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"Wie ein Phönix aus der Asche": Die Zukunft der Bundesrepublik - in der Fassung eines Hymnenautor von 1951.
Einst von eitlem Wahn betöret, liefst du fremden Götzen nach. Nun von Feindes Macht verheeret, traf dich wohlverdiente Schmach. Doch gesühnt ist, was verbrochen und gefrevelt war zuvor: Wie ein Phönix aus der Asche, neuverjüngt steig nun empor. (Bundeskanzlerin Angela Merkel und Christian Wulff auf einer Wahlkampfveranstaltung am 12. Januar 2008 in Braunschweig.) |
Nach ihrer Gründung stand die Bundesrepublik ohne offizielles Nationallied da. So griffen besorgte Deutsche zur Feder und schickten Selbstgedichtetes ans Kanzleramt. einestages erinnert an die heiße Debatte um eine neue Hymne - und präsentiert die schönsten Vorschläge aus dem Volk. Von Karin Seethaler
Das Jahr 1950 neigte sich dem Ende zu. Im Radio sprach Theodor Heuss, Präsident der noch jungen Bundesrepublik, über die vergangenen zwölf Monate: Wiederaufbau, Rechtsreformen, Sozialprodukt. Erst am Schluss kam der Knalleffekt: "In der Presse lasen Sie, der Bundespräsident werde heute eine neue Nationalhymne anordnen", hob Heuss an. Und mit sonorer Stimme las er vor, wie diese "Hymne an Deutschland" aussehen sollte: "Land des Glaubens, deutsches Land, Land der Väter und der Erben, uns im Leben und im Sterben Haus und Herberg, Trost und Pfand." Danach intonierte ein Knabenchor die Komposition.
"Tief bewegend", fand Theodor Heuss diese Zeilen, die er selbst einige Monat zuvor bei dem Bremer Dichter Rudolf Alexander Schröder, Autor von Gedichtbänden wie "Elysium" und "Heilig Vaterland", in Auftrag gegeben hatte. Doch damit war er ziemlich allein. Die Mehrheit der Deutschen hatte gar keine Lust auf eine neue Hymne und wäre am liebsten bei dem 1841 von Fallersleben verfassten "Deutschlandlied" geblieben. Das schien jedoch kaum möglich. Vor allem dessen erste Strophe, die mit der Zeile "Deutschland, Deutschland, über alles" begann, erinnerte Anfang der Fünfziger nicht nur die Alliierten zu sehr an den nationalsozialistischen Größenwahn.
Also wurde improvisiert. Zu offiziellen Anlässen erklangen in den ersten Jahren der Bundesrepublik abwechselnd Beethovens "Ode an die Freude", das Studentenlied "Ich habe mich ergeben, mit Herz und Hand" oder auch "Wir sind die Eingeborenen von Trizonesien". Mit dem Kölner Karnevalslied hatte der gelernte Bäcker Karl Berbuer 1949 einen bundesweiten Überraschungserfolg gelandet. Nur konnten Zeilen wie "Wir sind zwar keine Menschenfresser / doch wir küssen um so besser" die fehlende Nationalhymne auf Dauer natürlich nicht ersetzen.
Spätestens als ein peinlich berührter Konrad Adenauer bei einem Staatsbesuch in Chicago mit dem Schlager "Heidewitzka, Herr Kapitän" begrüßt wurde, war klar, dass es so nicht weitergehen konnte - dennoch sollte es bis zu einer Einigung im Hymnenstreit noch zwei Jahre dauern.
Ein Volk, viele Stimmen
Zwei Jahre, in denen sich nicht nur Politiker und Staatsmänner den Kopf darüber zerbrachen, wie man Deutschland künftig besingen sollte. Auch viele Bürger beteiligten sich an der Debatte und bewiesen dabei einen erstaunlichen Elan. Den Nachweis dafür fand kürzlich der Historiker Clemens Escher im Bundesarchiv in Koblenz. Der Wissenschaftler stieß dort auf ganze Stapel von Briefen, die wohlmeinende bundesdeutsche Bürger an ihre Regierung in Bonn geschickt hatten, Betreff: Text- und Melodievorschläge für eine neue deutsche Nationalhymne.
