Die US-Botschaft in Berlin liegt jetzt wieder am Pariser Platz - just dort, wo sie 1939 schon einmal residierte. Damals wollte Washingtons Botschafter lieber an einer unauffälligeren Adresse bleiben. Doch die Nazis fanden einen Trick, die Amerikaner ans Brandenburger Tor zu zwingen. Von Sonja Schewe
Debatte
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Olaf Meier
6. Jul 2008, 00:16
Tja, wenn ich die Bilder so betrachte, dann siehst es ja eher so...
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Zuhause ist da, wo das Herz liegt - und das Zuhause der US-Diplomatie in Deutschland liegt seit heute wieder mitten im Herzen der Hauptstadt: am Pariser Platz direkt neben dem Brandenburger Tor. Mit Feuerwerk und großem Prominentenaufmarsch weihen die Amerikaner am US-Nationalfeiertag ihre neue Botschaft in Berlin offiziell ein; am Tag darauf findet rund um den Platz am Brandenburger Tor ein "Amerikafest" für alle statt - das Motto lautet "Welcome Home“
Das passt auch. Zwar ist das Botschaftsgebäude, von dem US-Architekturbüro Moore/Ruble/Yudell errichtet, nagelneu - doch der Einzug der Amerikaner in das Haus Pariser Platz Nummer 2 ist auch eine Rückkehr an einen historischen Ort. Schon einmal war hier ein amerikanischer Botschafter eingezogen - damals, am 1. April 1939, noch in das hochherrschaftliche "Palais Blücher".
Die Geschichte der Amerikaner mit diesem Ort geht eigentlich sogar noch sehr viel weiter zurück, bis zu den allerersten Anfänge der transatlantischen Beziehungen: An einem Novembertag des Jahres 1797 begehrte ein junger Fremder Einlass am Berliner Stadttor mit dem Hinweis, er sei der neue diplomatische Vertreter der Vereinigten Staaten von Amerika. "Was sind denn die Vereinigten Staaten?", lautete die Antwort des preußischen Wachtpostens - der gerade einmal 21 Jahre junge Staat jenseits des Atlantiks war ihm kein Begriff.
John Quincy Adams, Sohn des damaligen US-Präsidenten John Adams, war der erste Repräsentant Amerikas in einem deutschsprachigem Land - und sein erstes Quartier in der preußischen Residenzstadt Berlin war eine Wohnung am Pariser Platz 1, nur wenige Meter von dem Ort entfernt, an dem die amerikanische Botschaft heute wieder steht. Allerdings reichten die Räumlichkeiten bald nicht mehr aus; Adams mietete sich an der Behrens- Ecke Friedrichstraße ein. Die neue Bleibe sei zwar viel bequemer, aber längst nicht so gut situiert wie seine alte Wohnung, bedauerte der damals 30-jährige Botschafter, der seinem Vater 1825 als sechster US-Präsident ins Weiße Haus folgen sollte, in seinem Tagebuch.
Video: Die US-Botschaft ist zurück am Berliner Platz
Ein Geschenk für "Marschall Vorwärts"
Schon damals spielte sich alles Wichtige am Pariser Platz ab, auch wenn der damals noch nicht so hieß. Am "Quarree" oder "Viereck", wo heute Mitarbeiter von Banken oder Botschaften an Büroschreibtischen schuften, genossen im 18. Jahrhundert vor allem Adlige den Komfort vornehmer, ja für preußische Verhältnisse prachtvoller Domizile. Die repräsentativen Palais und Stadtvillen unweit des Hohenzollernschlosses waren der Empfangssalon der Hauptstadt; gekrönte Häupter, Philosophen und Künstler wurden hier willkommen geheißen. Später zog es auch Bürgerliche, die es zu Reichtum und Ansehen gebracht hatten, an den schönsten Platz Berlins. Max Liebermann, der bedeutendste impressionistische Maler Deutschlands, wohnte gegenüber der späteren US-Botschaft am Pariser Platz 7, den sein Vater Louis 1859 erworben hatte. In der ersten Etage des benachbarten Palais Wrangel, in dem heute die Dresdner Bank sitzt, empfing der Gemäldesammler Fürst Anton von Radziwill Berliner Künstler; im Untergeschoss tagte derweil die feudale Casino-Gesellschaft. Künstler wie Enrico Caruso, Charlie Chaplin und Greta Garbo genossen das Ambiente des Pariser Platzes im luxuriösen Hotel Adlon, gelegen direkt neben der Preußischen Akademie der Künste.
Pariser Platz heißt das Herz Berlins, seit am 7. August 1814 die im Befreiungskrieg gegen Napoleon siegreichen preußischen Truppen in Paris einzogen. Den Prachtbau mit der Hausnummer 2 schenkte Preußenkönig Friedrich Wilhelm III. im Jahr darauf seinem Feldherren Gebhard Leberecht von Blücher, dem "Marschall Vorwärts", der die Schlacht gegen Napoleon bei Waterloo zu Gunsten der Alliierten gewendet hatte. Bald wurde das Palais Blücher zu einem Mittelpunkt des gesellschaftlichen Lebens in Berlin. Bis 1922 blieb das Haus in Familienbesitz, bevor es der betagte Enkel des Generalfeldmarschalls an einen lettisch-amerikanischen Bankier namens Zimding verkaufte.
