| In den neunziger Jahren durften Kinder in der "Mini Playback Show" ihre Popidole imitieren. Mit Schminke und Kostümen verwandelten die Maskenbildner die kleinen in die großen Stars - hier interpretieren 1994 die damals achtjährige Marlene Danne, ihre Schwester und ihre Nachbarin das Lied "Rum and Coca Cola" von den Andrew Sisters. Die Sendung stand immer wieder in der Kritik. Moderatorin Marijke Amado wurde von vielen Zuschauern der Vorwurf gemacht, sie takele Kinder zu "Sexobjekten" auf. |
Heute quälen sich B-Promis im "Dschungelcamp" und Halbstarke stellen bei "DSDS" ihre Stimmchen aus. Von Mega-Quoten wie bei "Dalli Dalli" oder "Ruck Zuck" kann das Peinlich-TV trotzdem nur träumen. einestages erinnert an die besten deutschen Fernsehshows - und erklärt, warum Millionen sie vermissen. Von Christian Gödecke
Der Kandidat hatte sich ein beleibtes und überaus beliebtes Objekt für seine Parodie ausgesucht. Er wollte Franz Josef Strauß durch den Kakao ziehen, den bayerischen Sonnenkönig von der CSU. Und tatsächlich sollte die Parodie in die Fernsehgeschichte eingehen, was allerdings nicht an der Qualität der Darbietung lag, sondern an dem Skandal, den sie auslöste: Der Kandidat, der an jenem 3. Oktober 1988 bei "Ruck Zuck" auftrat, imitierte einen Toten. Franz Josef Strauß war am selben Tag gestorben.
Die Sendung wurde plötzlich abgebrochen, zu spät war der peinliche Fauxpas bemerkt worden. In den nächsten Tagen warteten die Zuschauer bei Tele 5 vergeblich auf eine neue Folge der überaus beliebten Spielshow. Mit "technischen Problemen" begründete der Sender die tagelange Pause. Doch der Grund war ein anderer: Der Strauß-Imitator wäre auch in weiteren Ausgaben von "Ruck Zuck" zu sehen gewesen, die längst abgedreht waren - allesamt natürlich vor dem Tod des Patriarchen aus Bayern.
Der Beliebtheit der noch jungen Sendung, die erst im April 1988 gestartet war, tat das keinen Abbruch. Anstatt ruck, zuck auf dem Friedhof der TV-Unterhaltung beerdigt zu werden, erreichte die Spielshow mit ihrem Moderator Werner Schulze-Erdel Kultstatus und später ein stattliches Alter. Erst nach 15 Jahren und mehr als tausend Ausgaben wurde sie eingestellt - und ruft noch heute bei Millionen wohlige Erinnerungen wach.
Generationen vor dem Fernseher
"Ruck Zuck" steht damit in einer Reihe von vielen legendären Spielshows, die Deutschland in den vergangenen Jahrzehnten unterhielten und die heute allesamt eines gemeinsam haben: Millionen wünschen sie sich zurück. Ob seicht oder sentimental, ob große Kulisse oder kleines Studio, ob Kulenkampff und Rosenthal oder Wijnvoord und Schulze-Erdel - immer wieder gab es diese Shows und mit ihnen Moderatoren, die Generationen vor den Fernseher bannten.
Aber was war ihr Erfolgsgeheimnis? Warum schauten regelmäßig 80 oder 90 Prozent der Zuschauer "Einer wird gewinnen" und warum konnten das "Familien Duell" bei RTL oder "Geh aufs Ganze" auf Sat.1 in den neunziger Jahren gigantische Einschaltquoten von mehr als 50 Prozent feiern, von denen "Dschungelcamp" oder "DSDS" heute nur träumen können? Und warum sind sie mit wenigen Ausnahmen alle verschwunden?
"Das Geheimnis einer guten Show ist: Sie muss ganz einfach sein", sagt Werner Schulze-Erdel im einestages-Interview. Der heute 58-Jährige ist ein Kind des Privatfernsehens, er moderierte ab 1988 erst "Ruck Zuck" bei Tele 5 und danach das "Familien Duell" bei RTL. Bei "Ruck Zuck" duellierten sich Nachbarn oder Kegelclubs, beim "Familien Duell" zwei Familien. Am Ende gab es immer Emotionen, Geld, Gewinner, Verlierer und zwischendurch einen Hauch Zeit für den Moderator, zu improvisieren. Doch die Sendungen waren auch immer so stark gegliedert, dass jeder den Fernseher verlassen und später wiederkommen konnte, ohne die Orientierung zu verlieren.
Stangenware aus Köln
"Die Lebenswirklichkeit der Zuschauer sah eben nicht so aus, dass sie mit einem Bier konzentriert vor dem Fernseher saßen. Fernsehen war Hintergrundmedium wie das Radio", sagt Jens Bujar, Kreativchef von Grundy Light Entertainment. Der Spielshowriese produzierte neben "Geh aufs Ganze", "Ruck Zuck" oder "Der Preis ist heiß" auch das "Familien Duell", das zur Mittagszeit lief und vor allem von Hausfrauen gesehen wurde. "Die Sendung war so konzipiert, dass die Mutter mal eben nach dem Kind schauen konnte, ohne etwas zu verpassen", sagt Bujar.
Die Shows aus dem Hause Grundy kannte in den Achtzigern jeder, weil man ihnen nicht entfliehen konnte. Sie liefen zu festgelegten Zeiten an fünf, manchmal sogar sieben Tagen in der Woche. Mittags schauten die Hausfrauen, abends die ganze Familie. Es war die vielleicht spannendste Zeit im deutschen Fernsehen, denn erstmals in der Geschichte hatten die öffentlich-rechtlichen Sender Konkurrenz von privaten bekommen. Und RTL, Tele 5 oder Sat.1 wirkten mit ihren aus den USA oder England abgekupferten Shows jünger, bunter, schneller.
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