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1861

150 Jahre Telefon Bei Anruf ausgelacht


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"Das Pferd frisst keinen Gurkensalat": Um diesen merkwürdigen Satz ranken sich heute Legenden. Er fiel nicht, wie vielfach geschrieben, als Reis am 26. Oktober 1861 sein Telefon offiziell in Frankfurt präsentierte. Und es war auch nicht Reis selbst, der ihn sagte.

Stattdessen stammt der Ausspruch schon aus dem Jahr 1860, als Reis einigen interessierten Laien sein Telefon vorführen wollte. Die Zuschauer waren misstrauisch und verlangten von Reis' Assistenten Philipp Schmidt, möglichst sinnfreie Sätze in den Apparat zu sprechen, die Reis dann am anderen Ende der Leitung wiederholen sollte. Damit wollte das Publikum sichergehen, dass sich die beiden Männer nicht vorher abgesprochen hatten. Also sagte Schmidt: "Das Pferd frisst keinen Gurkensalat" - und entlarvte damit die Schwäche der neuen Technik. Denn Reis verstand lediglich: "Das Pferd frisst."

Johann Philipp Reis mit einem Telefon in der Hand nach einer Radierung von J.D. Cooper, die anhand einer Fotografie mittels Selbstauslöser durch Reis im Jahre 1862 entstand.

So eine irrwitzige Konstruktion! Aus einer Geige, einer Stricknadel und der Blase eines Hasen bastelte der Deutsche Philipp Reis vor 150 Jahren das erste Telefon der Welt. Die Presse jubelte, doch die Wissenschaft belächelte den genialen Tüftler. Dann verdiente ein Schotte mit der Idee Millionen. Von Christoph Gunkel


Philipp Reis wusste um seine eigene Genialität. Und verzweifelte daran, dass seine Zeitgenossen sie einfach nicht erkennen wollten. Unheilbar an Tuberkulose erkrankt, zog er Anfang Januar 1874 ein bitteres Fazit seines Lebens. "Ich habe der Welt eine große Erfindung geschenkt", sagte er zu einem engen Freund auf dem Sterbebett, "anderen muss ich nun überlassen, sie weiterzuführen."

Wenige Tage später starb er, gerade einmal 40 Jahre alt. Jener rastlose Autodidakt, der unsere Kommunikation beschleunigt und revolutioniert hatte, vielleicht einer der kreativsten und ehrgeizigsten deutschen Tüftler überhaupt. Auf jeden Fall aber einer der am meisten in Vergessenheit geratenen. Wer kennt schon den Physik- und Chemielehrer Philipp Reis aus Gelnhausen? Dabei war er es, der am 26. Oktober 1861, vor 150 Jahren, in Frankfurt das erste funktionstüchtige Telefon der Welt vorgestellt hat.

In Erinnerung blieben eher die Schwächen seiner Erfindung, die Pannen bei der Sprachübermittlung - und ein unfreiwillig komisches, fast dadaistisch anmutendes Telefonat. Denn schon 1860, ein Jahr vor der offiziellen Präsentation vor Wissenschaftlern des Physikalischen Vereins in Frankfurt, hatte Reis seinen Apparat interessierten Laien vorgeführt.

Gaul mit Gurkensalatphobie

Der erste Telefondraht der Welt verlief damals aus der Scheune von Reis' Werkstatt direkt in sein Wohnhaus in Friedrichsdorf, 20 Kilometer nördlich von Frankfurt. Der Erfinder hatte für seine erste Präsentation seinen Schwager Philipp Schmidt als Assistenten engagiert. Der stand nun in der Scheune und sprach lange Sätze aus einem Sportbuch in einen hölzernen Nachbau eines Ohrs mit künstlichem Trommelfell, das aus der Blase eines Hasen bestand. Reis hielt sich am anderen Ende der Leitung eine Geige ans Ohr - ein überdimensionierter Telefonhörer mit großem Resonanzkörper - und wiederholte die Sätze seines Schwagers fehlerfrei. Antworten konnte er ihm jedoch nicht, die Kommunikation war mit seiner Apparatur nur in eine Richtung möglich.

Das Publikum staunte, aber war auch skeptisch. Konnte das wirklich wahr sein, dass Töne einfach so binnen Millisekunden in ein anderes Gebäude schwirrten? Vielleicht hatten sich die beiden ja abgesprochen und Reis das Buch einfach auswendig gelernt? Die Zuschauer verlangten, dass Reis' Schwager nun möglichst sinnfreie Sätze formulieren sollte. So entspann sich jener legendäre Wortwechsel, der heute fast berühmter ist als der Erfinder - und ihm womöglich langfristig geschadet hat.