"Eigentlich dürfte es diese Dokumente gar nicht mehr geben", wundert sich Clemens Escher über die Entdeckung, die ihm in Koblenz unverhofft in den Schoß fiel. Warum die Unterlagen überhaupt aufgehoben wurden, sei unklar. Bürgerbriefe stünden sonst ganz unten in der bürokratischen Hierarchie. "Vielleicht, weil es sich bei der Nationalhymne auch ein bisschen um ein staatstragendes Thema handelt", mutmaßt der Historiker.
Insgesamt 212 Einsendungen wertete Escher aus. Die erste wurde bereits 1949, die letzte 1952 verfasst. Wechselweise waren sie an Konrad Adenauer, Theodor Heuss oder ans Bundesinnenministerium adressiert. Bei den Absendern - vor allem Männer - handelte es sich großteils um Befürworter des Deutschlandliedes, die an der alten Hymne von Fallersleben hingen und die "schönen Klänge" auch in Zukunft nicht missen wollten.
"Andere Nationalhymnen sind auch keine Schlager"
So fragte etwa im April 1951 ein traditionsbewusster Bürger das Bundeskanzleramt: "Warum überhaupt eine neue Melodie? Mit der Deutschlandlied-Melodie hat das deutsche Volk Freud und Leid durchlebt. Die Melodie ist eisernes deutsches Volksgut geworden und wird es bleiben. Sie gehört zum deutschen Volk, zur deutschen Eiche wie 'Stille Nacht, Heilige Nacht' zur Christenheit."
Ähnlich sah das ein Architekt aus Norddeutschland: "Als Grund gegen das Deutschlandlied wird angegeben, es sei veraltet", wandte er sich direkt an den Bundespräsidenten, "betrachten Sie bitte die Texte anderer Nationalhymnen, die auch keine Schlager sind. Niemand nimmt an ihnen Anstoß, am wenigsten wir Deutschen."
Den alten Fallersleben-Text unverändert übernehmen wollte trotzdem kaum jemand. Viele der Briefeschreiber waren jedoch der Ansicht, es genüge, die erste Strophe geringfügig abzuändern, um den anstößigen Text glatt zu bügeln. Eifrig boten sie Verbesserungsvorschläge an: Statt "Deutschland, Deutschland, über alles" könne man doch singen "Frieden, Freiheit, über alles". Auch Variationen wie "Deutschland geht mir über alles" oder "Deutschland, Deutschland, Land der Ahnen" wurden zur Diskussion gestellt.
Der Vorschlag, der am weitaus häufigsten auftauchte, lautete: "Deutschland, Deutschland, du mein alles". Er wurde so oft eingesandt, dass man in den Behörden offenbar schon die Geduld verlor. "Alte Jacke", kommentierte ein Beamter die Zeile mit Rotstift auf einem der Briefe.
Von Gott und Germanen
Andere sahen ein, dass es mit solch kosmetischen Korrekturen wohl nicht getan sein würde, und beschlossen, die Sache selbst in die Hand zu nehmen. Von der Muse geküsst, griffen sie zur Feder und brachten eigene Textvorschläge zu Papier. Die Themen, die sie darin aufgriffen, umfassten ein breites Spektrum: Vom Herrgott bis zu den deutschen Eichenwäldern und den alten Germanen wurde alles beschworen, worin man deutsche Tradition und deutsche Werte zu erkennen glaubte. So dichtete etwa ein Herr aus dem Badischen im Jahr 1950:
Deutschland, Deutschland, unser Alles,
Schutz und Hort auf dieser Welt.
Meh're tausend Jahre bist du alt
und die Zeit hat dich gestählt;
Von der Römerschaft bis zur Hermannschlacht
und dem weiteren Gedeih.
