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1874-1965

Winston Churchill

Schulversager, Sitzenbleiber, Nobelpreisträger


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Der Kriegsreporter: "Nur Strohköpfe schreiben nicht für Geld."

Winston Churchill, gutbezahlter Kriegsberichterstatter, kommt nach seiner Flucht aus einem Buren-Gefangenenlager in Pretoria am 23. Dezember 1899 in Durban, Südafrika, an.

Prügel, "bis das helle Blut herunterlief": Der junge Winston Churchill war ein notorischer Sturkopf und Lernverweigerer - und wurde dennoch ein begnadeter Schreiber und Redner. einestages erinnert an die Kindheit von Englands Premier - und präsentiert seine humorvollsten und nachdenklichsten Zitate. Von Christoph Gunkel


Lord Randolph Churchill hätte die Welt für verrückt erklärt, wenn er die feierliche Preisverleihung am 10. Dezember 1953 in Stockholm noch erlebt hätte. Sein Sohn, ein Nobelpreisträger? Ausgerechnet sein Sohn, der ihn jahrelang in die Verzweiflung getrieben hatte, weil er an einer britischen Eliteschule nach der anderen grandios scheiterte? Sein Sohn, den er zeitlebens für einen talentfreien Versager hielt, der es allerhöchstens beim Militär schaffen könnte?

Doch 1953 gewann in Stockholm tatsächlich ein Mann den Nobelpreis für Literatur, der als Kind ein notorischer Sitzenbleiber war. Die Schulzeit beschrieb er als "finsteren Fleck" in seinem Leben, "eine Zeit voller Missbehagen, Zwang und trostloser Eintönigkeit". Bei Prüfungen gab er leere Blätter ab, auf die er nur seinen Namen kritzelte, der Jahrzehnte später weltberühmt sein sollte: Winston Spencer Churchill.

Die Welt kennt Winston Churchill als unerbittlichen Gegner Hitlers, der jede Hoffnung des deutschen Diktators auf ein Bündnis oder einen Seperatfrieden eine klare Abfuhr erteilte. Er ging in die Geschichtsbücher ein als der Mann, der Großbritannien in großer Not Zuversicht gab, die Nation mit pathetischer Rhetorik zusammenschweißte, das Victory-Zeichen populär machte und Hitler schließlich besiegte.

Unbekannte Seite eines Kriegshelden

Wegen seiner militärischen Erfolge geriet das andere Gesicht Churchills dagegen fast in Vergessenheit. Der dauerpaffende Staatsmann war mehr als ein konservativer Hardliner. Dieser so bullig und ungelenk wirkende Mann war auch ein Freund des feinen Wortwitzes und der leisen Zwischentöne. Ein unermüdlicher Vielschreiber mit geschliffenem Stil, ein Meister der plastischen Beschreibungen, der historische Ereignisse geschickt mit eigenen Erlebnissen und Überlegungen mischte.

Wenig hatte auf diese steile literarische und politische Karriere hingedeutet. Winston Churchill war der Sohn des bekannten Tory-Politikers Randolph Churchill und einer amerikanischen Millionärstochter. Sein ehrgeiziger Vater war Schatzkanzler unter Premier Lord Salisbury und galt lange als dessen Kronprinz, bevor er wegen eines völlig unbedeutenden Streits überraschend zurücktrat - und damit einen spektakulären politischen Selbstmord beging.



Allein gegen Hitler - Wie Churchill die Nazis stoppte

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Deprimiert zog sich der gestürzte Polit-Star zurück. Von seinem ältesten Sohn Winston erwartete er erst zu viel - und schon bald fast gar nichts mehr. Denn der junge Churchill entpuppte sich als Rebell, Sturkopf und Lernverweigerer. Dennoch verehrte er zeitlebens seinen exzentrischen Vater - der diese glühende Zuneigung meist kühl ignorierte oder ihm offen seine Verachtung zeigte.

Furchtbare Schläge mit der Birkenrute

Winstons Kindheit entwickelte sich zum Alptraum, auch in der Schule erntete er nur selten Anerkennung. "Wie hasste ich diese Schule, in der ich mehr als zwei Jahre ein Leben voller Ängste verbrachte", erinnerte er sich an sein erstes Internat. Detailliert schrieb er später von "furchtbaren Schlägen" mit der Birkenrute, von Prügeln "bis das helle Blut herunterlief", von seinem Kampf gegen das stupide Auswendiglernen und seiner tiefen Abneigung gegen Latein.

"In den ganzen zwölf Jahren meiner Schulzeit hat nie jemand mir beizubringen vermocht, einen richtigen lateinischen Satz zu schreiben", gab er offen zu. Was ihn nicht interessierte, seine Phantasie weckte, oder ihm sinnvoll erschien, prallte an ihm ab. Prüfungen empfand er als "schwere Heimsuchungen", die Schule als "die unfruchtbarste Zeit" seines Lebens.