"Das Pferd frisst keinen Gurkensalat", sprach Schmidt in das Holzohr. Und tatsächlich: Der Gaul mit Gurkensalatphobie brachte Reis am anderen Ende der Leitung ins Schwitzen. Diesmal hatte er nur die Hälfte verstanden und wiederholte: "Das Pferd frisst." Auch der nächste Versuch entlarvte die Schwächen der neuen Technik: "Die Sonne ist von Kupfer", sagte Schmidt. Bei Reis kam im Geigenkasten an: "Die Sonne ist von Zucker."

Das erste Live-Telefonkonzert

Die Panne dürfte Reis maßlos geärgert haben. Wann immer er Besuch in Friedrichsdorf hatte, zeigte Reis seinen Gästen stolz den aktuellen Telefon-Prototypen. Wenn der Apparat versagte, so schrieb ein Zeitgenosse, habe Reis die Schuld auf sein Publikum geschoben und schnippisch ausgerufen: "Sie sind ja auch halb taub!" Wenn jedoch alles gut ging, köpfte er eine Flasche Wein.

Am 26. Oktober 1861 hoffte Reis, das ihm endlich der Durchbruch gelingen würde. Denn an diesem Tag durfte er seinen Apparat den Mitgliedern des Physikalischen Vereins Frankfurt präsentieren, ein elitärer Zirkel, in dem er selbst Mitglied war. Damals gab es in Frankfurt keine Universität, so dass dieses Gremium die höchste wissenschaftliche Instanz der Region war, die etwa dem Stadtmagistrat Empfehlungen geben konnte, Erfindungen zu fördern. Es durfte also keine Pannen geben.

Und für Reis hätte es nicht besser laufen können: Er konnte Sätze und Musik aus dem Frankfurter Senckenbergmuseum in den Sitzungssaal des Physikalischen Vereins übertragen - gut "hörbar", wie ein Augenzeuge notierte. Dabei lagen beide Gebäude rund 90 Meter voneinander entfernt.

Am Ende des Experiments stimmte ein Bläser auf einem Horn die Melodie von "Muss i, muss i denn zum Städtele hinaus" an - und auch dieses erste Live-Telefonkonzert der Geschichte war erfolgreich. Zudem schlug Reis in seinem Vortrag ("Über die Fortpflanzung musikalischer Töne auf beliebige Entfernungen durch Vermittlung des galvanischen Stroms") noch einen sehr griffigen Namen für seine Erfindung vor: "Telephon". Ein Kunstwort, aus dem Griechischen zusammengesetzt, das "ferne Töne" bedeutet.

Das Zittern der Stricknadel

Der erfolgreiche Versuch war das Ende einer langen Tüftelei mit einer abenteuerlichen Versuchsanordnung. Reis konstruierte im Laufe der Zeit zehn verschiedene Prototypen, wobei das Grundprinzip stets dasselbe blieb: Er baute das menschliche Ohr aus Holz nach, imitierte dabei das Trommelfell durch dünne Häute - mal war es die Blase eines Hasen oder eines Störs, dann wieder ein Stück Schweinedarm. Der Hammer des menschlichen Ohres wurde durch einen Metallstift nachempfunden - fertig war der "Sender" des Telefons.

Verbunden war er mit dem "Empfänger" des Gerätes über einen Kupferdraht. Dieser war auf der Empfängerseite um eine Stricknadel gewickelt und befand sich in einem Resonanzkörper - anfangs war das einfach eine Geige. Sprach nun jemand in das Kunstohr, brachte der Schall die Membranhaut, an der ein Platinstreifen befestigt war, in Schwingungen. Das Platin drückte gegen den Metallstift, erst jetzt war der Stromkreis geschlossen. Der Strom wurde weitergeleitet, erreichte schließlich über den Kupferdraht die Stricknadel aus Eisen. Dort baute sich ein Magnetfeld auf, der die Stricknadel zum Zittern brachte - dabei entstanden zarte Töne, die schließlich über den Resonanzkörper hörbar wurden.

Das Entscheidende war das Prinzip, Töne über den schnellen Wechsel von sich öffnenden und schließenden Stromkreisen zu übertragen. Nur "einen Schritt weiter zur Vollendung", jubelte eine Frankfurter Lokalzeitung, "und in diesem Apparat feiert der menschliche Geist seinen höchsten Triumph".

Ignoranz der Mächtigen

Nur: Philipp Reis profitierte nicht von der Euphorie der Journalisten. Denn die Wissenschaftler waren sich einig, dass dieses Telefon nicht mehr war als eine nette, aber ziemlich unnütze Spielerei. Auch auf anderen Präsentationen verweigerten ihn Fachkollegen die ersehnte Anerkennung. Nicht einmal der russische Zar Alexander II. und der österreichische Kaiser Franz Joseph fanden Geschmack an dem Telefon, das ihnen persönlich präsentiert worden war. Reis' Zeitgenossen fehlte die Phantasie - sie wussten nicht, was sie mit der neuen Technik anfangen sollten.

