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1980

Filmklischees Wer hustet, stirbt


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Einer nach dem Anderen: Kämpft der Held gegen eine Übermacht an Gegnern, greifen sie ihn nie gleichzeitig an, sondern immer nacheinander - der nächste rückt erst nach, wenn sein Kollege außer Gefecht ist. Daher durften sich die Ninja-Kämpfer 1991 in "American Fighter IV - Die Vernichtung" immer noch ein wenig ausruhen, bevor sie gegen David Bradley antreten mussten.

Warum brennt im Film bei Flugzeugen immer das linke Triebwerk? Weshalb benutzen Hollywood-Polizisten immer Taschenlampen, aber nie den Lichtschalter? Und wieso rennen Schurken immer treppauf? einestages hat die größten Klischees der Kinogeschichte gesammelt- und erklärt ihre Hintergründe. Von Sven Stillich


Das Kino ist ein Ort der bestellten Lügen. Nirgendwo anders finden sich so viele Menschen aus nur einem Grund zusammen - um betrogen zu werden. Werden sie es nicht, dann sind sie enttäuscht oder zumindest verwirrt. Sollten zum Beispiel Raumschiffe in einem Science-Fiction-Film nicht in einem krachenden Feuerball explodieren, fehlt ihnen etwas - obwohl das im Vakuum des Weltalls eher nicht vorkommen wird. Lichtschwerter müssen immer "Bzzzz" machen, jedem Schalldämpfer in einem Hollywood-Film entfährt dasselbe, unrealistische "Plopp". Faustschläge müssen spätestens seit Bud Spencer immer so klingen, als sei gerade jemand mit einem Knäckebrot im Mund ungebremst gegen eine Wand gelaufen. Und an allen Bomben muss natürlich eine Digitalanzeige angebracht sein, die millisekundengenau angibt, wie viel Zeit der Held hat, sie zu entschärfen - auch wenn die Sekunden im Film dann zehn Minuten dauern.

Das alles ist gelernt, es wurde dem Publikum antrainiert. Mehr als hundert Jahre Filmgeschichte haben Hunderte von Klischees hervorgebracht, gegen die kein Filmemacher andrehen kann - und wenn er es versucht, weiß das Publikum, dass das als Zeichen zu verstehen ist und als Spiel mit seiner Erwartungshaltung.

Es genügen bereits Kleinigkeiten: Wer im Film hustet, wird bald darauf sterben. Bei Katastrophenfilmen wird immer das linke Triebwerk eines Flugzeugs zuerst brennen, und kommt einmal ein Tier ins Bild, wird es immer einen typischen Laut ausstoßen: Mäuse und Ratten fiepen, Katzen miauen, und nie wird der Geier über dem Westernpanorama stumm bleiben. Nie wird ein Radiowecker den Helden in der Mitte eines beliebigen Songs wecken - sondern immer, wenn der Moderator gerade "Guten Morgen, das wird ein wundervoller Tag in L.A.!" ruft. Sollte dem Filmhelden, der auf einer Insel gestrandet ist, mit der Zeit ein Bart wachsen, rückt das den Film bereits in die Nähe der Dokumentation - denn nie wachsen echten Helden Bärte, und Helden aus dem Mittelalter haben auch nie schlechte Zähne (im Gegensatz zu allen Gaunern).

Tod kurz vor der Rente

Das alles muss so sein in einem Blockbuster. Weil es das Millionenpublikum erwartet. Deswegen müssen Teenager sterben, die sich in einem Horrorfilm alleine auf den Dachboden wagen - genau so wie jeder Filmpolizist dem Tode geweiht ist, der nur noch eine Woche bis zur Rente hat. Überlebt einer der beiden, wäre das eine inszenierte Überraschung, eine absichtliche Abkehr vom Klischee - und die würde inzwischen natürlich wiederum als solche erkannt.


