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1915

Kolonialgeschichte Das Kanonenboot, das über die Berge kam


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Clemens Höges/Der Spiegel
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Schiff Afrika: Die "Liemba", die einst "Graf Goetzen" hieß, vor einem Dorf an Tansanias Küste.

Kaiser Wilhelms letztes Kanonenboot wurde einst, in 5000 Kisten verpackt, nach Afrika geschafft. Fast hundert Jahre später fährt das heruntergekommene, rostige Schiff immer noch auf dem Tanganjika-See. Das Land Niedersachsen will es jetzt retten. Von Clemens Höges


Eigentlich ist sein Großvater an allem schuld. Denn als Hermann-Josef Averdung noch ein kleiner Junge war, hatte der ihm oft von dem schönsten Schiff erzählt, an dem er je mitbauen durfte, und von dem großen Abenteuer, das damals begann.

Der Junge Hermann-Josef ist inzwischen selbst schon 66 Jahre alt, seine Haare sind weiß, er ist Ratsherr der Stadt Papenburg an der Ems, aber diese Geschichte hat er nie vergessen. Und deshalb steht er nun hier auf einem rostigen Ponton am Tanganjika-See, mitten in Afrika. Die Sonne geht auf, seine Knie werden weich, und in seinen Augen schimmert das Wasser, als dieses große Schiff langsam auf die Pier zuhält. Auf einer Seite des Bugs steht noch der Name: "Liemba".

Ein Krieg und Zusammenstöße mit Tausenden Booten und hölzernen Kanus haben Beulen in seinen Rumpf geschlagen. Die Spanten drücken sich durch das Blech wie bei einem hungrigen Hund die Rippen durchs Fell. Die "Liemba" qualmt, und sie schüttelt sich, so ziemlich alles in ihr ist kaputt. Aber noch immer fährt sie den längsten See der Welt auf und ab, sie fährt Händler und Huren, Diamantenschmuggler, Flüchtlinge, Fischer und Missionare, Soldaten und Gefangene.



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Kolonnen afrikanischer Arbeiter haben sie einst, in Teile zerlegt, auf den Schultern über die Berge an den See getragen. Einmal wurde sie versenkt, einmal ist sie gesunken. Ihre Geschichte handelt von einer der bizarrsten Episoden des Ersten Weltkriegs, sie handelt auch von kolonialem Wahnsinn, den Massakern Afrikas, von Humphrey Bogart, Clint Eastwood und einem britischen Commander, der als Gott verehrt wurde und Röcke trug. Es ist die Geschichte der "Liemba", die einst "Graf Goetzen" hieß - die Geschichte des letzten Kanonenboots von Kaiser Wilhelm II.

"Ich wusste ja, dass das Schiff noch existiert, ich kann es trotzdem nicht fassen", sagt Averdung. Er steht Anfang März am See, weil er die "Liemba" wieder über die Berge zurückbringen will nach Deutschland. Für ein neueres Schiff würde man sie vielleicht hergeben, hatte die staatliche tansanische Betreiberfirma angedeutet.

Am nächsten Tag landet eine Propellermaschine auf der roten Lehmpiste von Kigoma, an Bord der deutsche Botschafter in Tansania und eine große Delegation aus Hannover. Auch Ministerpräsident Christian Wulff will das Schiff retten, aber für Afrika und in Afrika, deshalb hat er seine Leute geschickt, und deshalb hat er sich jüngst an den Außenminister und den Entwicklungshilfeminister in Berlin gewandt.

Denn die "Liemba" stammt zwar aus Niedersachsen, aber sie fuhr für das Deutsche Reich, ihre Geschichte begann in Berlin, am Vorabend des Ersten Weltkriegs: Die Großmächte England und Deutschland rüsteten in diesen Jahren um die Wette. Die deutschen Strategen wussten, dass ihre Kolonien schwer zu halten sein würden; vor allem ging es um das Prunkstück Deutsch-Ostafrika, heute Tansania, Burundi und Ruanda.

