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1941-1943

Ostfront Attacke um jeden Preis


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Inferno: Nach einem Luftangriff 1942 in Makarowa bei Rschew brennen Wohnhäuser. Der Großteil der Gebäude im Umfeld von Rschew waren nach den mehreren Schlachten, die um die Region tobten, zerstört.

Blutiger als Stalingrad: Bei Rschew lieferten sich Wehrmacht und Rote Armee monatelang erbitterte Stellungskämpfe. Stalin drängte zur rücksichtslosen Offensive, um die Deutschen einzukesseln. Hitler musste erstmals einen Rückzug befehligen - dann wurde Rschew auch für einen russischen Kriegshelden zum Fiasko. Von Christian Neef




Die Debatte über diese Zahlen hatte immer einen politischen Hintergrund. Stalin gab die Verluste im Februar 1946, fast ein Jahr nach Kriegsende, mit sieben Millionen Menschen an - eine offensichtlich viel zu niedrige Ziffer. Sie war diktiert von der Angst, eine höhere Zahl werde vom Westen als Schwäche interpretiert.

Parteichef Nikita Chruschtschow sprach im Zuge einer Abrechnung mit Stalin in den sechziger Jahren von "über 20 Millionen" Toten.

Mit dem Machtantritt Michail Gorbatschows und dem nun freieren Zugang zu den Archiven stiegen die Zahlen weiter an. Das bisher wohl detaillierteste Werk - ein "Buch der Verluste" - kam voriges Jahr in Moskau auf den Markt, geschrieben von einer Gruppe im Generalstab der russischen Streitkräfte.

Nunmehr werden die Gesamtverluste auf 26,6 Millionen Menschen beziffert, von denen knapp 8,7 Millionen Soldaten und fast 18 Millionen auf unterschiedlichste Weise getötete Zivilisten sind.

Es steht vieles in diesem Buch, was den Verlauf des Großen Vaterländischen Krieges verständlicher macht: Dass 55 Prozent der Kommandeure zu Kriegsbeginn noch nicht mal ein halbes Jahr auf Posten gewesen waren - was die Niederlagen der ersten Monate wenigstens teilweise erklärt. Dass über die vier Kriegsjahre hinweg insgesamt 34,5 Millionen zur Verteidigung des Landes herangezogen wurden - was bedeutet, dass mehr als die Hälfte aller beschäftigten Arbeiter, Angestellten und Bauern für die Streitkräfte abgestellt waren. Es war diese gewaltige Zahl von Menschen, die den Ausgang des Krieges entschied.

Dass fast eine halbe Million Menschen in Strafbataillonen diente, dass es 600.000 Deserteure gab und 135.000 Armeeangehörige hinter der Front erschossen wurden.

Aber auch das neue "Buch der Verluste" sagt nicht die ganze Wahrheit. Zum Beispiel nicht die über die Deserteure, deren Zahl in Wirklichkeit doppel so hoch war, und auch nicht die Wahrheit über Rschew.

Für die Schlacht an dieser Stelle der Wolga geben die Generalstäbler 272.320 getötete und eine halbe Million verwundete Soldaten an. Das hat nach Aussagen von Militärhistorikern nichts mit der Wahrheit gemein.

Rschew war Teil der großen Schlacht um die sowjetische Hauptstadt. Dass Stalins Soldaten es trotz des katastrophalen Kriegsbeginns im Winter 1941/42 schafften, Hitlers überlegene Streitkräfte vor der Moskauer Stadtgrenze zum Stehen zu bringen, ja sie sogar wieder zurückzuwerfen, war eine unglaubliche Leistung. Aber der Erfolg stieg Stalin zu Kopf.

Er gab die Devise aus, den Deutschen nun "keine Atempause mehr zu geben", sondern sie ohne Halt nach Westen zu jagen. Stalins Oberkommando bezifferte die Verluste der Wehrmacht zum 1. März 1942 auf 6,5 Millionen Mann (in Wahrheit war es eine Million), und die Kampfkraft der Roten Armee wurde plötzlich von ihren Führern maßlos überschätzt. Sie sollte nun in den nächsten Monaten mit einer Reihe von strategischen Operationen die Blockade Leningrads beenden, das Donbecken und die Krim befreien und bis Jahresende den Feind hinter die Landesgrenzen treiben.

Die Methode hieß: Attacke "um jeden Preis".

Damit drängte Stalin die Kommandeure zu abenteuerlichen Entscheidungen, bei denen Verluste keine Rolle mehr spielten. Zu diesem Schluss kommen die Autoren des 2009 erschienenen, für russische Verhältnisse ungewöhnlichen Buches "Die Geschichte Russlands im 20. Jahrhundert 1894 bis 2007". Allein im ersten Quartal 1942 verlor die überforderte Truppe demnach 1,8 Millionen Mann, viermal mehr als die Wehrmacht.

Am Wolchow südöstlich von Leningrad ging die 2. Stoßarmee komplett unter, westlich von Moskau die 29. und die 39. Armee. Und bei der Krimschlacht um Sewastopol 1942 starben 135.000 Mann, fast sechsmal so viele Soldaten, wie die Wehrmacht dort verlor.

