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1970-2011

Legendäre deutsche TV-Shows Als der Preis noch heiß war


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Werner Schulze-Erdel begrüßt die Kandidaten und das Publikum im Studio zum "Familienduell". Bei der RTL-Spielshow treten jeweils zwei Familien gegeneinander an, hier die Mergehenns gegen die Hoffmanns. Sie müssen die sogenannte Top-Antwort - das heißt jene Antwort, die die meisten von 100 befragten Menschen gegeben haben - erraten. Schulze-Erdel moderierte zuvor ...

Heute quälen sich B-Promis im "Dschungelcamp" und Halbstarke stellen bei "DSDS" ihre Stimmchen aus. Von Mega-Quoten wie bei "Dalli Dalli" oder "Ruck Zuck" kann das Peinlich-TV trotzdem nur träumen. einestages erinnert an die besten deutschen Fernsehshows - und erklärt, warum Millionen sie vermissen. Von Christian Gödecke




einestages: Sie haben über 5000 Shows im deutschen Fernsehen moderiert. Warum hatten die Deutschen Sie so gern?

Schulze-Erdel: Wenn Sie jemanden jeden Tag quasi in Ihre gute Stube lassen, muss Sympathie da sein. Und die konnte nur entstehen, weil ich immer absolut authentisch war.

einestages: Es ist irgendwie schwer vorstellbar, dass jemand über so lange Zeit immer er selbst ist. Sie haben teilweise fünf oder sieben Shows am Tag produziert, das war Fließbandarbeit.

Schulze-Erdel: Es ging, weil ich mich nie verstellt habe. Ich habe nie jemanden bloßgestellt, auch wenn ich mich natürlich auch mal über einen Kandidaten lustig gemacht habe. Aber nur mit Blicken, nie mit Worten.

einestages: Sie sind mit "Ruck Zuck" Kult geworden, einer Show, die in den USA zuvor unter dem Namen "Bruce Forsyth's Hot Streak" gefloppt war. Warum funktionierte sie in Deutschland?

Schulze-Erdel: Ich dachte am Anfang auch, dass das Konzept nicht funktionieren würde. Ich war bei RTL in Luxemburg, bekam dann aber von meinem alten Tele-5-Chef die Idee für eine Gameshow präsentiert. Ich wusste überhaupt nicht, was eine Gameshow war! Und er zeigte mir Bilder von Bruce Forsyth aus den USA, der ein alternder Comedian war und furchtbar aussah. Aber ich bekam Geld und war weg von der Straße. Also habe ich es probiert. Die Anstrengung war gewaltig, wir haben nur am Wochenende aufgezeichnet, sieben Sendungen am Tag, fast bis zur Besinnungslosigkeit. Und plötzlich hatte "Ruck Zuck" Kultstatus. Der Bayern-München-Profi Roy Makaay hat mir später gesagt, er hätte durch mich Deutsch gelernt. Nach einem Jahr bekam ich eine 500-prozentige Gehaltserhöhung und nach vier Jahren eine Bambi-Nominierung.

einestages: In Erinnerung geblieben ist vor allem ein Skandal. Ein Kandidat parodierte Franz Josef Strauß, doch der war am Tag der Ausstrahlung gestorben.

Schulze-Erdel: Das war tatsächlich peinlich. Kurz nachdem die Meldung über Strauß' Tod kam, wurde der im Fernsehen parodiert. Nach wütenden Protesten wurde die Sendung abgebrochen. Dann gab es aber Proteste aus Norddeutschland, dass das doch kein Grund für einen Abbruch sei! So ein Fauxpas ist später noch einmal passiert, nur dass den niemand bemerkte. Ich hatte Stefano Casiraghi, den Sohn des Fürsten von Monaco, in einer Aufzeichnung als Playboy bezeichnet. Die Sendung wurde am Montag ausgestrahlt, aber am Sonntag war Casiraghi tödlich verunglückt. Aber wir haben die Shows eben teilweise vier Monate vorher aufgezeichnet.

einestages: Die Anfänge bei den privaten Sendern wirken heute wie ein einziges Experiment.

Schulze-Erdel: Natürlich war auch viel Mist dabei, aber wo man nichts versucht, da passiert auch nichts. Als ich 1984 die "Musicbox" moderierte, haben wir Spiele gemacht, bei denen die Anrufer Rot von Blau unterscheiden mussten und 100 Mark gewinnen konnten. Es rief aber trotzdem keiner an, weil niemand zuschaute. Bei "Ruck Zuck" habe ich die Garderobe selbst organisiert. Ich bin mit meinen eigenen Klamotten aufgetreten, ich habe sie selbständig in die Reinigung gebracht und bin mit dem eigenen Auto nach Hause gefahren. Heute alles undenkbar.

einestages: Das "Familien Duell" bei RTL hatte zeitweise 50 Prozent Marktanteil. Was war das Geheimnis?

Schulze-Erdel: Die Kandidaten mussten nichts wissen. Beim "Familien Duell" konnte jeder aus dem Bauch heraus antworten, unsere Fragen hatten ja auch keine demoskopische Relevanz. Jeder konnte mitreden, jeder fühlte sich wertig. Aber natürlich war die Motivation für die Kandidaten auch beim "Familien Duell", ins Fernsehen zu kommen. Früher wollten die Leute in den Himmel, heute ins Fernsehen. Das war neben dem Geld die Triebfeder.

einestages: Die Sendungen waren aufgezeichnet. Können Sie sich an Szenen erinnern, die herausgeschnitten wurden?