Die Deutschen versuchten, viel Profit aus ihrer Kolonie herauszuschlagen. Von der Hafenstadt Daressalam aus trieben sie sogar eine Eisenbahntrasse über mehr als 1200 Kilometer ins Herz Afrikas hinein, die "Mittellandbahn". An der geplanten Endstation Kigoma hatten sie schon mal einen gewaltigen Bahnhof ans Ufer des Tanganjika-Sees gestellt, für 30 Züge pro Tag - die niemals kommen sollten. Auf dem Hügel darüber hatte sich Wilhelm II. einen Palast errichten lassen, aber er sollte es nie bis Kigoma schaffen.
Kigoma, das sind heute 120.000 Einwohner in Hütten an Schotterstraßen, sie haben ein Krankenhaus und einen Stützpunkt der Uno-Flüchtlingshilfe. Aber Kigoma ist die einzige Stadt hier am Westende Tansanias.

Vom Kaiserpalast aus kann man am anderen Ufer des Sees die schwarzen Berge des Kongo sehen, gut 50 Kilometer weit weg. Dort standen um 1913 belgische Einheiten. Und im Süden des Sees warteten die Engländer.

Wer Ostafrika halten wollte, musste den Tanganjika beherrschen, den längsten See der Welt mit seinen 670 Kilometern. Der Tanganjika war der einzige Weg nach Norden oder Süden, er ist es heute noch.

Die deutsche Flotte bestand aber nur aus dem kleinen Zollkutter "Kingani" und dem traurigen 60-PS-Dampfer "Hedwig von Wissmann". Also gab der Kaiser der Werft von Joseph Lambert Meyer in Papenburg an der Ems einen Geheimauftrag, wie es noch keinen gegeben hatte. Der neue Dampfer mit der Baunummer 300 sollte nicht nur das bis dahin größte Schiff der Werft werden, fast 70 Meter lang und 10 Meter breit. Vor allem sollte die Nummer 300 vor ihrem Einsatz von Menschen zu Fuß über Berge getragen werden, irgendwo in Übersee.

Meyer setzte seinen besten Mann an die Aufgabe, Anton Rüter, einen rauen Dickschädel mit Schnauzbart. Seine Monteure fingen an, das Schiff zusammenzuschrauben - aus Hunderttausenden kleinen Teilen. Das war der Trick: Nummer 300 wurde ein 1200 Tonnen schweres Puzzle aus Stahl, kein Teil zu groß für die Schultern von Männern.

Im November 1913 kamen kaiserliche Gesandte, um das Schiff abzunehmen. Nummer 300 sollte "Graf Goetzen" heißen, nach einem Ex-Gouverneur von Deutsch-Ostafrika.
Nun konnte Rüter das Schiff wieder zerlegen. Dann würde jemand die "Goetzen" an den Tanganjika-See bringen müssen. Rüter war der Vertraute des Chefs, aber noch immer wohnte er zur Miete. Er selbst würde es machen müssen, er würde lange bleiben in Afrika. Drei Töchter hatte er schon. Und jetzt war seine Helene wieder schwanger. Er würde sein jüngstes Kind erst mal nicht sehen. Denn das hier war seine Chance, sich ein eigenes Haus zu verdienen. Rüter ahnte nicht, wie lange er wegbleiben würde. Und dass die Welt danach eine andere sein würde.

In Hamburg wurden die Teile der "Goetzen" auf Schiffe verladen. Rüter nahm einen Gesellen mit und einen Nieter. In Daressalam wurden ihre 5000 Kisten auf Waggons der Mittellandbahn verstaut.

Doch die Trasse reichte noch lange nicht bis Kigoma. Für das letzte Stück hatte die deutsche Obrigkeit Hunderte Schwarze rekrutiert. Drei Monate lang schleppten sie nun die Teile der "Goetzen" durch den Dschungel. Die Afrikaner trugen auch Rüter und seine beiden Arbeiter an den See.