Deutschland, Deutschland, unser Alles:
Sei und bleibe ewig frei!
"Dieser Rekurs auf die Germanen hat mich schon überrascht", erklärt Clemens Escher. Der Bezug auf die Hermannsschlacht, deren Heroismus auch die Nazis gern beschworen, wirke seltsam in dieser Zeit. Schließlich sollte damit ein Staat geehrt werden, der eine Neugründung war und sich an der westlichen Wertegemeinschaft orientierte. "Andererseits", so der Historiker, "ist es vielleicht doch nicht so überraschend, wenn man sich vor Augen hält, dass der Nationalsozialismus ja noch nicht so schrecklich lange her war."
Doch nicht alle Autoren gingen in der Geschichte zurück. Viele nahmen auch Bezug auf aktuelle Ereignisse und reflektierten in ihren Dichtungen die Situation Europas, das Kriegsende und die immer stärker spürbare Ost-West-Trennung. Unter diesem Eindruck verfasste ein offenbar beunruhigter Bürger eine Hymnenversion, die als direktes, ziemlich martialisches Echo auf den Kalten Krieg gelesen werden kann:
Wir wollen ein Tedeum singen
zu Deutschlands Ruhm und Deutschlands Ehr.
Die Freiheit müssen wir erzwingen
und wenn die Welt voll Teufel wär.
Den Kampfgeist wollen wir uns bewahren,
sind wir vom Osten her bedroht,
steht auf das Volk in hellen Scharen
getreu dem Eid bis in den Tod!
Mit Sausefaust gegen den Kommunismus
Am brachialsten drückte seine Gefühle jedoch ein Schreiber im September '51 aus. Für den Historiker Clemens Escher gehört der Text, gerade wegen seiner Schlichtheit, zu den bemerkenswertesten der Sammlung:
Deutschland, Deutschland, von Gefahren
und von Stürmen oft durchtobt,
von dem Lenker aller Welten
oft in Drang und Not erprobt.
Halt' dem Freund die deutsche Treue,
zeig' dem Feind die deutsche Faust,
die, wird sie herausgefordert,
wuchtig auf ihn niedersaust.
"Naja, zur Nationalhymne hat es halt nicht gereicht", meint Escher lachend. Ernsthaft in Erwägung gezogen wurde sowieso keiner der Textvorschläge. Die meisten wurden umgehend von der Bürokratie geschluckt. Man werde die Post gegebenenfalls prüfen, sollte es in der Sache zu Beratungen kommen, wurden die Absender formell-freundlich vertröstet. Doch es kam nie dazu.
Es war ein anderer Briefwechsel, der die Hymnenfrage schließlich löste: Im April 1952 wandte sich Kanzler Konrad Adenauer, von dem Hin und Her endgültig entnervt, an Bundespräsident Theodor Heuss und bat ihn im Namen der Regierung, das Deutschlandlied offiziell als Nationalhymne anzuerkennen. Inzwischen hätten ja auch die "innenpolitischen Vorbehalte" gegen den Text des Liedes "an Schärfe verloren". Adenauer spielte damit auf ein oft vorgebrachtes Argument der Fallersleben-Befürworter an: Dass dessen Worte schon in der Weimarer Republik zur Hymne bestimmt worden wären und mit nationalsozialistischem Gedankengut gar nichts zu tun hätten. Um sicher zu gehen, schlug der Kanzler vor, sei bei offiziellen Anlässen künftig nur die dritte, unbelastete Strophe zu singen.
Widerstrebend und immer noch enttäuscht von dem Misserfolg seines eigenen Hymnenvorschlags, willigte Heuss ein und erkannte Text und Melodie des Deutschlandliedes als "Tatbestand" an. "Ich habe den Traditionalismus und sein Beharrungsbedürfnis unterschätzt", gab er sich in seinem Antwortschreiben an Adenauer geschlagen. Die beharrungsbedürftigen Bürger selbst schienen zufrieden. Sie stellten die Einsendung eigener Hymnenvorschläge ein.
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