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In einem reinen Actionfilm ist so etwas undenkbar, denn Actionfilme sind ernst. Sie sind Klischeecollagen: Hat James Bond einen nackten Oberkörper, wird er nie von einer Kugel getroffen werden (und auf Toilette muss er auch niemals), und keine seiner Filmpartnerinnen wird je mit verwuselten Haaren aufwachen. Stars müssen zu jedem Zeitpunkt Stars bleiben, dem Zuschauer entrückt und nahezu unverwundbar. Und auch ihre Gegner müssen immer wieder dieselben Fehler machen. Das Filmklischee zwingt sie regelmäßig dazu, dem Helden in einem Moment falscher Siegesgewissheit ihren Plan zur Weltherrschaft zu verraten - und dessen Schwachstelle noch dazu. Auch die Autos der Bösen müssen immer wieder dem Klischee zum Opfer fallen: Während der Wagen des Helden sich fünfmal überschlagen kann und immer noch nicht reif für den Schrottplatz wäre, ist der Wagen des Schurken der Explosion schon nahe, wenn er seinen Parkschein auf das Armaturenbrett legt. Und die goldenste aller Regeln: Sind die Gegner in der Übermacht und der Held ganz auf sich allein gestellt, dann dürfen sie ihn nur einer nach dem anderen angreifen: jeder nur einen Schlag bitte, und das Knäckebrot im Mund nicht vergessen.

Das alles ist gut so - für die Figuren in den Filmen und für die Zuschauer. Denn erst Klischees, die so stark sind, dass das Publikum sie für selbstverständlich erachtet, lassen die Helden groß, größer, übermächtig erscheinen. Denn Klischees machen den Helden so viele Dinge kinderleicht: Sie laden den Heldenrevolver mit hundert Patronen auf, die ohne nachzuladen verballert werden dürfen. Sie sorgen dafür, dass die Kleidung jedes Wachmanns, den der Held gerade niedergeschlagen hat, ihm wie angegossen passt und er in stimmiger Verkleidung unerkannt das Geheimlabor des Obergauners infiltrieren kann. Klischees sind des Helden Freund und Helfer - denn nur dank ihrer Hilfe kann man erst aus einem Hubschrauber ins Meer springen, auf einer Insel durch den Dschungel robben, nur mit einer Haarklammer bewaffnet gegen Elitesoldaten kämpfen - und dann immer noch so aussehen, als sei man auf dem Weg zur eigenen Hochzeit.

Etwas zum Entschlüsseln für's Publikum

Eine Wohltat sind die Schablonen, nach denen Hollywood-Streifen funktionieren, nicht nur für das Publikum, sondern auch für Regisseure und Drehbuchschreiber. Die Zuschauer wissen, was sie erwartet und auf was sie sich einlassen - und die Filmemacher nutzen die Erwartungen als Werkzeuge, um im Publikum punktgenau bestimmte Gefühle auszulösen: Spannung, Mitleid, Heiterkeit, Trauer, Herzrasen, Angst.

Und längst funktionieren Klischees nicht mehr nur allein über den Inhalt. Die Zuschauer haben in all den Jahren Filmgeschichte sogar Kameraeinstellungen zu deuten gelernt. Niemand muss einem Kinogänger sagen, dass gleich irgendetwas Unerwartetes passieren wird, wenn die Kamera dem Helden nah von hinten folgt. Solche Sequenzen geben dem Publikum etwas zum Entschlüsseln und gleichzeitig - Grusel hin, Gefahr her - die Sicherheit, dass dem Helden nichts passieren kann und ihnen selbst auch nicht.

Vielleicht ist dieser Aspekt der Geborgenheit wichtiger, als man bei der Aufgeklärtheit des modernen Publikums denken könnte. Denn eines wird sich genau so wenig ändern wie die Tatsache, dass jeder Oberschurke noch einmal aufstehen wird, wenn der Held ihn für besiegt hält: Ein Kino wird immer ein dunkler Raum bleiben, angefüllt mit einander völlig fremden Menschen. Und sagt das Klischee nicht, dass an solchen Orten das Unheil lauert?




Debatte

insgesamt 238 Beiträge zur Debatte
Michael Schnickers am 24. August 2011, 18:06
Zitat: "Wer Volvo fährt, ist ein Guter und stirbt nicht "
Stimmt nicht. In einer Folge von "Desperate Housewives" sind Susan und Mike von ihren Zankereien...

Dirk Haar am 24. August 2011, 18:02
>Nehmt euch beispielsweise mal Roman Polankis/Robert Townes "Chinatown" vor. Wetten, dass es daran nichts zu bemängeln gibt? Kein Klischee, so weit das Auge...


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