Er war ein Bergsteiger mit Gewissen: Everest-Bezwinger Edmund Hillary haderte mit einem Ruhm, der seinem Partner Tensing Norgay verweigert wurde. Durch sein soziales Engagement für die Sherpas profitierte das Himalaya-Volk immerhin materiell von dem Triumph am Everest. Von Katja Iken
Wer als erster oben war, zählte nicht. Nicht damals, nicht in jenem Moment. Der raue Neuseeländer Edmund Hillary hielt dem Sherpa Tensing Norgay zunächst zaghaft die Hand hin - dann warfen sich die beiden Bergsteiger einander in die Arme: Zwei Menschen, die es ohne einander niemals bis hierher geschafft hätten, auf 8848 Meter über dem Meer, auf den höchsten Gipfel des Globus: auf den Mount Everest. An jenem 29. Mai 1953 waren Hillary, der bienenzüchtende Oberst a. D. und Tensing, sein nepalesischer Träger, der nicht einmal lesen konnte, ein Team - inniger als je zuvor, inniger als jemals wieder danach.
Hillary machte seine Leistung über Nacht zum einem frühen Popstar des Sports und zu einer weltweit berühmten Figur. Unverzüglich schlug die frischgebackene Elisabeth II. - wenige Tage nach der Everest-Besteigung zur britischen Königin gekrönt - den gerade 34-jährigen Neuseeländer zum Ritter.
Der Doppelschlag gab den Briten und ihrem bröselnden Empire einen psychologischen Schub, vergleichbar mit jenem den die Deutschen im Jahr darauf durch das "Wunder von Bern" erlebten - die deprimierende Nachkriegszeit, gekennzeichnet von Niedergang und Selbstzweifeln, hatte auch durch die Großtat des Neuseeländers so etwas wie ein Happy End gefunden. Die feine Gesellschaft reichte den Helden von Champagnerparty zu Empfang weiter - und eine Zeitlang ernährte sich Hillary, als Bergsteiger eher karge Kost gewohnt, vorwiegend von Lachs und Canapés.
Schlägerei in Kathmandu
Hillarys Sherpa Tensing Norgay blieb zeitlebens im Schatten seines Chefs, ein Umstand der niemanden mehr ärgerte als Hillary selbst. Er fasste es nicht, dass er und auch Expeditionsleiter John Hunt geadelt worden waren, Tensing dieser Ehrung jedoch nicht für würdig befunden wurde. Andererseits hielten dessen nepalesische Landsleute es mit der Heroisierung genau andersherum. Man ließ den Analphabeten Tensing ein Papier unterzeichnen, wonach er als erster den Fuß auf den Gipfel gesetzt habe - kurz darauf tauchten Plakate auf, die Tensing allein auf dem Gipfel des Berges zeigen; Hillary hängt, auf dem Rücken liegend wie ein Käfer, an einem Seil. Nachdem sich der kernige Kiwi in Kathmandu auf der Straße mit einem Nepalesen geprügelt hatte, der seine Leistung bezweifelte, einigten sich die beiden ungleichen Gipfelstürmer auf eine gemeinsame Version: gemeinsam hätten Sie den Gipfel erreicht und gemeinsam die Füße auf den höchsten Punkt der Erde gesetzt.
Der geteilte Triumph hielt Groupies durchaus nicht davon ab, sich auf den großgewachsenen Helden des Himalaya zu stürzen. "Wenn Sie mich nicht heiraten wollen, schicken Sie das Foto bitte zurück", habe eine Karte gelautet, die er zugesteckt bekommen habe, erinnerte sich Hillary später schmunzelnd. Und selbstverständlich habe er das Bild retourniert - kaum vom Mount Everest zurückgekehrt, machte er seiner Louise Mary Rose einen Heiratsantrag. Es wurde eine glückliche Beziehung, die jedoch tragisch endete, als Hillarys Frau und Tochter 1975 bei einem Flugzeugabsturz umkamen.
Abenteurer in bester britischer Tradition
Der Mount Everest blieb das funkelnde Juwel in Hillarys Bergsteiger-Krone, doch bei weitem nicht der einzige Stein - weitere 23 Erstbesteigungen gehen auf sein Konto. Nur am 8463 Meter hohen Makalu, dem fünfthöchsten Berg der Welt, scheiterte er im Winter 1960/61. Eine Lungenentzündung sowie ein Gehirnödem und mehrere Rippenbrüche zwangen ihn dazu, die Expedition abzubrechen. Und nicht nur auf den Gipfeln am Dach der Welt war Hillary - darin ganz der klassische Abenteurer britischer Schule - zu finden: 1956 bis 1958 durchquerte er die Antarktis, 1977 erreichte er auch den Nordpol - gemeinsam mit Neil Armstrong, dem ersten Menschen auf dem Mond. 1967 kehrte Hillary noch einmal in die Antarktis zurück, um den Mount Herschel zu erklimmen. Und noch als 87-Jähriger reiste Hillary wieder in die Antarktis zurück, um an der 50-Jahr-Feier der von ihm gegründeten Scott-Forschungsstation teilzunehmen. Er wolle, so Hillary, "wenigstens eine Nacht in den ursprünglichen Hütten" verbringen.
Die Grenzerfahrungen am Berg wie in der Arktis und sein immenser Respekt für die unbesungenen Leistungen der Sherpas ließen Hillary schon früh die Bergsteigerei mit sozialem Engagement verknüpfen. Im Sherpa-Dorf Khumjung entstand auf seine Initiative 1961 eine Schule - die erste Unterrichtsstätte überhaupt in diesem Teil der Welt. Der Everest-Bezwinger finanzierte die Einrichtung, ebenso wie die 26 noch folgenden Schulen, aus den Tantiemen seiner Bücher, Filme und Vorträge sowie aus Spenden. Um die Entwicklungsarbeit vor Ort voranzubringen, gründete Hillary eine Stiftung in Nepal, für die er bis zu seinem Tod jedes Jahr rund eine halbe Million Dollar zusammenbrachte.
"Wir" statt "ich"
So profitierte das Bergvolk zumindest materiell vom Erfolg des Neuseeländers, auch wenn seinem Partner Tensing Norgay ansonsten nicht die gleichen Ehrungen zuteil wurden, mit denen Hillary überhäuft wurde - eine Ungleichbehandlung, mit der Sir Edmund stets haderte. In Interviews benutzte der Bergsteiger oft den Plural: "Wir hatten eine gute Zeit", sagte er oft. Oder: "Wir haben alles gegeben."
Die dünne Höhenluft des Himalaya verhinderte schließlich, dass der über achtzigjährige Hillary seine Schulen in den vergangenen Jahren weiter besuchen konnte - höher als bis Kathmandu wagte er sich seit einer Weile nicht mehr. Der Massen-Abenteuertourismus hatte die Region ohnehin für immer verändert - nicht zum Guten, wie Hillary fand. Mehrfach versuchte er, beim nepalesischen König Einschränkungen zu erreichen - ohne Erfolg. In Spitzenzeiten streben heute bis zu 90 mehr oder minder trainierte Abenteurer auf einmal gen Everest-Gipfel. Und pünktlich zum 50. Jahrestag der Erstbesteigung, eröffnete im 5300 Meter hoch gelegenen Basislager auf dem Khumbu-Gletscher ein Internet-Café. Der Gründer: ein Enkel von Sherpa Tensing Norgay.
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