konnte zwar die Besetzer verstehen, aber ihr Handeln belastete die deutsch-deutschen Beziehungen enorm und gefährdete damit die legitimen Bedürfnisse von vielen tausend Menschen, die sich legal für ihre Ausreise einsetzten."

Dass sich DDR-Bürger in bundesdeutsche Vertretungen festsetzten, lag nicht im Interesse Bonns, denn die Bundesrepublik setzte stabile und gute Beziehungen mit den Ost-Berliner Machthabern. Geradezu beschwörend redeten deshalb die westdeutschen Diplomaten auf jeden neuen Besetzer ein, sich an das offizielle Ausreiseverfahren zu halten und die Botschaft wieder zu verlassen - oft vergebens. So auch bei den 55 Ostdeutschen, die Ende Juni 1984 in der Ständigen Vertretung Zuflucht nahmen. Die Lage schien festgefahren, Bräutigam sagte am Tag nach der Schließung der StäV einem Journalisten, dies sei "der Tiefpunkt meiner Tätigkeit, seit ich mit der DDR zu tun habe".

Doch dann schlug die Stunde von Wolfgang Vogel. Nachdem die Proteste über die Zustände in der Vertretung in der deutschen Öffentlichkeit immer lauter geworden waren, hatte sich die DDR-Führung endlich dazu durchgerungen, den Ost-Berliner Rechtsanwalt mit der Lösung des Falls zu beauftragen. Und wenn einer das konnte, dann Vogel: Über Jahrzehnte hinweg war er Honeckers offizieller "Beauftragter für humanitäre Fragen". 34.000 politische Häftlinge und etwa 250.000 Ausreisewillige wechselten unter seiner Verhandlungsführung von Ost nach West - Transfers, die sich die DDR mit mehreren Milliarden harter D-Mark vergüten ließ. Weniger wohlgesonnene Zeitgenossen nannten den umtriebigen Juristen deswegen später "den größten Menschenhändler unseres Jahrhunderts".

Nur eine kurze Atempause

Vogel wurde seinem Ruf gerecht und handelte schnell einen Kompromiss aus: Den Besetzern wurde Straffreiheit versprochen, wenn sie die Botschaften wieder verließen. Um den Schein der Ordnung zu wahren, mussten die Ausreisewilligen dann wieder zurück in ihre Heimatorte und dort Ausreiseanträge stellen, welche dann nach kurzer Wartezeit genehmigt wurden.

Honecker persönlich nickte die Einigung ab, auch die Botschaftsflüchtlinge stimmten zögernd zu. Die letzten verließen am 5. Juli das Gebäude. Honecker hielt sein Versprechen: Ende August waren alle der StäV-Besetzer in die Bundesrepublik übergesiedelt. Auch nachfolgende "Botschaftsfälle" wurden nach dem gleichen Muster so diskret wie möglich gelöst. Oberflächlich stabilisierte sich die DDR nach 1984 noch einmal für ein paar Jahre. Doch der Druck der Ausreisewilligen war nach wie vor da, und ab 1988 brach er sich wieder Bahn - mächtiger als je zuvor. Wieder wurden Botschaften besetzt, doch diesmal in ganz anderen Dimensionen: Bis Mitte Juli 1989 verzeichneten DDR-Behörden 1700 Botschaftsbesetzer.

Rund drei Monate später waren es bei der berühmten Botschaftsbesetzung in der tschechoslowakischen Hauptstadt Prag sogar über 8000 DDR-Bürger, die Außenminister Hans-Dietrich Genschers legendären Halbsatz: "Ich bin heute zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise..." im Jubel untergehen ließen. Sie reisten am 4. Oktober gen Westen. Genau ein Jahr darauf war die DDR Geschichte.




Debatte

insgesamt 1 Beiträge zur Debatte
Rainer Schinzel am 1. Juli 2009, 12:12
Sehr geehrter Herr Thiel,

in Ihrem interessanten Bericht schreiben Sie:

"Nur, weil seine Finger zu sehr zitterten, um das Streichholz anzuzünden, scheiterte die...


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