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1962

Fluchthelfer-Drama Das Rätsel des unbekannten Stasi-Helden


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Boris Franzke
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Im Kriechgang: Ein Seil und eine Taschenlampe waren die einzigen Hilfsmittel, die den Tunnelgräbern zur Orientierung dienten. Über 70 Meter weit gruben sie sich von Zehlendorf aus in Richtung Kleinmachnow. Die Aufnahme zeigt den Fluchthelfer Wolfgang Z., von seinen Kumpanen "Bibi" genannt, im Tunnel.

Mit einer vorbereiteten Sprenglandung wollte die Stasi 1962 in Berlin einen Fluchttunnel zerstören - Fluchthelfer inklusive. Doch die Detonation blieb aus, der Sprengsatz war manipuliert worden. Von wem, fand die Stasi nie heraus. Nun sucht einer der Fluchthelfer aus dem Westen den Helden aus dem Osten. Von Solveig Grothe


2. Teil: Die Luft wird knapp

Die fünf im Tunnel arbeiteten derweil nur noch am Tage. Knapp 20 Meter vor dem Ziel fürchteten sie, Grenzsoldaten könnten sie sonst hören. "Wir haben uns nur im Flüsterton unterhalten", erinnert sich Boris Franzke. Die Anstrengungen setzten ihnen zu, vorn im Tunnel war es stickig, der Sauerstoff knapp. Sie hofften, es bald geschafft zu haben.

Von ihrer Hütte aus konnten sie durch einen Spalt das angepeilte Haus beobachten. Zu bestimmten Zeiten, so hatte es ihnen Bodo P. erklärt, würde da drüben jemand auftauchen, der ein Fenster putzt oder im Vorgarten harkt - das sei ihr Zeichen. Solange diese Zeichen von der Ostseite kämen, sei dort drüben alles in Ordnung.

Im Tunnel selbst hatten sich unerwartete Schwierigkeiten ergeben: "Eigentlich hätten wir schon längst an der Grundmauer dran sein müssen, aber wir hatten uns wohl etwas verkalkuliert."

Noch acht Meter!

Richard Sch. harrte währenddessen mit seinen Kollegen und dem Zünder im Garten von Haus Nr. 29 aus. Sie warteten auf die Tunnelgräber. Als sich bis 4 Uhr nichts ereignete, rollte er das Kabel auf, vergrub es am Sprengloch und fuhr zurück nach Berlin. Um 18 Uhr sollte er wieder in Kleinmachnow sein.

Boris, Eduard und die anderen kamen nur langsam voran. Zu langsam. "Dann haben wir entschieden, nach oben durchzubrechen. Zum einen würden wir dann sehen, wo wir uns befanden. Zum anderen hätten wir dann ein Luftloch und könnten besser graben."

Es war Nacht, als einer von ihnen den Kopf aus der Öffnung steckte: noch mindestens acht Meter bis zur Grundmauer! Sie bedeckten das Loch mit Zweigen und gruben weiter. Ab dem 11. November, so hatte Bodo P. ihnen gesagt, würden sich die Leute für die Flucht bereithalten. Den 14. November hatte er ihnen als letztmöglichen Termin gesetzt. "Wir konnten es nicht mehr aufschieben." Die Zeit lief ihnen davon.

Einer muss raus

Auch in der Nacht zum 14. passierte nichts - Sprengmeister Sch. rollte sein Kabel erneut ein. Gegen Abend war er zurück in Kleinmachnow - und erfuhr, dass die Genossen die Stelle, von der aus die Ladung gezündet werden sollte, vom Garten ins Haus verlegt hatten. Wieder wurde das Kabel über die Straße geführt. Das Ende reichte Sch. seinem Kollegen durch das Kellerfenster.

Inzwischen war es 20 Uhr. Sch. stand nun selbst am Kellerfenster, als ihn der Kollege auf zwei Jugendliche aufmerksam machte, die auf der Straße Wolfswerder, genau zwischen Nr. 32 und 34, standen: ein 17-jähriges Mädchen aus Nr. 32 und ein Junge aus der gleichen Straße. "Wenn die beiden nicht verschwinden, können wir nicht sprengen", flüsterte der Kollege. Keine zwölf Meter war das Paar von der Ladung entfernt.

Die Zeit war abgelaufen. Noch immer hatten die Tunnelgräber die Grundmauer nicht erreicht, ihnen blieb keine Wahl: Einer von ihnen musste raus und den Flüchtlingen im Haus sagen, dass der Einstieg im Vorgarten lag. Aber wer? "Mein Bruder wollte rausgehen", erinnert sich Boris Franzke, "aber ich hatte Angst um ihn und wollte stattdessen lieber selber gehen. Doch er meinte, 'das kommt nicht in Frage'. 'Okay, dann geh ich', sagte Harry Seidel. Und dann ist er gegangen."

"Zünden!"

Ungefähr drei Meter waren es bis zur Oberfläche. Nachdem Seidel rausgekrochen war, stieg Boris auf die Schultern eines Freundes. Er konnte sehen, dass es noch gut zwei Meter waren bis zum Haus - und wie Harry im Dunkeln um die Hausecke verschwand.

