Über einestages

1959

Bizarre Bühnenoutfits Maskenball des Wahnsinns


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Venus im Bananenröckchen: Die Tänzerin, Sängerin und Schauspielerin Josephine Baker ist quasi die Mutter aller außergewöhnlich gekleideten Bühnenpersönlichkeiten. Sie brachte in den zwanziger Jahren nicht nur den Charleston nach Paris, sondern erregte die Öffentlichkeit mit ihrer freizügigen Berufsbekleidung und dem Selbstbewusstsein, mit dem sie diese vorführte. Der französische Journalist André Levinson schrieb damals in einer Kritik: "Josephine ist kein groteskes schwarzes Tanzgirl mehr, sondern jene schwarze Venus, die den Dichter Baudelaire in seinen Träumen heimsuchte." Mit ihrem Bannanenröckchen, das sie erstmals 1926 trug, schuf sie eine vielzitierte Ikone unter den Bühnen-Outifts.

Nackte Pos, Bananenröckchen, 50-Zentimeter-Plateaus: Wenn Bühnenstars eine echte Show abziehen wollen, führt ihr erster Weg zum Kostümschneider - nicht erst seit Lady Gaga ihren BH zum Flammenwerfer umrüsten ließ. einestages zeigt die spektakulärsten Bühnenklamotten der Pop-Geschichte. Von Felix Bayer und Benjamin Maack


Plötzlich schlug Feuer aus Lady Gagas Büstenhalter. Bei den Much Music Video Awards im kanadischen Toronto am 21. Juni 2009 sprühten am Ende ihres Hits "Pokerface" im Herzschlagrhythmus Funken aus dem Bustier der Pop-Neuheit. Natürlich handelte es sich nicht um einen Unfall, sondern um einen gewitzten Spezialeffekt. Einige Tage später beim Rockfestival im englischen Glastonbury war das heiße Outfit dann nur noch eines unter vielen spektakulären Kostümen der Amerikanerin. Lady Gaga trug bei ihrer Show ein Kleid, dass an eine zersplitterte Discokugel erinnerte, dann ein Outfit, das aus Seifenblasen zu bestehen schien und schließlich einen Aufzug, der den 50.000 Zuschauern freien Blick auf ihr Hinterteil offenbarte.

Doch der funkensprühende Büstenhalter - von Beobachtern wahlweise als Feuerwerk oder Flammenwerfer beschrieben - war das stärkste Symbol: Sex als Waffe, nicht zuletzt im Kampf um Aufmerksamkeit. Natürlich war es auch Lady Gagas Hommage an die Königin der gewagten Bühnen-Outfits: an Madonna und ihren legendären kegelförmigen BH samt Korsettpanzer, den Jean-Paul Gaultier für ihre Blonde Ambition-Tour 1990 entwarf.

Die Geschichte der spektakulären Bühnenkleidung im Pop fängt allerdings viel früher an - genau genommen sogar bevor es Pop überhaupt gab. Man nehme nur Marlene Dietrich, die in Josef von Sternbergs Film "Marokko" von 1930 mit Frack und Zylinder schockierte und dazu noch ein Mädchen küsste - ein Look, den sich Madonna 1993 für eine Live-Version von "Like A Virgin" aneignete, komplett mit deutschem Akzent. Oder Josephine Baker, die in den zwanziger und dreißiger Jahren als Revu-Tänzerin in Paris mit nichts als einem Bananenröckchen bekleidet zur Ikone wurde. Dieses vielleicht berühmteste Kostüm der Bühnengeschichte kopierte in den Siebzigern Motown-Diva Diana Ross in ihrer Liveshow, und auch Grace Jones nannte einmal Josephine Baker als wichtigen Einfluss für ihren Stil. Kaum verwunderlich: Beide Stars spielen mit dem Bild der schwarzen Frau als starke, sexualisierte, exotische Figur.

"Ich war ein dicklicher Brillenträger"

Aber nicht nur Frauen schätzen die Wirkung spektakulärer Bühnengarderobe. Reginald Dwight war Ende der Sechziger ein schüchterner Klavierspieler und Songwriter vom Londoner Stadtrand, als seine Songs von einer Plattenfirma entdeckt wurden. Die bestand allerdings darauf, dass er sie selbst sang und live auftrat. Dwight jedoch war eher klein, ein bisschen pummelig, und seine Haare begannen auszufallen - wie sollte so einer ein Popstar werden?

