Über einestages

1987

Schwarzer Montag

Als die Börse zurückschlug


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dpa
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"Schwarzer Montag": Das Foto vom 19. Oktober 1987 zeigt einen verzweifelten Broker an der New Yorker Börse. An diesem Tag, der als "Schwarzer Montag" in die Geschichte einging, fiel der Dow-Jones-Index um rund 23 Prozent. Ausgelöst wurde der Börsenkrach durch ungehemmte Spekulationen, ein extrem hohes Kursniveau, Zins- und Wechselkurs-Auseinandersetzungen und die Anwendung neuer Handelsmethoden. Auf den dramatischen Kurssturz folgte jedoch eine rasche Erholung.

Am 19. Oktober 1987 stürzten die US-Märkte ins Nichts. Der größte Kursrutsch innerhalb eines Tages beendete die Exzesse und die Naivität der achtziger Jahre. Eine Prophezeiung wurde wahr. Gibt es heute ähnliche Menetekel? Von Marc Pitzke, New York


New York - Paul Tudor Jones II. hat eine Vorahnung. "Zweifellos wird es eine Talfahrt geben", sagt der fesche Fondsmanager und Jungmillionär. "Und sie wird welterschütternd sein, säbelrasselnd." Ein halsbrecherischer "Sturz vom Acapulco-Kliff", der sich in den "nächsten 10, 20 Monaten" ereignen werde.

Es ist November 1986. Die US-Börse schwelgt im Höhenrausch. Der Bullenmarkt macht seinem Namen alle Ehre, "Fusionsmanie" ist das Wort der Stunde. Jones, gerade mal 32 Jahre alt, ist einer der wenigen Spielverderber. Seine Unkenrufe, verewigt ein Jahr später in einer TV-Dokumentation, ernten nur Spott.

Kurz darauf, am 19. Oktober 1987, wird Tudors Prophezeiung wahr. "Black Monday": Die US-Märkte stürzen ins Nichts, der Rest der Welt folgt. Es ist einer der größten, folgenschwersten Börsencrashs aller Zeiten. Im Dow-Jones-Index werden über 500 Milliarden Dollar ausradiert.

20 Jahre später schaut die Wall Street mit nostalgischem Schaudern zurück. Es war, als habe die Börse zurückgeschlagen: Der schwarze Montag beendete die Exzesse der Achtziger, als furcht- und skrupellose Männer wie Tudor - die "Masters of the Universe" - irrsinnige Vermögen machten. "Gier ist gut" war ihr Motto - das Leitmotiv einer Ära, der Tom Wolfes Schlüsselroman "Fegefeuer der Eitelkeiten" und der Kinothriller "Wall Street" noch im selben Jahr ein Denkmal setzten.

Unbeachtete Warnzeichen

Was die Frage nahelegt: Kann sich so etwas wiederholen? Ist der momentane Börsenboom, samt seiner kürzlichen Schreckminuten, heute ein ähnliches Fegefeuer der Eitelkeiten, in dem die Dotcom-Fantasten, Hedgefonds-Haie und Private-Equity-Kings verbrennen werden?

Im Nachhinein sieht jeder die Menetekel, vor allem die von 1987. Die Jahre vor dem Crash waren Jubeljahre für die Börsianer. Seit 1982 trampelten die Bullen durch die Wall Street. Konzerne vernichteten sich gegenseitig per feindlicher Übernahme, meist auf Pump via Junk-Bonds (Ramsch-Anleihen) und ermutigt durch Washingtons Steuerpolitik. Investoren stürzten sich euphorisch auf jeden neuen Börsengang, in der Hoffnung auf eine Wiederholung der ersten IPO-Sensation aus dem Silicon Valley - Apple, dessen Börsengang 1980 über Nacht Hunderte zu Millionären gemacht hatte.

Nur wenige sorgten sich darum, dass die Gewinne mit den Preisen nicht mithielten, dass sich die Schere zwischen Kurs und Bilanz immer bedrohlicher vergrößerte. Angefacht wurde der Aktien-Hype von neuen, doch noch primitiven elektronischen Handelssystemen an den Börsen, die es erlaubten, viel schneller und viel mehr auf einmal zu handeln als bisher.

In der Woche vor dem Crash mehrten sich die unbeachteten Warnzeichen. Washington schickte sich an, Steuervorteile für Firmenfusionen abzuschaffen - prompt verloren Übernahmekandidaten an Börsen-Attraktivität, ihre Kurse gingen nach unten. Auch entpuppte sich das Handelsdefizit für August als unerwartet hoch - der Dollar sank, mit ihm weitere Kurse. Investoren flohen in Futures. Alle Indizes schlossen die Woche dunkelrot ab.

Kurse per Hand berechnet

"Es gab ein enormes Gefühl der Vorahnung", erinnert sich Joe Nocera, Wirtschaftskolumnist der "New York Times" und damals ein junger Reporter. Nocera erlebte den "Black Monday" im Bostoner Büro des Investmentkonzerns Fidelity. "Das ganze Wochenende über hatte die Fidelity-Telefonzentrale die Anrufe panischer Investoren entgegengenommen."

Jan Hopkins, ihrerzeit Wirtschaftsreporterin für CNN, kam am Montag extra früh zur Arbeit, "für den Fall, dass es noch schlimmer würde". Da Journalisten auf dem Börsenparkett nicht erlaubt waren, baute sich Hopkins auf dem Balkon auf. Mangels Computer musste sie die Kurse per Hand berechnen. Eine ihrer stärksten Erinnerungen, so schrieb sie diese Woche in einem Essay fürs Wirtschaftsmagazin "Barron's": "Die Papiertüten mit den unverzehrten Lunch-Rationen der Händler."