"Zünden!" Sch. hatte das Kommando gehört, doch er zögerte - der Junge und das Mädchen standen noch immer auf der Straße. "Das Liebespärchen!", rief er seinem Vorgesetzten zu. "Ich weiß!", antwortete der, "zünden!" Der Sprengmeister führte den Befehl aus. Doch nichts passierte.

Unten im Tunnel warteten sie auf Harrys Rückkehr. Auf einmal waren draußen Schritte zu hören. "Boris, Bibi, kommt mal raus, wir müssen noch einen Kranken transportieren", hörten sie jemanden rufen. Harry? Ein Lichtkegel fiel in den Schacht. "Mensch, das sind Vopos", flüsterte Eduard und riss seinen Bruder zurück. So schnell sie konnten, krochen die vier in den Westen.

Es war bereits nach 22 Uhr, als Sch. die Erlaubnis erhielt, die Sprengladung zu prüfen. Er nahm das Kabel in die Hand, ließ es durch die Finger gleiten. Als er auf der gegenüberliegenden Straßenseite vor Nr. 32 ankam, schnellte ihm das Kabelende entgegen.

Sabotage!

Den Franzkes war klar, dass ihr Tunnel verraten worden war. Von wem, das fanden sie nie heraus. Den Fluchthelfer Harry Seidel verurteilte die DDR-Justiz am 29. Dezember 1962 in einem Schauprozess zu lebenslanger Haft, 1966 konnte er von der Bundesrepublik freigekauft werden.

Von der Sprengfalle allerdings sollten die West-Berliner Tunnelbauer erst knapp 50 Jahre später erfahren. Boris Franzke ist fassungslos: "Wir befanden uns doch mit Ostdeutschland nicht im Krieg. Wenn man es so sieht, war das versuchter vierfacher Mord!"

Erst recht aber sollte niemand erfahren, was sich in den Tagen und Wochen nach dem Vorfall bei der Staatssicherheit abspielte. Die Technische Untersuchungsstelle des MfS stellte fest, dass das Kabel mit einem verhältnismäßig stumpfen Messer oder einem ähnlichem Gegenstand zerschnitten worden war. Es war also nicht gerissen oder etwa beim Vergraben mit einem Spaten durchtrennt worden.

Da das Sperrgebiet nicht frei zugänglich war, blieb der Kreis der Verdächtigen überschaubar. Wie die Buchautoren Dietmar Arnold, Sven Felix Kellerhoff und Burkhart Veigel herausfanden, ermittelte die Stasi mit Hochdruck in den eigenen Reihen. Die an der Operation beteiligten Genossen und NVA-Soldaten mussten handschriftlich Bericht erstatten und wurden verhört, so auch Sprengmeister Richard Sch. Zu einem Ergebnis führte die Untersuchung nach den bislang bekannten Akten offenbar nicht. Die Autoren kommen aber zu dem Schluss, dass "einer der anwesenden Stasi-Leute die Sprengung sabotiert haben muss".

"Das ist für mich ein absoluter Held", sagt Boris Franzke. Dass ein Stasi-Mann oder ein NVA-Soldat eine Sprengung verhindert, "weil er das mit seinem Gewissen nicht vereinbaren kann" und dabei selbst eine riesige Gefahr für sein Leib und Leben eingehe, da er dabei beobachtet werden könnte - "das ist eine einmalige Sache. Ich hoffe, dass er vielleicht später irgendjemandem davon erzählt hat, denn ich würde ihn gern finden, um ihm zu danken. Er hat uns vieren, die wir noch im Tunnel waren, das Leben gerettet!"


Können Sie Boris Franzke helfen, seinen Retter zu finden? Kennen Sie den Fall oder Personen, die daran beteiligt waren? Haben Sie Hinweise, wer die Sprengung verhindert haben könnte? Dann schreiben Sie uns eine E-Mail oder diskutieren Sie mit anderen Lesern in der Debatte!


1. Teil: Durchbruch nach Kleichmachnow
2. Teil: Die Luft wird knapp



Zum Weiterlesen:

Dietmar Arnold, Sven Felix Kellerhoff: "Die Fluchttunnel von Berlin", Propyläen Verlag, Berlin 2008, 288 Seiten.

Burkhart Veigel: "Wege durch die Mauer - Fluchthilfe und Stasi zwischen Ost und West", Edition Berliner Unterwelten, Berlin 2011, 431 Seiten.



Debatte

insgesamt 8 Beiträge zur Debatte
Deter Roosu am 17. Mai 2012, 22:50
Lieber Mitforist Manfred Haferburg:

Ich traf 1967 in Schweden mehr oder minder per Zufall einen SS-Mann, der dem dänischen Vater einer schwedischen Bekannten unter Einsatz...

Boris Franzke am 27. März 2012, 17:24
Das Rätsel des unbekannten Stasi-Helden ist ein Zeitzeugenbericht aus der Zeit des Kalten Krieges. Das heißt, Westdeutschland bzw. Westberlin befand sich mit der...


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