Selbst nach der Zeit an der Eliteschule Harrow, an der er nur wegen der Kontakte seiner angesehenen Familie aufgenommen wurde, hörten die Probleme nicht auf. Churchill strebte nun eine Ausbildung an der Militärakademie in Sandhurst an. Doch auch hier wurde er erst beim dritten Anlauf angenommen - und dann auch nur in der Kavallerie. Dort, so spottete man damals, war Geld wichtiger als Verstand: Pferde waren teuer.

Bildung im Schnellkurs

Dennoch: Churchill besaß eine exzellente Auffassungsgabe, er war intelligent - und blühte plötzlich beim Militär richtig auf. Weit weg von den ehrgeizigen Ansprüchen seines Übervaters, der wenige Jahre später starb, gestand er sich ein, dass er in etlichen Bereichen "nicht die leisesten Kenntnisse" besaß. Im Eiltempo versuchte er das nachzuholen. In seiner Freizeit verschlang er nun etliche Klassiker, wild durcheinander: Darwin, Sokrates, die Bibel, Schopenhauer, Aristoteles. Besonders gerne las er die britischen Historiker Thomas Macauley und Edward Gibbon, die seinen eigenen Stil prägen sollten.

Selbst als er zum Garnisonsdienst im fernen Indien war, versorgte ihn seine Mutter regelmäßig mit Bücherpakten aus England. Mit der Zeit begann Churchill selber zu schreiben - aus Leidenschaft, aber auch, um den teuren Dienst in der Kavallerie bezahlen zu können. Er wurde Offizier und Kriegsreporter in Personalunion und hetzte von einem militärischen Brandherd zum nächsten. Seinen ersten Artikel begann er unorthodox, aber ehrlich: "Erste Sätze sind etwas Schwieriges - in einem Zeitungsartikel nicht weniger als in einer Liebeserklärung."

Aus seinen Fronterlebnissen wurden Bücher, die sich gut verkauften - nicht nur, weil sie lebendig Schlachten und Manöver nachzeichneten, sondern auch, weil Churchill nicht mit Kritik an der britischen Militärführung sparte. Schon sein zweites Buch "River War" (1899) feierte die Presse als einen "erstaunlichen Triumph". Aus dem Schulmuffel wurde fortan ein Vielschreiber, der im Laufe seines Lebens 40 Bücher verfasste. Einmal handelte er mit einem Verlag die stolze Textlänge von 200.000 Wörtern aus - und schrieb dann mehr als das Fünffache.

"Ich schreibe Geschichte"

Meist waren seine Bücher Beschreibungen historischer Ereignisse, die Churchill selbst erlebte oder als Staatsmann aktiv mitprägte. Nur einmal wagte er sich ins fiktionale Genre und schrieb einen Roman, der ihn, bis auf das Honorar von 700 Pfund, kaum zufriedenstellte: "Meine Freunde bat ich inständig, ihn nicht zu lesen". Weltberühmt machten ihn dagegen seine brillanten Reden während des Krieges und sein monumentales, sechsbändiges Geschichtswerk "Der Zweite Weltkrieg".

Das Nobel-Komitee lobte daher 1953 nicht nur Churchills "Meisterschaft in der historischen Darstellung", sondern auch seine "glänzende Redekunst, mit der er als Verteidiger von höchsten menschlichen Werten" auftrat. Allerdings konnte der Historiker David Reynolds Jahrzehnte später nachweisen, dass ein nicht unbeträchtlicher Teil von "Der Zweite Weltkrieg" aus den Federn von Ghostwritern stammte.

"Die Geschichte wird mich nett in Erinnerung behalten - weil ich sie selbst schreibe", sagte Churchill einmal ironisch - und behielt Recht. Er wurde weltweit als Staatsmann geachtet, seine Idee von den "Vereinigten Staaten von Europa" entpuppte sich als visionär, seine Landsleute verehren ihn bis heute als größten Briten - auch wenn sie ihn direkt nach dem Krieg aus dem Amt jagten.

Churchill starb 1965 hochbetagt im Alter von 90 Jahren. Sein Geheimrezept für ein langes Leben, soll er einmal einem Reporter verraten haben, war ziemlich simpel - und bestand aus nur zwei Wörtern: "No Sports!" Es wurde, obwohl nicht unumstritten ist, ob Churchill es wirklich so gesagt hat, sein berühmtestes Bonmot.

Doch auch etliche andere seiner nachdenklichen, frechen und humorvollen Sprüche überdauerten seinen Tod. Klicken Sie sich in der einestages-Bildergalerie durch die Zitate dieses eigenwilligen Staatsmannes.



Debatte

insgesamt 6 Beiträge zur Debatte
Redaktion einestages am 17. August 2010, 08:53
In einer Vorversion des Artikels stand, dass Randolph Churchill als Schatzmeister tätig war. Richtig ist: Lord Randolph übte das Amt des Schatzkanzlers aus. Dank des...

Marko Reimann am 16. August 2010, 23:36
Eine kleine Anmerkung: Lord Randolph war natürlich nicht Schatzmeister, wie im Artikel geschrieben, sondern Schatzkanzler.
Ein (sein letztes?) Zitat von Churchill möchte...


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