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1938

Spurensuche Das Rätsel der verschwundenen Hitlerjungen


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Der "deutsche koloniale Gedanke": Diese Innenseite aus dem Schulungsbrief des Reichskolonialbundes von 1939 zeigt eine Schule sowie drei Fahnenträger (oben links). Eventuell handelt es sich bei den markierten Jungen (rechts und Mitte) um Horst Seidel und Otto Reinicke, allerdings ist das Foto mit "West Afrika" untertitelt.

Ihr Schicksal beschäftigt die Familien bis heute: Während eines Winterurlaubs 1938 verschwanden zwei 17-jährige Bitterfelder in Österreich spurlos. Ein Zettel, der bei ihren Sachen gefunden wurde, nährte bei den Eltern einen bösen Verdacht: Waren die Jungen für eine geheime Nazi-Mission rekrutiert worden? Von Eckehard Seidel


Als Horst Seidel am 23. Dezember 1938 sein Elternhaus in Bitterfeld verließ, dachte sich niemand etwas dabei. Warum auch? Der 17-Jährige wollte mit seinem Freund Otto Reinicke, wie er ein Schlosserlehrling im Delitzscher Ausbesserungswerk der Reichsbahn, zum Wintersport nach Österreich fahren. Die Eltern wünschten ihm viel Spaß. Noch im Herausgehen hielt Horst den Haustürschlüssel hoch: "Den brauche ich, wenn ich zurückkomme, um euch nicht aufzuwecken", sagte er. Wenige Tage später kam eine Ansichtskarte aus Villach. Er sei gut angekommen, schrieb Horst.

Am Tag der geplanten Rückkehr aber warteten seine Eltern, meine Großeltern, vergebens. Weder Onkel Horst noch sein Freund Otto kamen nach Hause. Großvater Willi Seidel benachrichtigte sofort die Polizei. Doch alle Nachforschungen der Kripo in Bitterfeld und Villach blieben ergebnislos. Ebenso der Einsatz der Bergwacht. Selbst die Geheime Staatspolizei konnte nichts in Erfahrung bringen. Die beiden Jungen waren spurlos verschwunden. Es gab kein Lebenszeichen, keine Nachricht, keine Zeugen. Meine Großeltern waren verzweifelt. Hatten die Jungen einen Unfall gehabt? Waren sie Opfer eines Verbrechens geworden?

Als mein Großvater am 29. Januar 1939 in den "Leipziger Neuesten Nachrichten" das Dementi einer ausländischen Pressemeldung las, kam ihm indes noch ein ganz anderer Verdacht. Das Blatt schrieb, die britische Zeitung "Evening Standard" verbreite das absurde Gerücht, dass zwei in Villach und Klagenfurt stationierte deutsche Wüstendivisionen spurlos verschwunden seien. Der Autor Vernon Bartlett brüste sich sogar mit dem Wissen, dass sie zu einem neuen deutschen Kolonialkorps für Afrika gehörten. Ein solches existiere aber gar nicht, schrieb die "Leipziger". Und wenn doch? War es möglich, dass die ausländische Meldung stimmte und die beiden Jungen zu einer Wüstendivision gestoßen waren? Waren sie vielleicht sogar für den Einsatz in Afrika rekrutiert worden - ohne Einwilligung der Eltern?

Rekrutiert für eine Geheimaktion?

Das Interesse des Nazi-Regimes an Afrika war eher zweitrangig. Dennoch hatte es Pläne für die Gründung eines mittelafrikanischen Kolonialreichs gegeben, die der Reichskolonialbund eifrig propagierte. Meinen Großvater veranlasste das, selbst Informationen zu sammeln, die in dieses Bild passten. Denn sowohl Horst als auch Otto hatten sich vor ihrem Verschwinden intensiv mit dem Kolonialthema beschäftigt. Sie hatten an Schulungen des Reichskolonialbundes teilgenommen, Suaheli gelernt und viele Vorträge zum Thema Afrika besucht. Immer wieder hatten sie davon gesprochen, so bald wie möglich den schwarzen Kontinent bereisen zu wollen. Über eine befreundete Familie fand mein Großvater heraus, dass Horst in Halle auf Tropentauglichkeit untersucht und mit einer Tropenausrüstung ausgestattet worden war.

Weil alle Spuren nach Halle deuteten, trug mein Großvater den Fall schließlich der SA-Brigade 38 in Halle an der Saale vor, die in der Region für die vormilitärische Ausbildung und die Wehrertüchtigung der Jugend verantwortlich war. Man empfahl ihm, Ruhe zu bewahren. Zu Befürchtungen gebe es keinen Anlass. In fünf bis sechs Wochen werde sich der Fall klären. Mein Großvater hatte das Gefühl, dass Horst dort durchaus bekannt war. Er schlussfolgerte daraus, dass die SA-Brigade 38 Horst und Otto in Marsch gesetzt hatte. Als die SA ihn bat, im Interesse des Vaterlandes und des Führers über die ganze Sache zu schweigen, horchte er erneut auf. Waren Horst und Otto etwa in geheimer Mission unterwegs? Wussten die staatlichen Stellen, wo sie waren, durften es nur nicht sagen?