Denn zum Essen blieb bald keine Zeit mehr. Der Markt trudelte von der ersten Minute an, ohne Aufhalten, wie ein Flugzeug im Sturzflug.

Schon bei Börsenbeginn gab es so viele "Sell"-Order, dass das System schnell überlastet war. Es kam zum Stau. Ein Drittel der Kurse öffnete verspätet. Notenbankchef Alan Greenspan, gerade mal einen Monat im Amt, dachte laut über "eine vorübergehende, sehr vorübergehende Handelsunterbrechung" nach. Das fachte die Panik nur noch weiter an.

"Wie ein Fellini-Film"

"Wir hatten unsere Leute immer trainiert, Krisen zu bewältigen", erinnert sich der damalige NYSE-Chef John Phelan, der eine überwältigte Aktie nach der anderen aus dem Verkehr ziehen musste. "Aber das hatte ich nicht vorhergesehen." Auch Leo Melamed, der die Chicago Mercantile Exchange leitete, gibt zu: "Ich war verrückt vor Angst." Jeder Mensch, sagt Melamed in einem Special des Wirtschaftssenders CNBC, habe eine private Schreckensvision, ob Schlangen oder Ratten. "Für mich, das war diese Schreckensvision."

"Wie ein Fellini-Film", schrieb der berühmte Investmentberater John Spooner später. "Nur, dass ich mit in dem Film war." Selbst Notenbank-Orakel Greenspan wurde kalt erwischt. "Der Crash war weit größer, als wir das auch nur im entferntesten erwartet hatten", sagt er. "Uns wurde der Boden unter den Füßen weggezogen." An jenem Tag habe ihn James Baker angerufen, der Stabschef im Weißen Haus. Bakers erstes Wort: "Help!"

Am Ende des Tages verzeichnete die New York Stock Exchange (NYSE) den größten Kurssturz ihrer Geschichte. Der Dow Jones verlor mit 508,32 Punkten fast 23 Prozent - heute wären das über 3000 Punkte. Auch die anderen Indizes brachen ein. Zum Vergleich: Der historische Crash von 1929, der die Depression auslöste, betrug "nur" 100 Punkte (13,5 Prozent).

Die Panik beschränkte sich nicht auf New York. Weltweit gerieten die Börsen in den Sog. In Boston versammelten sich so viele Investoren vor dem Fidelity-Gebäude, dass der Verkehr zusammenbrach. "Keiner sprach miteinander", berichtet Nocera. "Wir guckten einfach nur aus dem Fenster. Ich fühlte mich wie gelähmt."

Luftleere Sphären

Der folgende Tag - "Terrible Tuesday" - war noch furchterregender, nachdem auch die anderen Weltbörsen abgeschmiert waren. Anfangs setzte sich die Talfahrt in New York fort. Nach schwindelerregenden Kapriolen schloss der Dow Jones schließlich aber im Plus ab. Ein erschöpftes Aufatmen ging nicht nur durch die Wall Street. Die internationale Finanzkatastrophe schien abgewendet.

Doch die Zeit der Naivität war vorbei. Wochenlang herrschte Pessimismus. Viele prognostizierten für 1988 eine Rezession.

Doch schon im Frühjahr 1989, also rund 18 Monate später, war der Dow wieder auf neuen Höhen. Der Black Monday hatte ihm den größten Tagesverlust der Neuzeit beschert. Aus der Langfristperspektive war er aber nur ein sehr kurzfristiger Rücksetzer im Aufwärtstrend des Dow Jones.

Die Hauptlehre aus dem Crash von 1987: Kurse steigen so lange, bis sie in luftleere Sphären stoßen und sich dann automatisch nach unten korrigieren - mitunter brutal. Investoren, die das durchhalten, überleben.

Die NYSE und andere Börsen führten im Jahr nach der Katastrophe "Circuit Breakers" ein - automatische Handelsstopps, wenn ein Kurs zu schnell abstürzt (oder ansteigt). Schon oft haben diese Notbremsen seither verhindert, dass zu ähnlichen Computer-Panikverkäufen kam wie 1987. Mittlerweile kann die NYSE 38.000 Transaktionen pro Sekunde verkraften, bis zum Jahresende soll die Kapazität auf 64.000 erhöht werden. Verbessert wurden auch die Kommunikationsstränge zwischen den einzelnen Märkten und der Börsenaufsicht SEC.

Vom reuigen Milliardär zum Wohltäter

Eine Wiederholung von 1987 schließen die meisten Experten heute aus. "Ich glaube nicht, dass der Markt noch einmal in einem Tag um 22,6 Prozent fallen kann", sagt Byron Wien, der Chefstratege der Investmentfirma Pequot. "Es gibt heute zu viel Liquidität und zu viele Käufer für eine solche Kettenreaktion."

Paul Tudor Jones II., der Mann mit der Vorahnung, hat seinen damaligen Instinkt gut vermarkten können. Seine Fonds managen heute fast 18 Milliarden Dollar; "Forbes" schätzt sein Privatvermögen auf 3,3 Milliarden Dollar. Bei allem hat Tudor reuig den guten Menschen in sich selbst entdeckt: Er ist der Gründer der Robin Hood Foundation, die Armut und Elend in New York City bekämpft.

Das Originalvideo der damaligen TV-Dokumentation "Trader" - die ihn als arroganten Wall-Street-Tausendsassa zeigt - hat er längst aus dem Verkehr ziehen lassen.



Debatte

insgesamt 1 Beiträge zur Debatte
anna nass am 18. Oktober 2007, 17:39
Der Schwarze Montag fiel in die Zeit meines ersten Amerikaaufenthaltes. Meiner Ansicht nach werden diese Ereignisse ueberbewertet und immer wieder als "Beweis" fuer...


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