Rüter schrieb bald an Meyer: "Ich beschäftige 20 fleißige Inder und 150 Schwarze. Wenn das Nieten beginnt, sind weitere 100 Schwarze erforderlich." Aber als dann die Niethämmer dröhnten über der Bucht, brach in Europa der Krieg aus.

Heute ist die "Liemba" eine Zeitmaschine, die in die Vergangenheit Afrikas fährt. In die Dörfer an der Küste führen keine Straßen, keine Schienen. Es gibt nur die "Liemba", sie kommt ungefähr alle zwei Wochen vorbei auf ihrer Tour von Kigoma nach Sambia und zurück.

Kapitän Titus Mnyanyi sitzt auf seinem zerschlissenen Stuhl nach vorn gebeugt, ein tiefschwarzer, massiger Mann mit einem runden Gesicht. Er starrt in die Nacht und fährt Slalom mit 1200 Tonnen Stahl unter den Füßen. Hunderte Kanus treiben auf dem Wasser. Die Menschen fischen nachts, und dann tauchen sie plötzlich auf im Licht des Suchscheinwerfers, mit Angst in den Gesichtern, sie schreien, bis ihre Kähne in der Hecksee der "Liemba" auf und ab tanzen. "Sie ist wendig, sie kann alles, es gibt kein besseres Schiff", sagt der Kapitän.

Irgendwo in der Dunkelheit stoppt er die Maschinen, nichts ist zu sehen. Plötzlich stürmen Einbäume und Daus auf die "Liemba" ein. Sie krachen gegen den Rumpf, Holz splittert, Metall quietscht. Die Menschen kämpfen um einen Platz an der Bordwand, sie klettern hoch, rutschen ab, manch einer ist dabei schon umgekommen.

Aber die "Liemba" bedeutet für die Menschen Leben. Sie wuchten 70 Kilogramm schwere geflochtene Körbe voller Fische an Deck, für den Markt in Kigoma. Bald stinkt es, und es brummt, und es wimmelt von schreienden Männern. Hühner flattern herum, Ziegen bocken, Öl läuft übers Deck. Dazwischen liegen Mütter auf dem Blech und stillen ihre Kinder; viele Babys muss Kapitän Titus auf die Welt holen, sie heißen "Liemba"-Babys, geboren auf dem langen Weg ins Krankenhaus von Kigoma.

Männer glitschen aus, Kakerlaken rennen über das Deck, das Schiff ist ein grandioser Horror. Seine Menschen haben es verkommen und verfallen lassen, es schleppt sich dahin, die Maschinen rumpeln, die Getriebe rasseln, und doch fährt die "Liemba" immer weiter, über Wasser gehalten von den Gaben reicher Länder. Weil ihre bis zu 600 Passagiere nur mit wenigen Schilling bezahlen können. Und weil die Regierung die schmalen Gewinne auch noch per Dieselsteuer abschöpft. Deshalb fehlt das Geld, sie instand zu halten.

Die Menschen ertragen alles, darin sind sie groß, sie kennen es nicht anders, seit Jahrhunderten. Das Schiff mit seinen eigenen Riten und seinem Rhythmus ähnelt ihnen in dieser Beziehung, das Schiff ist wie der Kontinent, wie Afrika.


Debatte

insgesamt 10 Beiträge zur Debatte
Oswald Ruckriegel am 9. Februar 2013, 10:44
Was das Thema Kanonenboot anbelangt, so hat man hier
offenbar den chinesischen Opiumkrieg vergessen. Ich glaube , diese geschoichte wäre noch viel spannender.
Aber ist...

Boris Zorn am 4. Februar 2013, 18:36
Lieber Autor, liebe Redaktion,

seit ich den Artikel über die Liemba vor ca. 2 Jahren gelesen hatte, bin ich von diesem See und dem Schiff und den Geschichten darum absolut...


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