Rschew war eine der blutigsten Schlachten des Großen Vaterländischen Krieges, die mit Stalingrad zumindest gleichzusetzen sei, schreibt die Historikerin Swetlana Gerassimowa, deren voriges Jahr in Moskau erschienenes Buch "Das Blutbad von Rschew. Schukows verlorener Sieg" als beste Forschungsarbeit zu diesem Thema gilt.
Gemäß Stalins Befehl hatte die Rote Armee im Winter 1942 versucht, vor Moskau die strategische Initiative zurückzugewinnen. Bei Rschew gelang es ihr, die Front einzudrücken und einen Brückenkopf zu schaffen, der genau in die Heeresgruppe Mitte hineinragte. Die Frontlänge betrug danach an dieser Stelle etwa 650 Kilometer. Vor allem die deutsche 9. Armee unter Generaloberst Walter Model geriet dadurch in Gefahr, abgeschnürt zu werden.

Stalin befahl dem zuständigen Heerführer Georgij Schukow, dem späteren "Sieger von Berlin", die 9. Armee einzukesseln, zu vernichten und dann mit einer großen Zangenbewegung die gesamte Heeresgruppe Mitte im Raum von Smolensk aufzureiben. Dadurch sollte endgültig die Bedrohung von Moskau genommen werden.

Aus Hitlers Sicht war der Ort gleichermaßen symbolisch. Rschew sei "eine uneinnehmbare Linie des Führers", hieß es in einer Radiobotschaft an die deutschen Soldaten. 1942 hatten die Deutschen an dieser Stelle zeitweise 42 Infanterie-, Panzer-, Luftwaffen- und SS-Divisionen konzentriert. Der Befehl des Oberkommandos der Wehrmacht lautete: alle Schläge der Roten Armee abzuwehren.

Stalins erste Offensive bei Rschew, an der die Truppen der Westfront (Schukow) und der Kalininer Front (Generaloberst Iwan Konjew) teilnahmen, begann am 8. Januar 1942. Die Operation, auf nur wenige Wochen angelegt, wuchs sich zur 15-monatigen Stellungsschlacht aus.

Allein 14 Armeen, drei Kavallerie-Korps und dazu Frontflieger warf Stalin an dieser Stelle in den Kampf, insgesamt 688.000 Mann - ihnen standen 625.000 deutsche Soldaten gegenüber. Bald auch feierte er den ersten Erfolg: Seine Kavallerie schnitt die Straße westlich von Wjasma ab. Hitler musste am 15. Januar einlenken: "Es ist das erste Mal, dass in diesem Kriege von mir der Befehl zum Zurücknehmen eines größeren Frontabschnittes gegeben wird."

Aber schon Ende Januar verbuchte Stalins Armee Misserfolg auf Misserfolg, allein an der Kalininer Front fielen in drei Wochen 80.000 Mann. Die 8. Luftlandebrigade zum Beispiel setzte ohne ausreichende Vorbereitung 2300 Mann hinter den feindlichen Linien ab - nur etwa die Hälfte überlebte. Und die 29. Armee geriet wegen schwerer operativer Fehler Anfang Februar in einen Kessel, ebenso die 33.

Andere Truppenteile wurden vom Nachschub abgeschnitten. Schukow musste die Artillerie stilllegen, nur noch ein bis zwei Granaten pro Tag und Geschütz durften verschossen werden. Den Kommandeuren gab er Befehl, sich Lebensmittel und Munition "vor Ort" zu beschaffen. Kommentar des sowjetischen Oberkommandos: Die Offensive sei fortzusetzen, "die Liquidierung der gegnerischen Gruppierungen ziehe sich unzulässig lange hin".

Lese man heute die damaligen Direktiven aus Moskau und jene der Frontbefehlshaber, schreibt die Historikerin Gerassimowa, "muss man Zweifel haben, dass der Generalstab über die wahre Lage seiner Truppen informiert war, und überhaupt Zweifel an der Vernunft der hohen Militär- und Staatsführer". Erst am 20. April, ausgerechnet an Hitlers Geburtstag, blies Moskau weitere Angriffe ab.

Aber der Schrecken nahm kein Ende. Im Juli startete das Moskauer Oberkommando bei Rschew eine große Sommer-Offensive, und wieder waren bald große Teile der 39. und der 41. Armee umzingelt. Ein Offizier der 17. Garde-Schützen-Division erinnert sich: "Im ganzen Krieg habe ich nichts Schrecklicheres gesehen: Riesige Bombenkrater, bis zum Rand mit Wasser gefüllt, am Wegesrand zerstörte Fuhrwerke und Autos, tote Pferde und ringsherum nur Leichen. Und aus dem Wald das Stöhnen der Verwundeten." Allein in den ersten fünf Tagen fielen von den 400 zugeteilten Kampfflugzeugen 140 aus, was das Oberkommando als "offensichtliche Sabotage" wertete.


Debatte

insgesamt 1 Beiträge zur Debatte
Steffen Herrmann am 17. November 2012, 23:47
Empfehlenswert zur Vertiefung sind hierzu Arbeiten von COL David M. Glantz Foreign Military Studies Office (http://de.wikipedia.org/wiki/David_Glantz)


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