Reparationen, Gebietsverluste, Flotte weg: Der Versailler Frieden, der vor 90 Jahren den Ersten Weltkrieg beendete, traf Deutschland ins Mark. Und dann verlangten die Briten auch noch den Schädel des Sultans Mwkawa. Die bizarre Vertragsklausel löste eine endlose Politposse aus - die bis heute andauert. Von Hans Michael Kloth
Es war der erste Mega-Gipfel des 20. Jahrhunderts: Staatschefs und Minister, Diplomaten und Agenten, Journalisten und Stenographen - rund 10.000 Beteiligte aus mehr als 30 Ländern waren im Januar 1919 nach Paris gekommen, um in der alten Kaiserresidenz von Versailles die Welt neu zu ordnen. In der war nach vier Jahren mörderischem Krieg nichts mehr wie zuvor; allein vier Imperien - Deutschland, Österreich-Ungarn, Russland und das osmanische Reich - waren untergegangen, die USA als neue Großmacht auf die Weltbühne getreten.
In Versailles nun machten die Sieger den Besiegten ihre Rechnung auf. Der Krieg, den das deutsche Kaiserreich vom Zaun gebrochen hatte, um sich gewaltsam einen "Platz an der Sonne" zu erobern, sollte es teuer zu stehen kommen. In 440 Artikeln legte der Friedensvertrag Deutschland schwere Bürden auf, darunter den Verlust eines Siebtels seines Territoriums, aller Kolonien, der Handelsflotte, drei Vierteln der deutschen Erz- und einem Drittel seiner Kohlevorkommen, dazu Reparationen in nicht festgelegter Höhe, zu zahlen über 30 Jahre.
Doch das Vertragswerk enthielt auch bizarren Kleinkram. Wie immer nutzten Politiker großer und kleiner Staaten die günstige Gelegenheit eines Diktatfriedens, um festzuklopfen, was nur festzuklopfen war. So kam es auch zu der wohl skurrilsten Klausel des Versailler Friedens - und ausgerechnet sie sollte deutsche Stellen noch bis in unsere Tage beschäftigen. Artikel 246, Absatz 2 des Vertrags von Versailles nämlich bestimmte kategorisch: "Der Schädel des Sultans Makaua, der aus Deutsch-Ostafrika weggenommen und nach Deutschland gebracht wurde, wird ... der britischen Regierung übergeben."
Ein Buschkrieger als "Reichsfeind"
Die seltsame Bestimmung hatte ihren Ursprung in einer der unrühmlichsten Episoden der kurzen deutschen Kolonialgeschichte. Im Juli 1891 war Emil von Zelewski, Kommandeur der Schutztruppe von Deutsch-Ostafrika, dem heutigen Tansania, mit drei Kompanien zu einer Strafexpedition gegen den rebellischen Bantu-Stamm der Wahehe (oder Hehe) in das Landesinnere marschiert. Zelewskis Truppe - 13 Offiziere, 320 mit Maschinengewehren und leichten Feldgeschützen bewaffnete Askaris sowie 170 Träger - hatten dabei gnadenlos gewütet: "Eine befestigte Siedlung mit 20 Granaten und 850 Maximpatronen beschossen, am 5. und 6. August 25 Gehöfte den Flammen preisgegeben, am 15. und 16. weitere 50 Gehöfte angesteckt", notierte Zelewski.
Nachdem Zelewski eine Gruppe von Wahehe-Parlamentären umgebracht hatte, ohne sie nur anzuhören, stellten ihm deren Häuptling Mwkawa (in damaliger deutscher Diktion Sultan Makaua) eine Falle. Am 17. August 1891 fielen mehr als 2000 Wahehe-Krieger bei Lugalo (damals Rugaro) urplötzlich aus dem hohen Buschgras über die Schutztruppler her. Binnen zehn Minuten war fast die gesamte Einheit niedergemetzelt, auch Zelewski fiel. Nur zwei deutsche Leutnants, zwei Unteroffiziere, zwei osmanische Effendis, 62 einheimische Askaris und 74 Träger entkamen dem Desaster. "Eine Hiobspost aus Deutsch-Ostafrika", titelte daheim das "Berliner Tageblatt".
Die Katastrophe von Lugalo machte den Anführer der Wahehe zur Zielperson Nummer eins für die tief in ihrem Überlegenheitsgefühl getroffenen Deutschen, Mwkawa wurde von der kaiserlichen Regierung gar zum "Reichsfeind" erklärt. Drei volle Jahre lang bereitete sich die Schutztruppe auf den Gegenschlag vor, während Mwkawa auch dank der erbeuteten deutschen Waffen seinen Guerillakampf fortsetzte. Im Oktober 1894 schließlich stürmte ein deutsches Expeditionskorps Mkwawas befestigte Residenz Kalenga - doch wieder konnte der Wahehe-Häupting knapp entkommen.
