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1970

Historische Tapeten

Wahnsinn an der Wand


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Viele Kühe machen Mühe: Diese Tapete mit Kuh-Motiv im New Yorker Museum of Modern Art stammt von Andy Warhol. Zeit seines Lebens war der Künstler von der Idee des Kopierens und der konsequenten Abfolge fasziniert - wie man sieht.

Schrill, schräg, schauderhaft: Dem modernen Mensch graust vor gemusterten Tapeten. Dabei waren wilde Muster an den heimischen Wänden bis zur Raufaser-Revolution der achtziger Jahre ein Statussymbol - allerdings konnten Blümchentapeten auch mal tödlich sein. Von Alice Kohli


Im Fieberwahn starb Oscar Wilde am 30. November 1900 in Paris - unterlegen im Duell mit der Tapete seines schäbigen Hotelzimmers. "Entweder sie geht oder ich gehe", soll der in ästhetischen Fragen sehr empfindsame Dichter ausgerufen haben. Die Tapete gewann den ungleichen Kampf - Wilde ruht seither im gnädigen Dunkel auf dem Pariser Friedhof Père Lachaise.

Mit schrillen Rauten verzierte, von grellen Blumen berankte oder durch psychedelische Blasenmuster verunstaltete Wände trieben auch später noch Menschen in den Wahnsinn, und nicht nur Feingeister. Die Ornamentik-Orgien und Farbfeuerwerke auf den Tapeten der siebziger Jahre lassen jene Zeit im Nachhinein wie einen einzigen kollektiven Drogentrip erscheinen, bei dem vom Hersteller über den Inneneinrichter bis hin zum Tapezierer auf der Leiter sämtliche Beteiligten auf Amphetamin gewesen zu sein scheinen.

Heute sorgen solche an die Wand gekleisterten Exzesse in Retro-Bars hier und da wieder für kalkulierte Gruselästhetik. Mit wohligem Schauer kann sich der geneigte Gast am schrillen Schick von der Rolle reiben, im beruhigenden Bewusstsein, dass er die Skurrilitäten vergangener Tage hier in vollen Zügen genießen darf, um sich dann alsbald daheim vor der eigenen mattweißen Raufasertapete visuell zu entspannen. Psychologen und Innendekorateure sind sich weitgehend einig: Die globalisierte Internetwelt ist zu hektisch für gemusterte Wände. Der moderne Mensch sucht zu Hause vor allem Ruhe - und tut daher gut daran, sein Heim in dezenten Farben zu halten.

Tapeten für alle!

Im 17. Jahrhundert beklagte sich noch niemand über optische Reizüberflutung - im Gegenteil. Alle Farben, alle Formen waren erlaubt, die Prunksäle der Adelspaläste sahen aus wie aufgeblasene Schmuckschatullen. Wer es sich leisten konnte, ließ seine Wände mit lackierten Tapeten aus Leder verkleiden, die den Raum mit einem goldenen Schimmer ausfüllten. Die Aufwändig herzustellenden Goldledertapeten waren das Statussymbol schlechthin und selbst für manchen hohen Herren unerschwinglich.

So versuchten die weniger Betuchten, mit Stofftapeten in möglichst majestätischen Ausführungen zu glänzen - Brokat oder Damast etwa. Geld allein allerdings war gar nicht unbedingt die Frage. Im vorrevolutionären Frankreich etwa entschied die Obrigkeit darüber, wer sich eine Stofftapete zulegen durfte und wer nicht - selbst wenn er sie sich hätte leisten können. So gab es kein Halten mehr, als 1680 die ersten Papiertapeten in den Läden von Paris auftauchten. Begeistert stürzte sich das Bürgertum auf die bunten Bögen und beklebte die heimischen Wände mit Blütenträumen und exotischen Tierwelten.

Die neue Mode weckte schnell Begehrlichkeiten. England erhob ab 1694 eine Papiersteuer, um von der Tapetenkaufwut zu profitieren; von den Herstellern verlangte die Regierung eine Jahreslizenzgebühr. Und weil das immer noch nicht reichte, setzten findige Finanzminister 1712 noch eine Extrasteuer für bedrucktes, bemaltes oder gefärbtes Papier oben drauf. So wurde aus der gerade erst demokratisierten Wanddekoration nun wieder hochexklusive Ware. "Ich habe von den berühmten Papiertapeten gehört", schrieb 1749 die englische Schriftstellerin Mary Montagu aus Italien, "und davon, dass sie so teuer wie Damast sind." Goldleder und Brokat waren passé - nun lösten Papiertapeten bei der kaufkräftigen Klientel den Muss-ich-haben-Reflex aus.

