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1984

Tastatur-Legende

Maschinengewehr im Großraumbüro


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Leicht zu reinigen: Die Tastenkappen der Tastatur Modell M von IBM können einzeln abgenommen, gereinigt und rearrangiert werden.

Sie ist die ewige Königin der Tastaturen - und ein unerträglicher Nervtöter im Großraumbüro: Vor über 20 Jahren entwickelte IBM das Modell M, das Vielschreiber heute teuer im Internet kaufen - oder voller Glück im Sperrmüll finden. Ihr Tastenanschlag ist legendär ... laut.


Kaffee tröpfelt aus der Tastatur. Das Rinnsal schlängelt sich über den Schreibtisch und hinterlässt eine hellbraune Spur zwischen meinen Händen. Sie zittern. Milchkaffee ist der natürliche Feind jeder Tastatur. Das Wasser frisst sich bis in die Kontakte vor, der Zucker verklebt die Tasten, die Milch fängt an zu stinken - hässlich!

Das alles wäre aber nicht so schlimm, wenn es nicht gerade um meine IBM-Tastatur aus der Model-M-Reihe ginge. Der Traum jedes Vielschreibers, eifersüchtig gehüteter Schatz jedes Nerds. Meine fand ich auf dem Sperrmüll hinter einem Altenheim. Zwei Wochen lag sie im Regen, alt und verdreckt. Aber so eine Tastatur sammelt man selbst vom schmuddeligsten Müllberg. Die "Modell M" ist ein über 20 Jahre altes Meisterwerk der IBM-Ingenieurskunst.

Doch was hatten jene IBM-Ingenieure nur für eine Vorstellung vom ganz normalen Büroleben? Vermutlich dachten sie an einen nie versiegenden Parcours von Gefahrenquellen für Keyboard und Rechner. Ein wildes Abenteuer voll von Kaffeestromschnellen, meterhohen Staubbergen und grobmotorischen Sekretären mit Holzfällermuskeln, die über die filigrane Hardware herfallen wie Moskitoschwärme über den bleichen Zeltnachbarn im Rügen-Urlaub.

Potthässlich und zwei Kilo schwer

Die Modell M war die Antwort darauf. Eine Tastatur, den Anforderungen des Büroalltags zu trotzen, mit einem potthässlichen, aber stabilen Plastikgehäuse, mit dem man Bierflaschen öffnen kann und dank eingebauter Stahlplatte rund zwei Kilogramm schwer. Das Spiralkabel ist mit zweieinhalb Metern ungewöhnlich lang und aus besonders widerstandsfähigem Material. Die Ingenieure schützten so die Stecker vor Knickstellen und fertigten Kontakte, die auch nach 20 Jahren noch funktionieren.

Es sind Kleinigkeiten, die dieses Polymer-Monstrum zum heiligen Gral der Tipp-Enthusiasten machen: die kleine Erhebung über den F-Tasten, damit Stifte nicht aufs Tastenfeld rollen, die kleinen Ausklappbeinchen für eine bessere Ergonomie, die Gumminoppen, die als Rutschbremsen dienen, die bunt eingefärbten Sondertasten.

Die Liebe zum Detail spiegelt sich auch im cleveren Tasten-Layout wider: Die Tastatur ist großzügig und ergonomisch aufgeteilt. Tasten, die man nur mit dem rechten kleinen Finger erreicht, sind zur Unterstützung extra groß. Kleine Anhebungen auf dem "F", dem "J" und der "5" auf dem Ziffernfeld helfen beim Finden der richtigen Tippposition. Die Leuchtdioden sind klar zu erkennen, nerven aber nicht im Sichtfeld. Lauter Designschmankerl, die heute, 25 Jahre später, noch immer nicht selbstverständlich sind.


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Präzise - und laut

Was das Modell M aber wirklich über alle anderen Tastaturen hebt, ist der Klick. Unter jeder Taste steckt eine patentierte Knickfeder-Konstruktion. Die macht das Tippen angenehm, präzise - und ungeheuer laut. Stöckelschuhe auf Marmorboden! Schnellschreiber ballern einem Maschinengewehr gleich Wortsalven durchs genervte Großraumbüro. Ratatatatat - wieder eine Zeile vollgeschrieben.

Aber so laut die Tasten auch anschlagen, so wunderbar schmiegen sie sich an die auf sie einhämmernden Finger. Der Druckpunkt: Ein Gedicht! Die Tasten fahren langsam an, erklimmen einen Druckberg und schnellen dann mit einem lauten Klack auf die Kontakte. Daran ändert sich auch nach 20 Jahren nichts. IBM wollte, dass sich das Modell M wie eine alte, elektrische Büroschreibmaschine anhört und anfühlt. Eine Tastatur, die immer funktioniert.

Das Modell M ist äußerst robust. Harte Schläge und tiefe Stürze steckt es locker weg. Kippt einmal Kaffee über die Tastatur, spült man sie vorsichtig mit Wasser aus und lässt sie zwei Tage trocknen. Angeblich kann man die M auch in der Spülmaschine waschen. Spült man allerdings zu heiß, verzieht sich das Plastikgehäuse. Einige Modell-M-Exemplare bieten sogar Drainage-Löcher. So können Spülwasser und Milchkaffee einfach abfließen. Staub und Dreck machen der Tastatur offenbar rein gar nichts aus. Das führt zu schrecklichen Erweckungserlebnissen beim dann doch irgendwann einmal fälligen Tastaturputz. Zwischen und unter den Tasten bildet sich in vielen Bürojahren ein Dschungel aus Staub, Krümeln und Haaren. Unidentifizierbare Überreste längst vergangener Tage.

Sammlerfreude: Handsigniertes Typenschild

Solch nostalgische Momente - "Ein knallrotes Haar? Muss wohl noch von der Affäre von vor sieben Jahren sein" - machen die Modell-M-Magie aus. Fans verweisen außerdem auf den vergilbten Aufkleber auf dem Tastaturboden. Ein Typenschild, handsigniert vom Tester in der Qualitätssicherung. Wer sein Modell M im Internet verkaufen will, sollte auf dieses Schild achten. Eine seltene Ausführung erzielt irre Preise.

Seit dem Produktionsstart im Jahr 1984 hat sich einiges am Modell M getan. Die Rechte am Design wechselten mehrmals den Besitzer. 1993 gab IBM die Produktion an Lexmark ab, drei Jahre später übernahm Unicomp die Produktion. Das amerikanische Unternehmen stellt die beliebte Tastatur bis heute her. Doch die neuen Modelle sind nichts für Fans. Sie machen sich viel lieber im Müll von alten Verwaltungsgebäuden und bei Bürosanierungen auf die Suche nach dem raren Keyboard. Den Fund besiegelt ein Kuss auf das Typenschild. Glück ist halt eine warme Leertaste.



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Debatte

insgesamt 20 Beiträge zur Debatte
Bernhard Pfendtner am 3. Dezember 2008, 19:34
Die IBM-Tastatur lässt sich problemlos auch am Mac und dort am USB-Anschluss betreiben. Dazu ist ein elektronischer PS2-USB-Adapter erforderlich, der quasi den nicht...

Orkun Sag am 18. Juli 2008, 13:10
Im vorletzten Absatz des Artikels steht: "Eine seltene Ausführung erzielt irre Preise."
Was für "Preise" sind hier gemeint? 100, 1000 ? ??




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