Also mutierte Reggie Dwight zum Popstar Elton Hercules John, dem Mann mit den kuriosen Brillen, schrillen Anzügen, knallbunten Plateauschuhen und schrägen Kostümen. Und der Sänger steigerte sich noch: Als er 1975 einen Stern auf dem Hollywood Boulevard bekam, trug er eine diamantbesetzte Melone zu einem Anzug mit Goldsternen. 1976 trat er im Madison Square Garden in einer Art Schuljungenuniform mit den Stars and Stripes auf. Und 1980 enterte er die Bühne erst im Donald-Duck- dann im Minnie-Maus-Kostüm.

Dass Elton John seit Mitte der Siebziger kokainsüchtig war, wird seine Urteilskraft bei der Auswahl der Kleidung wohl mitbeeinflusst haben. 1990 outete sich der Star als Drogensüchtiger und machte einen Entzug - seither stylt er sich etwas unauffälliger. Doch zur Feier seines 50. Geburtstags ließ er es sich 1997 nicht nehmen, als Sonnenkönig Hof zu halten. "Ich war nicht Mick Jagger oder David Bowie, keiner von den dünnen, hübschen weißen Jungs, die auf die Bühne kommen und die Zuschauer allein durch ihre Ausstrahlung fesseln", sagte Elton John einmal dem SPIEGEL. "Ich war ein dicklicher Brillenträger, der hinter seinem Piano festgenagelt war. Deshalb musste ich mir was einfallen lassen. Also sprang ich auf meinen Flügel oder legte mich darunter, zog Donald-Duck-Kostüme an und benahm mich wie ein Wahnsinniger."

Maskerade im Namen des Rock'n'Roll

Für einen wie Elton John ist also exzentrische Bühnenkleidung ein Mittel, um den Teil ihrer Persönlichkeit herauszukehren, der für die meiste Aufmerksamkeit sorgt. Für andere geht es um das Verschwinden der Persönlichkeit hinter der Maske. Die Musiker der Hardrock-Kombo Kiss verwandelten sich zu diesem Zweck in comicartige Figuren mit speziellem Make-up für jedes Bandmitglied: Sänger Paul Stanley war "The Starchild", Bassist Gene Simmons "The Demon", Leadgitarrist Ace Frehley war "The Spaceman" und Schlagzeuger Peter Criss "The Cat". "In unseren früheren Bands stachen immer die einzelnen hervor", begründete Gene Simmons die Maskerade in einem Interview 1975, "jetzt sind wir vier Leute, die zu einer geschlossenen und unglaublich engen Einheit zusammengefunden haben."

Die Auftritte von Kiss in den Siebzigern waren spektakulär: Simmons spuckte Feuer und Theaterblut, es gab Rauchbomben und Konfetti-Explosionen. Frehley trug groteske Flügelkostüme, manchmal mit einem silberglänzenden Umhang kombiniert. Alle vier Musiker zwängten sich in hautenge Spandexhosen und trugen Plateauschuhe. Als der kommerzielle Erfolg in den Achtzigern nachließ, entschlossen sich Kiss zur Demaskierung. Doch der Publicity-Effekt war schnell verpufft, und als die Band sich 1996 wieder in der ursprünglichen Besetzung zusammenfand, trugen die Musiker wieder Make-up. Denn schließlich hatte Kiss-Sänger Paul Stanley schon 1975 die Motivation vieler verkleideter Künstler auf einen einfachen Nenner gebracht: "Der Sinn und Zweck eines Konzertes ist, dass man bezahlt, um die Band zu sehen. Wenn es nur um die Musik geht, kann man sich die Alben ja auch zuhause anhören."


Debatte

insgesamt 8 Beiträge zur Debatte
Ingo Leschnewsky am 19. Juni 2011, 17:30
Klar, Genesis mit Peter Gabriel müssen auf jeden Fall noch mit hinein, wenn es um seltsame Verkleidungen und spektakuläre Auftritte geht.

Auch wird erwähnt, dass...

Jochen Eller am 4. August 2009, 23:00
So schön das Foto von Josephine Baker ist: Das Bananenröckchen, das im Begleittext beschrieben wird, trägt sie nicht. Dieses besteht nämlich - erraten - aus...


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