Von diesem Herrn erwarben die Vereinigten Staaten acht Jahre später das Juwel im Zentrum der deutschen Hauptstadt für 1,8 Millionen Dollar, um darin ihre diplomatische Vertretung einzurichten. Voller Besitzerstolz vermeldete die "New York Times" zu Weihnachten 1930: "Das Palais Blücher wird nach Abschluss des Innenumbaus in ungefähr eineinhalb Jahren die neue Heimat der amerikanischen Botschaft in Berlin und Gegenstand des Neides des gesamten diplomatischen Corps und zweifelsohne das eindruckvollste und schönste Quartier eines Botschafters in der deutschen Hauptstadt sein.“
Denkzettel für Hitler
Doch nur vier Monate später war der Traum erst einmal aus, bevor er richtig begonnen hatte. Am 15. April 1931 fing das Palais Blücher Feuer und brannte aus. Zunächst wollte die US-Regierung das Gebäude wieder instand setzen lassen - doch dann drehte sich der Wind. Denn mit der Machtübernahme Hitlers wurden Pariser Platz und Brandenburger Tor zu einem Hauptschauplatz nationalsozialistischer Aufmärsche und Feierlichkeiten. Hakenkreuzfahnen und "Heil" grölende SA-Horden bestimmten die Atmosphäre auf dem Platz. US-Botschafter William E. Dodd, ein ausgewiesener Deutschlandkenner, den Präsident Franklin D. Roosevelt 1933 nach Berlin geschickt hatte, sprach sich gegen den Wiederaufbau aus und für den Verbleib in der weiter abgelegenen Bendlerstraße 39 - er wollte damit auch dem auf internationale Anerkennung erpichten Hitler einen symbolischen Denkzettel verpassen.
Doch Hitlers Wahn, Berlin als Welthauptstadt "Germania" neu zu erfinden, machte dieser Protesthaltung 1938 einen Strich durch die Rechnung. Angesichts der Umbaupläne - die unter anderem eine Räumung des Tiergartens vorsahen - blieb Dodds Nachfolger Hugh Robert Wilson nichts anderes übrig, als die Botschaft in der Bendlerstraße aufzugeben und doch das Palais Blücher herrichten zu lassen. Am 1. April 1939, neun Jahre nachdem Kauf, zogen die Amerikaner dort ein - allerdings ohne offiziellen Botschafter: Präsident Roosevelt hatte seinen Vertreter nach dem Pogrom vom 9. November 1938, euphemistisch "Reichskristallnacht" genannt, aus Berlin abberufen.
Dann brach Deutschland am 1. September 1939 einen Krieg mit Polen, Frankreich und Großbritannien vom Zaun. Die in Berlin verbliebenen Diplomaten der - noch neutralen - Vereinigten Staaten versahen das Dach der Botschaft mit den groß gemalten Buchstaben "USA", um das Gebäude vor Luftangriffen zu schützen. Doch dann erklärte am 11. Dezember 1941 das Deutsche Reich den USA den Krieg. Das Botschaftspersonal wurde in Bad Nauheim interniert, das Gebäude geschlossen und vom Botschafter der neutralen Schweiz treuhänderisch unterstellt.
Zuckerbäckerpalast gegen Bürozweckbau
1945 lag das einst so glamouröse Palais - nur einen Steinwurf von Hitlers Neuer Reichskanzlei mit dem bis zum letzten Kriegstag schwer umkämpften "Führerbunker" gelegen - einmal mehr zu weiten Teilen in Trümmern. Die DDR-Führung ließ das direkt an der Sektorengrenze zu West-Berlin gelegene Gebäude 1957 vollständig abreißen. Nun waren es die neuen Machthaber, die der "imperialistischen" Supermacht USA kein allzu repräsentatives Domizil in der "Hauptstadt der DDR" gönnen wollten - während der sowjetische Botschafter in einem Riesenpalast im stalinistischen Zuckerbäckerstil Unter den Linden residierte, lag die US-Botschaft abseits in einer Seitenstraße, untergebracht in einem nüchternen DDR-Zweckbau.
Nach dem Ende des Arbeiter- und Bauernstaates 1990 entstand der Pariser Platz nach und nach neu, zum großen Teil in historisierendem Stil - nur das Grundstück des Blücher-Palais blieb eine Brache, einer Wunde im Gesicht des Platzes gleich. Zwar entschlossen sich die Vereinigten Staaten bald nach der Wiedervereinigung, hier einen Neubau in Angriff zu nehmen. Bereits 1993 verkündete dort eine Tafel, dies sei „der einstige und zukünftige Sitz der Amerikanischen Botschaft“.
Doch ein verheerendes Attentat auf die US-Botschaft in Kenia 1998 und dann die Terroranschläge vom 11. September 2001 verzögerten das Bauprojekt um mehrere Jahre - die Sicherheitsaspekte wurden komplett neu durchdacht. Nun ist es soweit. Vor einem Monat bereits begann der Umzug die paar hundert Meter von der alten Adresse in der Neustädtischen Kirchstrasse 4-5 zurück an den Pariser Platz 2. Nun sind die letzten Aktenschränke gefüllt, die Computer angeschlossen und die Büroräume dekoriert.
Ein Kreis schließt sich, und es kann gefeiert werden.
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