Fototapeten avant la lettre

Der Vorteil der Papiertapete lag auf der Hand - sie war leicht zu handhaben und ließ sich beliebig mit Motiven versehen. Wem Blockstreifen, wilde Schnörkelorgien oder chinesische Vogelmotive nicht zusagten, konnte sich ohne viel Mühe den nächsten optischen Kick geben. Bald ließen sich Grafen und Barone ihre Salonwände mit riesenhaften Stadtansichten bekleben, Schlaf- und Anziehzimmer zierten mythologische Dramen und idyllische Flusslandschaften. Die besten dieser Panoramen waren Meisterleistungen der damaligen Druckkunst. Weil jedes Teilmotiv einzeln mit einem Holzmodel auf das Papier aufgebracht werden musste, für jeden Farbton einmal, waren diese Vorgänger der Fototapete extrem teuer - und außerordentlich exklusiv.

Schlichter gemusterte Papierbahnen dagegen waren für die Druckmaschinen bald kein Problem mehr. Am laufenden Meter spuckten sie die Bögen aus, Tapeten wurden wieder erschwinglich. Zudem kamen im Zuge der Industrialisierung immer mehr Menschen zu bürgerlichem Wohlstand - und auf die Idee, ihre Stuben mit gemusterten Wänden zu verschönern.

Allerdings schieden sich die Geschmäcker schon damals an den Zimmerwänden. "Die Farbe ist abscheulich genug, unseriös genug und ärgerlich genug, aber das Muster ist eine Folter", schrieb etwa in der Kurzgeschichte "Die gelbe Tapete" der amerikanischen Autorin Charlotte Perkins Gilman die Heldin in ihr Tagebuch. Im weiteren Verlauf der Geschichte steigert sich die Protagonistin dann in eine schwere Psychose - bis sie am Ende davon überzeugt ist, dass sich hinter der hässlichen gelben Schlafzimmertapete ihres Sommerhauses Menschen verstecken, die nachts um die Gemäuer herumschleichen. Wer schon mal lange ein Tapetenmuster angestarrt hat, kann ihre Gefühle leicht nachvollziehen.

Das Grün des Grauens

Mochten manche Tapeten sensible Gemüter geradezu um den Verstand bringen - andere setzten den Menschen ganz direkt zu. "Eigenthümliche Krankheitssymptome" stellte ein Augsburger Arzt 1860 bei einem Patienten fest. Der Kaufmann zeigte alle Anzeichen einer Arsenvergiftung, doch niemand konnte sich erklären, wie das Teufelszeug in seinen Körper geraten konnte - bis ein Chemiker die Wohnung des Kranken unter die Lupe nahm.

Fündig wurde er in der Schlafzimmertapete, genauer: in der Druckfarbe derselben. "Schweinfurter Grün" war damals eine besonders beliebte Tapetenfarbe, bekannt für ihre Lichtechtheit und Farbintensität - leider nur bestand sie aus einer Arsenverbindung. Der Giftstoff trat in die Umgebungsluft aus und gelangte so über die Atemwege in den Organismus der Bewohner. 1882 wurde der sehr spezielle Grünton als Malerfarbe verboten, das "Schweinfurter Grün" wurde zum Pflanzenschutzmittel umfunktioniert - seither vergiften Tapeten nur noch mit schrillen Farb- und Formkombinationen die Umgebung.



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insgesamt 7 Beiträge zur Debatte
Ferdinand Philipp Keuter am 13. September 2008, 13:10
Für diese Seite hätte ich, was die Muster angeht, vieles beizutragen. Da ich sie aber nicht mit der Überschrift in Verbindung bringen möchte, und den Hersteller...

Katja Pietrek am 9. September 2008, 09:38
"Das Highlight unserer Wohnung ist unsere Küche mit einer floralen Tapete, die richtig edel und alles andere als altmodisch aussieht. Vor unserem Einzug hätte ich...


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