Den Erfinder hat das zermürbt. Schon als Jugendlicher hatten ihn Telegrafenmasten fasziniert; daraus entstand sein Traum vom Telefon, der ihn jahrzehntelang nicht losließ. Er verfolgte ihn konsequent, obwohl der Sohn eines einfachen Bäckermeisters kaum Vorrausetzungen für eine wissenschaftliche Karriere mitbrachte.

Schon früh war er Waise geworden und sein Vormund zwang ihn, obwohl er in der Schule gut abschnitt, mit 14 Jahren eine kaufmännische Lehre bei einem Frankfurter Farbenhändler anzufangen. Dabei hätte Reis viel lieber einmal Mathe und Naturwissenschaften studiert. Umso erstaunlicher, wie schnell er sich in seiner Freizeit eigenhändig ein umfassendes Wissen in Physik und Mechanik aneignete.

Erfinder des Rollschuhs

Schon bevor er das Telefon erfand, hatte Reis unermüdlich an den absonderlichsten Maschinen gebastelt. So schraubte er kleine Metallräder unter die Kufen von Schlittschuhen - und erfand damit den Rollschuh. Er konstruierte einen Wassermesser, der automatisch den Wasserverbrauch registrierte. Oder er fuhr mit einem Dreirad, das über Hebel mit den Händen in Bewegung gesetzt werden konnte, von seinem Geburtsort Gelnhausen nach Frankfurt - immerhin rund 50 Kilometer. Schließlich wurde er ohne jegliche Ausbildung als Lehrer in einer teueren Privatschule in Friedrichsdorf angestellt - ausgestattet mit einem Sonderbudget für physikalische Experimente.

Als er dort seinen Schülern die Anatomie des menschlichen Ohrs veranschaulichen wollte und dazu ein Holzmodell baute, kam ihm die Idee zum Telefon. Es blieb bis zu seinem Tod seine große Leidenschaft. Mit fast schon missionarischem Eifer schickte er das ausgereifteste Modell, ein würfelförmiges Telefon von 1863, an Interessierte in aller Welt.

Das blieb nicht ohne Folgen: Am 14. Januar 1876, auf den Tag genau zwei Jahre nach dem Tod von Philipp Reis, meldete der schottische Immigrant Alexander Graham Bell in den USA ein Telefon zum Patent an. In einem legendären Wettrennen war er damit seinem Konkurrenten Elisha Gray zwei Stunden zuvorgekommen. Binnen weniger Jahre baute er sich ein Wirtschaftsimperium auf. Plötzlich eroberte das Telefon von den USA aus den europäischen und deutschen Markt.

Erst jetzt erinnerte man sich wieder an Philipp Reis. Weil sie keine Lizenzgebühren an Bells Imperium zahlen wollten, klagten nun etliche Firmen gegen Bells Patent - schließlich sei der eigentlich Erfinder des Telefons Philipp Reis. Auch wenn Bell zugab, die Konstruktion des Deutschen gekannt zu haben, blieben alle Prozesse erfolglos. Ein Grund: Reis hatte seine Erfindung nie patentieren lassen - weil es damals in Deutschland überhaupt kein Patentrecht gegeben hatte.

"Wir Esel", begann Unternehmer Werner von Siemens 1877 einen Brief an seinen Bruder. Auch wenn die deutschen Firmen sich erfolgreich weigerten, Lizenzgebühren an Bell zu zahlen, ärgerte den Firmenchef die fehlende Vision der Deutschen, die das Potential des Telefons lange nicht erkannt hatten - und so den Wissensvorsprung leichtfertig verspielten. Man habe, resümierte Siemens, das Telefon, dieses "Wunder des Verstehens", zwar bestaunt, "aber die Sache nicht verfolgt, auch dann nicht, als Reis es elektrisch zu machen versuchte".


Debatte

insgesamt 9 Beiträge zur Debatte
Leo Stern am 27. Oktober 2011, 10:47
Hallo Herr Frank, Meucci hatte Fernsprechapparate gebaut die auch im praktischen Einsatz waren, wenn auch nicht als Fernsprecher sondern als Hausinstallationen. Bells Arbeiten...

Markus Döring am 24. Oktober 2011, 16:42
@ Josef Nagler: "Die verschiedenen Spannungen wurden von zwei Wiederständen abgegriffen, die sich durch die Schreibewegungen der Hand am Mittelpunkt eines W-förmigen...


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