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1919

Zu Besuch beim Späße-Dealer

"Das ist kein Scherz, das ist Arbeit"


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Hundebomben: Diese Bomben waren allerdings nicht als Scherz gedacht, sondern als Selbstverteidigung von Fahrradfahrern gegen Hunde.

Juckpulver, Schielklemmen und explodierender Hundekot: Seit Jahrzehnten handelt Heinz Erfurth im großen Stil mit Scherzartikeln. Früher hatte er damit alle Lacher auf seiner Seite. Heute leidet die ganze Branche unter dem Tüv. Von Sebastian Heilig


Einer der ältesten deutschen Großlieferanten für Scherzartikel sitzt nicht etwa in Köln, Ostfriesland oder Mainz, sondern in Hamburg. Kein Witz. Die Erfurth GmbH Scherzartikel produziert und liefert seit 1909 alles, was Leute zum Lachen bringt, mittlerweile in dritter Generation. Auf der Internetseite begrüßt mich ein sympathischer Herr im Konfettiregen, ausgestattet mit einer Scherzbrille inklusive Augenbrauen, Schnurrbart und roter Nase, Hexenhut und Riesenzigarre, bis zum Hals verknotet in Luftschlangen. Das vermittelt Kompetenz. Kein Zweifel, dieser Mann versteht was von seinem Geschäft.

Der sympathische Fachmann führt mich zu einem umfangreichen Angebot mit Kategorien wie "Spring- und Spritzartikel", "Elektro- und Knallartikel", "Horror-Artikel mit/ohne Geräusch", "Sex-Scherz-Geschenkartikel", schlicht "Tiere" oder "Hundehaufen, Kotzie, Slime und mehr". Ich verschiebe mein Mittagessen und setze mich in die S-Bahn, um dieses offenkundige Epizentrum der Nonsens-Industrie im Hamburger Westen aufzusuchen.

Vampirzähne en masse

Als mich Heinz Erfurth empfängt, bin ich zunächst etwas enttäuscht. Dieser ältere Herr, der mich hier freundlich begrüßt, ist zweifelsfrei der Mann von der Internetseite - allerdings ohne Brille, Schnurrbart, Konfetti und Riesenzigarre. So viele Fragen habe ich mir notiert: "Können Sie sich an Ihren ersten Kontakt mit Scherzartikeln erinnern?" - "Was ist Ihr liebster Witzartikel?" - "Erschrecken Sie sich überhaupt noch?" - "Gibt es Stinkbomben-Tuning? Sie sitzen doch an der Quelle."

Herr Erfurth antwortet nüchtern: "Nee, für uns ist das ja kein Scherz, das ist Arbeit." Der Raum in dem wir sitzen, hängt voll mit den Früchten dieser Tätigkeit: Juckpulver, abgehackte Arme und Vampirzähne en masse. Gemeinsam wühlen wir uns durch eine Kiste mit alten Katalogen und historischen Warenproben. Ich entdecke alte Bekannte: Die "Klapperschlangeneier" - kenne ich noch als Gimmick aus den "Yps"-Heften der Achtziger, sage ich. Gingen bereits 1930 unter der Bezeichnung "Trommelbrief" über den Ladentisch, sagt Herr Erfurth.

Das Ding ist simpel: In einen kleinen Metallbogen ist ein Gummi gespannt. in das ein Metallring eingeknotet ist. Der Ring wird gedreht und das Gummi so verzwirbelt, dann wird das Gerät flach in einen Brief geklemmt, oder eben in ein Tütchen mit der Aufschrift "Klapperschlangeneier". Öffnet ein Ahnungsloser den Brief, löst sich die Spannung im Gummi und der Ring, trommelt gegen das Papier - das klingt fast wie eine Klapperschlange.


Haben Sie früher mit Ihren Lehrern Scherze getrieben? Oder einen besonders raffinierten Abi-Streich ausgeheckt? Erzählen Sie Ihre Geschichte auf einestages!