Schulze-Erdel: Herausgeschnitten haben wir zum Beispiel das Outing eines Laienpredigers. Er hatte die Sendung unheimlich seriös begonnen, aber jedes Wort auf die Goldwaage gelegt, so dass ich schon stutzig wurde. Und dann, mitten im Jubel - er hatte 100.000 Euro gewonnen - verlor er jede Kontrolle und sprach von seinem Freund. Als Moderator hatte ich damals auch eine Verantwortung für die unerfahrenen Kandidaten. Ich habe doch selbst gemerkt, welche Angst die teilweise hatten, sich zu blamieren und zum Gespött des ganzen Heimatdorfs zu werden.

einestages: Warum gibt es keine Sendungen mehr wie das "Familien Duell" oder "Ruck Zuck"?

Schulze-Erdel: Jede Zeit hat ihre Shows und ihre Gesichter. Am Ende hat uns wohl die pure Masse der Shows geschadet. Ich habe ja auch viele Sendungen als Producer oder Coach angeschoben; jeder glaubte, damit sei das schnelle Geld zu verdienen. Aber es gab nichts Neues mehr, die meisten Ideen stammen ja aus den USA der vierziger und fünfziger Jahre.

einestages: Wer hat Sie früher fasziniert?

Schulze-Erdel: Ich war ein Fan von Hans-Joachim Kulenkampff. Dieser Charme! Diese Lässigkeit! Er konnte machen, was er wollte. Hans Rosenthal hat mir auch imponiert. Meine Frau war dort zehn Jahre Regieassistentin, ich war häufiger hinter den Kulissen von "Dalli Dalli". Er war ein Macher, für ihn war nach der Sendung vor der Sendung. Und Rudi Carrell. Von ihm habe ich gelernt, dass alles nur so leicht aussehen kann, als hätte man es aus dem Ärmel geschüttelt, wenn man vorher was in den Ärmel rein getan hat. Er war ein Vollprofi.

einestages: Ihren Namen verbindet man mit Tausenden erfolgreichen Unterhaltungsshows - und einer einzigen Kuppelshow. "Ich heirate einen Millionär" wurde kurz nach dem Start im Januar 2001 abgesetzt und zu einem Medienskandal.

Schulze-Erdel: RTL hat mir die Sendung angeboten, ohne Not hatte ich Ja gesagt. Es war ein Geheimformat, und der Druck war groß, denn Sat.1 wollte diese Show auch machen. Um der Konkurrenz zuvorzukommen, wurde eine junge Produktionsfirma beauftragt, die aber völlig überfordert war.

einestages: Lag es an dem Zeitdruck?

Schulze-Erdel: Sicher, auch. Aber der Redakteur recherchierte fahrlässig. Ihm entging, dass der Millionär und die dann später ausgewählte Kandidatin schon liiert waren. Einen Tag vor der Aufzeichnung holte ich mir eine Virusinfektion und lag bewusstlos vorm Fahrstuhl im Maritim-Hotel. Ich kam ins Krankenhaus, moderierte aber trotzdem unter Psychopharmaka. Sie hielten mir Schilder hin, ich war wie ferngesteuert und sagte immer das Gleiche. Ich habe nichts mitbekommen. Für mich nahm die Sendung gefühlt kein Ende und elf Millionen schauten zu. Ein Sensationswert. Sofort am anderen Morgen bin ich nach Mallorca geflogen, um mich zu erholen. Als ich von dem Betrug erfuhr, habe ich spontan erstmal alle Verträge gekündigt. Ich war so verletzt, so enttäuscht, dass mir niemand zur Seite stand. Für mich war das eine öffentliche Hinrichtung...

einestages: ...obwohl Sie nicht wirklich etwas dafür konnten.

Schulze-Erdel: Aber ich war stigmatisiert. Fortan hieß es, der Schulze-Erdel kann keine großen Dinger. Was natürlich Blödsinn ist. Nach wie vor moderiere ich heute immer wieder Veranstaltungen mit bis zu 10.000 Zuschauern.

einestages: Sie haben in mehr als 50 Filmen mitgespielt. Wollen Sie lieber als Schauspieler oder als Showmaster in Erinnerung bleiben?

Schulze-Erdel: Für einen Schauspieler fehlt mir die Portion Wahnsinn aber auch Mut, anders als meinen Jugendfreunden Uwe Ochsenknecht oder Heiner Lauterbach. Heute glaube ich, dass ich vieles richtig gemacht habe. Ich bin wenigstens finanziell unabhängig, und die Leute mögen mich, andere Kollegen haben all das aufs Spiel gesetzt, weil sie unbedingt die Hauptstraße in Bitterfeld kaufen wollten oder mit 65 zum sechsten Mal Vater wurden. Das kostet alles viel Geld.

einestages: Spielen Sie noch mal Theater?

Schulze-Erdel: Ich hatte zwei Theaterangebote und zwei Musicalangebote - heute sage ich, ich hätte es machen können. Und ich werde das auch noch tun, das habe ich mir geschworen. Momentan bin ich stolz, dass ich mich nicht für alles hergeben muss.

Das Interview führte Christian Gödecke

1. Teil: Als der Preis noch heiß war


Debatte

insgesamt 9 Beiträge zur Debatte
Robert Bernnat am 19. Mai 2011, 11:36
Vielleicht sollte man hier einfach trennen zwischen "Quiz" und "Show". "Wer wird Millionär" gehört zur ersten Kategorie.


Eva Onkels am 4. März 2011, 14:22
Nun ja. Aus dem "Off" kommende Stimmen gibt es schon sehr lange und sind durchaus eine treffende Bezeichnung. Daher würde ich nicht sagen, dass es sich hierbei um...


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