Sechs Wochen später hatte sich noch immer nichts getan. Weder Horst noch Otto hatten sich zu Hause gemeldet. Und auch die Behörden hatten nichts Neues in Erfahrung gebracht. "Ich habe den Eindruck genommen, dass niemand in dieser Sache etwas unternehmen will", schrieb mein Großvater im Februar 1939 an Ottos Vater. Er erklärte die Zurückhaltung der Behörden damit, dass es sich um eine "geheim zu haltende Angelegenheit" handele. Doch selbst wenn dies so war, dann müsste doch wenigstens "ein Weg gefunden werden, uns über das Schicksal unserer Jungen eine beruhigende Erklärung zu geben", klagte er.

Vergebliche Suche

Wenig später bekamen beide Familien die Tornister von Otto und Horst zugestellt, die in der Gepäckaufbewahrung in Villach gefunden worden waren. Darin waren nur die Uniformen der Hitler-Jugend, die sie bei ihrer Abreise getragen hatten. In Horsts Papieren fand mein Großvater einen Zettel, auf dem mit Schreibmaschine eine Reiseroute vermerkt war: Villach, Klagenfurt, Triest, Genua. Er schlussfolgerte daraus, dass Horst und Otto möglicherweise über Italien nach Afrika gereist waren. Seine Überlegung: Da die Italiener einen regen Austausch mit Abessinien pflegten, ließ sich so die Einreise mehrerer deutscher Männer nach Afrika gut verschleiern.

Mittlerweile glaubte auch Ottos Vater an die Theorie meines Großvaters. Etwa im April 1939 hörte er eine Radiomeldung aus England in deutscher Sprache. Demnach hatten vier KdF-Schiffe voll junger Männer den Suezkanal passiert, drei weitere hatten es kurze Zeit später versucht, wurden aber von englischen Kanonenbooten zum Abdrehen gezwungen und landeten anschließend auf italienischem Kolonialgebiet. Die Väter hielten es für sehr wahrscheinlich, dass ihre Jungs darunter waren. Doch wieder fehlte ein konkreter Hinweis. Ihnen blieb nichts als die Hoffnung.

Über Jahre bemühten sich die Eltern von Horst und Otto, Auskunft über den Verbleib ihrer Söhne zu erhalten: Sie kontaktierten nicht nur die Polizei sondern in den folgenden drei Jahren auch die Parteileitung der NSDAP, den Kolonialbund und später das Deutsche Rote Kreuz, die Botschaft in Rom, die Reichskanzlei und sogar das Oberkommando der Wehrmacht - in der Hoffnung, dass die beiden mittlerweile in General Rommels Afrikakorps aufgetaucht waren. Die Antwort war immer dieselbe: "Über den Verbleib konnte nichts in Erfahrung gebracht werden."

Der Suchdienst des Roten Kreuzes stellte schließlich ausführliche Recherchen an und kam 1941 zu dem Ergebnis: "Die Aufnahme in einem deutschen Expeditionskorps ist schon deshalb nicht anzunehmen, weil ein solches in der Gegend von Klagenfurt und Villach nicht existiert hat. Es scheint sich somit um ein Unternehmen auf eigene Faust gehandelt zu haben." War der Verdacht meines Großvaters also nur eine hübsch konstruierte Geschichte? Hatte die Abenteuerlust die Jungs gepackt und sie zu einer waghalsigen Tour nach Afrika verleitet? Oder sind sie tatsächlich verunglückt? Bis heute beschäftigt die Familien Seidel und Reinicke das Schicksal von Horst und Otto und die Frage: Was ist dran an den Vermutungen meines Großvaters?

Können Sie etwas zur Aufklärung des Schicksals der beiden Jungen beitragen? Können Sie Anhaltspunkte geben, die den Verdacht von Willi Seidel bestätigen oder entkräften? Der Autor freut sich auf sachdienliche Hinweise.


Debatte

insgesamt 38 Beiträge zur Debatte
Carsten Mika am 29. April 2010, 12:28
Hallo Herr Seidel,

vielen Dank für die Daten. Mit der Verspätung kein Problem, ich kann mir denken das gerade viele Daten reinkommen.

Leider konnte ich aber in...

Eckehard Seidel am 29. April 2010, 09:35
>Hallo Herr Seidel,
>
>ich hatte vor geraumer Zeit nach den Geburtsdaten gefragt. Konnten Sie hier schon etwas in Erfahrung bringen? Könnte es sich bei Horst Seidel...


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