"Schielklemmer" und musikalischer Stuhlsitz

Das Furzkissen hieß früher, als Fäkalausdrücke noch nicht unbedingt verkaufsfördernd waren, vornehm "der musikalische Stuhlsitz". Scherzbrillen liefen unter der Bezeichnung "Schielklemmer", und der Kotzfleck nannte sich "Whoops". Andere Artikel aus den Katalogen von damals gibt es heute gar nicht mehr. Zum Beispiel das "Mini-Schlankheitsmittel" oder "weiche Amor-Lippen". Leider erklärt sich die Funktion nicht immer aus den gezeichneten Darstellungen. Wie funktionierte wohl "Die geheimnisvolle Stimme"? Auf dem kleinen Bild steckt sich ein Mann im Frack zwei Kabel unter die Jacke und lächelt.

Heinz Erfurth kann sich nicht genau erinnern. Während er eine neue Kiste mit Schätzen holt, fällt mein Blick zufällig auf die "Fart Machine 2". Ist das eine moderne Variante der "geheimnisvollen Stimme"? Per Fernbedienung lässt sich ein Lautsprecher aktivieren, dessen Soundspektrum auf Körpergeräusche reduziert ist. "You may die laughing!", verspricht die Verpackung: "Sie könnten sich totlachen!" Herr Erfurth erklärt mir, dass er die "Fart Machine 2" leider nicht mehr verkaufen darf, wegen der Funkfrequenz, die in Wohngebieten die Funktion von Babyphonen stört.

Die ganze Scherzartikel-Branche leide unter dem TÜV, sagt Herr Erfurth. Auch die toll qualmenden Scherz-Zigaretten mussten erst kürzlich zurückgerufen werden: Anstatt hineinzupusten hatte ein Kind versehentlich daran gesogen und einen Hustenanfall bekommen. Als Dummy für die Bühne war diese Zigarette bei nichtrauchenden Theaterleuten bis dahin sehr beliebt.

Stinkbomben per Re-Import

Aber auch so findet sich bei Herrn Erfurth noch viel Material, das sich für gute Bühnenunterhaltung eignet: Kistenweise abgehackte Finger, amputierte Hände, die batteriebetrieben auf einen loskrabbeln oder Latex-Brüste zum Umschnallen. "Da gibt es natürlich viele Artikel, die in den Sex-Bereich reingehen", Heinz Erfurth räuspert sich. Ein aufziehbarer Plastik-Penis mit Glubschaugen hüpft mich an. "Bis in die siebziger Jahre haben wir ja nur selbst produziert, da gab's so was natürlich nicht. Das kommt alles aus Asien." Verkauft sich das gut? "Kann man so sagen." Herr Erfurth räuspert sich wieder. Ich räuspere mich auch.

Der Unternehmer leitet elegant über in das nächste Regal. Ich entdecke eine Popcorn-Schale, in der eine batteriebetriebene Hand darauf wartet ahnungslose Nascher anzukrabbeln. Während Erfurth mir die ausgetüftelte Technik erläutert, schraubt er ein Senfglas auf, aus dem eine gelbe Schlange herausspringt: "Und wer das vorher nicht weiß, der bekommt natürlich einen Schreck", erklärt er. Das scheint mir das Grundprinzip zu sein, vielleicht sogar eine Art Firmenphilosophie.

Ich beschließe, das Gespräch noch mal auf die Stinkbomben zu lenken. Herr Erfurth erklärt mit knapp, dass Stinkbomben in Deutschland verboten sind. Moment, die habe ich doch neulich erst gesehen, als 'atemberaubendes' Gimmickauf einem 'Mad'-Heft. "Ja, ja!", antwortet Heinz Erfurth, "Re-Import! Die werden hier in Deutschland produziert, dann nach England exportiert, und dann wieder von hier aus bestellt und verkauft." Stinkbomben Re-Import? "Ja. Ich persönlich finde diesen Artikel auch nicht so notwendig. Wenn Sie da eine ins Treppenhaus schmeißen, das ist nicht schön. Da hört der Spaß auf. Das stinkt fürchterlich."

Im Regal entdecke ich ein "Pups-Spray". Ob das angenehmer im Duft sei, will ich wissen. Herr Erfurth muss lachen: "Ja, das stinkt auch, aber nicht so schlimm."



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