"Schicken Sie einfach drei Schädel zur Auswahl"
Dann allerdings sank sein Stern. Von fast allen Anhängern verlassen, schwer krank und unerbittlich verfolgt von den Deutschen, wurde Mkwawas Versteck am 19. Juli 1898 verraten. Doch als ihn eine deutsche Patrouille stellen wollte, hatte der stolze Stammesfürst sich mit seiner Pistole in den Kopf geschossen. Der Schutztruppen-Feldwebel Merkl trennte den Kopf des "Sultans" ab und brachte ihn, verstaut in einem Kochtopf, in die deutsche Station Iringa, als Beweis für Mkwawas Tod. "Endlich! Endlich!", schrieb die Frau von Merkls Vorgesetzten am 21. Juli 1898 in ihr Tagebuch. "Aus vollem dankbaren Herzen möchte ich es hinausjubeln in alle Welt, die Freudenbotschaft: Makaua ist tot!"

Der verschenkte Frieden: Warum auf den Ersten Weltkrieg ein zweiter folgen musste
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Das hätte das Ende eines todtraurigen Kolonialkriegsdramas sein können. Doch alsbald entwickelte sich daraus eine schier endlose Politposse, die bis heute Rätsel aufgibt. Angeblich expedierten die Deutschen, so ist es oft gesagt und geschrieben worden, den Schädel des Sultans irgendwann aus Ostafrika in die Heimat - und gaben damit den Briten den Anlass für die Versailler Forderung nach Rückgabe. Denn im Ersten Weltkrieg hatten auf englischer Seite auch Wahehe-Krieger in den Gräben Flanderns gekämpft, von Rekruteuren gegen die Deutschen aufgestachelt mit dem Hinweis auf den Raub des Sultanschädels. Dessen Rückgabe sollte nun symbolischer Kriegslohn für die afrikanischen Soldaten sein.
Außer vom Hörensagen allerdings konnte niemand belegen, dass das corpus delicti tatsächlich in Deutschland war. Zwar wollte der berühmte Arzt Rudolf Virchow einen Schädel "eindeutig" als Mkwawas identifiziert haben. Doch andererseits gab die Witwe des Merkl-Vorgesetzten zu Protokoll, der Kopf sei seinerzeit vor Ort begraben worden. Wo, wusste sie allerdings nicht zu sagen. In den Akten des Auswärtigen Amtes hatte das Haupt des Sultans ebenfalls keine Spuren hinterlassen, und auch in den einschlägigen völkerkundlichen Sammlungen im ganzen Land fand sich kein passendes Exemplar. Das Foreign Office aber bestand auf Erfüllung und schickte eine scharf formulierte Note. "Schicken Sie einfach drei Schädel zur Auswahl", wies daraufhin der genervte Außenminister Gustav Stresemann seine Beamten an. Und siehe da, die Briten machten gute Miene zum bösen Spiel und wählten aus den drei per Diplomatenkurier übersandten Totenköpfen einen aus. Der Überlieferung nach bestimmte ein Beamter des Foreign Office den "echten" Schädel Mkwawas per Los; es fiel auf Schädel Nummer zwei.
Wollte Hitler Mkwawas Erben aufstacheln?
Damit war die Versailler Klausel erfüllt, die Diplomatenposse eigentlich abgehakt. Dass sich die Spur des zweiten Sultanschädels irgendwo verlor - für die diplomatischen Beziehungen der einstigen Kriegsgegner blieb das vorerst unerheblich. Dann gelangte in Deutschland Adolf Hitler an die Regierung und machte den Briten einmal mehr ihre Weltmachtrolle streitig. Und so kam auch der Schädel Mkwawas gewissermaßen wieder ins Rollen. Britische Blätter berichteten 1937, der "Fuehrer" habe im Fundus den echten Schädel entdeckt und wolle die Wahehe mit einem Rückgabeangebot seinerseits zum Aufstand gegen die britischen Kolonialherren animieren.
Die NS-gelenkte deutsche Presse publizierte umgehend einen Brief von Mkwawas Enkel Chief Adam Sapi. Der erklärte, sein Großvater sei ein "großer Räuber" gewesen, der "als Eure Soldaten die Ermordung einer Expedition rächen wollten, Selbstmord begangen" habe. Das sei nach den Sitten der Wahehe Feigheit, stellte der Enkel richtig: "Darum haben ihn damals meine Verwandten heimlich begraben, und wir haben geschwiegen." Nach den britischen Presseberichten, so der Enkel, hätte die Familie das nur ihr bekannte Grab jetzt geöffnet. Ergebnis: "Die Gebeine und der Kopf sind vollständig vorhanden." Ob dieser Brief von der deutschen Gegenpropaganda fingiert war oder die tatsächliche Geschichte liegt bis heute im Dunkeln.
Doch auch damit war das Gezerre um den Sultanschädel nicht zu Ende.1953, Britannien hatte Deutschland zwischenzeitlich auch im Zweiten Weltkrieg besiegt, tauchte im Bremer Übersee-Museum ein gewisser Sir Edward Twining auf, der britische Gouverneur in Tanganjika. Sein Begehr war der wirklich einzig garantiert echte Mkwawa-Kopf, den Sir Edward nach einem Tipp an der Weser vermutete. Einer der Bremer Museumsschädel wies tatsächlich ein Einschussloch auf. Das reichte; der Diplomat entschwand glücklich mit seinem Fund. Allerdings vergaß er den Unterkiefer; die Museumsmitarbeiter mussten ihm einen halbwegs passenden heraussuchen und nach Tanganjika nachsenden. Am 19. Juni 1954 übergab Twining bei einer feierlichen Zeremonie in Kalenga Schädel Nummer drei den Wahehe, dekorativ platziert in einer kleinen Vitrine. Bis heute ist er dort in einem Schrein als eine Art Reliquie zu besichtigen.
Kein einziger Kopf aus Tansania
Ob Twining das Rätsel des Schädels löste, ist gleichwohl ziemlich zweifelhaft. Das Bremer Museum war vor dem Ersten Weltkrieg ein kleines städtisches Naturkundemuseum und Ostafrika kein Sammlungsschwerpunkt. Eher wäre so eine prominente Trophäe in Berlin gelandet, wo Stresemann auch seine drei Auswahlexemplare hatte zusammensuchen lassen. "Nach Aktenlage hatten wir keinen einzigen Schädel aus Tansania", sagt Wiebke Ahrndt, seit 2001 die Bremer Museumsdirektorin. So gut wie alle der dort verwahrten rund 400 (nicht wie Twining schrieb 2000) Schädel stammen nicht aus Übersee, sondern von einem aufgelassenen Bremer Friedhof. Erst die Nazis machten aus dem Haus 1935 das "Kolonialmuseum" - ein Ruf, "der uns bis heute verfolgt", wie Ahrndt klagt.
Überdies könnte Twining ein ganz anderes Motiv verfolgt haben, als dem Vertrag von Versailles und den Traditionen der Wahehe Genüge zu tun. Just zur Zeit seiner Bremenreise wütete nämlich in Londons Kronkolonie Kenia der Mau-Mau-Aufstand gegen die britischen Kolonialherren - und die Briten suchten händeringend afrikanische Freiwillige für den Kampf gegen die aufständischen Kikuyu. Womöglich wandte Twining den gleichen Trick an, mit dem die Wahehe schon im Ersten Weltkrieg zu den Waffen gelockt worden waren - nur diesmal mit einem anderen Totenkopf.
Damit der Rätsel immer noch nicht genug. Denn unsicher ist sogar, ob der erste der drei Schädel des Sultans, den der Schutztruppen-Feldwebel Merkl 1898 angeschleppt hatte, überhaupt der richtige war. Auf Mkwawas Kopf war die enorme Summe von umgerechnet 8000 Mark ausgesetzt, aber die gesetzte Frist dafür war nahezu abgelaufen. Schleppte Merkl also vielleicht den Schädel irgendeines Wahehe an, um das Geld zu kassieren? Kein Deutscher hatte Mkwawa je lebend gesehen, das Risiko wäre gering gewesen.
Aufschluss, ob der von vielen Tansaniern als nationales Heiligtum verehrte Schädel im Mausoleum von Kalenga tatsächlich der des "Reichsfeindes" Sultan Makaua ist, könnte nur ein Gentest liefern. Doch den haben die Nachfahren des Wahehe-Häuptlings bisher nicht durchführen lassen. Adam Sapi, der Enkel Mkwawas und über 30 Jahre lang einer der führenden Politiker des unabhängigen Tansania, erklärte schon 1996, "dass die Echtheit des Schädels nicht mehr zur Diskussion stehen sollte".