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1968

DDR-Bibelschmuggler "Kaltblütig, raffiniert, verschlagen"


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Gernot Friedrich
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Wehrhaft: Die Pokrowskaja-Türme dienten im Mittelalter zur Verteidigung der Stadt Pskow im Nordwesten Russlands. Gernot Friedrich erfuhr erst nach dem Zusammenbruch der DDR, wie akribisch und misstrauisch die Stasi all seine Reisen beobachte.

Heiße Ware Heilige Schrift: Jahrelang reiste ein DDR-Pfarrer illegal in die Sowjetunion und schmuggelte Bibeln ins Land. Für Gernot Friedrich war es ein Abenteuer, doch die Stasi hielt ihn für den Kopf eines gefährlichen Spionage-Netzwerks - und stellte ihm eine perfide Falle. Von Christoph Gunkel


Die Sprengsätze waren schwarz eingebunden und mit einem kleinen Kreuz versehen. Sie bestanden nur aus dünnem Papier und waren doch hochexplosiv, meint Pfarrer Gernot Friedrich. "Die Sowjetunion hat die Bibel gefürchtet wie die Bombe", sagt er und lächelt zufrieden. Denn Friedrich war es, der diese Bombe seit Ende der sechziger Jahre illegal aus der DDR in die Sowjetunion geschmuggelt hatte.

Zwei Jahrzehnte nach dem Ende der DDR sitzt der 74-Jährige in seiner Altbauwohnung in Gera, im Wohnzimmer steht eine metergroße Kerze, in einer Glasvitrine stapelt sich Meißner Porzellan, Sonnenstrahlen kämpfen sich durch die von Blumen umrankten Fenster. Mit seiner weichen Tenorstimme und dem milden Lächeln wirkt Friedrich so harmlos, wie ein Pfarrer nur wirken kann - doch der Aktenberg vor ihm auf dem Tisch belegt, dass die DDR das ganz anders sah.

3000 Seiten haben Stasi-Beamte im Laufe der Jahre insgesamt über ihn verfasst. Sie sahen in Friedrich einen Staatsfeind, einen Hetzer, einen Spion, der unter dem "Deckmantel der kirchlichen Missionsarbeit" heimlich brisante Informationen sammelte. Spitzel wurden auf ihn angesetzt und Pläne geschmiedet, ihn aus dem Verkehr zu ziehen. Notfalls mit einem Mord.

Kopf eines konspirativen Netzwerks?

Wahllos zieht Friedrich ein paar Blätter aus den acht dicken Aktenbänden. "Ach nee, die ganze Post an meine Mutti", sagt er und deutet auf Dutzende sorgfältig kopierte Postkarten. "Hier, ein detaillierter Grundriss meiner Wohnung in Jena. Und der hier, 'IM Romain', das war ein befreundeter Pfarrer, den die Stasi gezwungen hat, mich auszuhorchen."

Was für ein Aufwand wegen insgesamt 150 geschmuggelter Bibeln! Friedrich kann es heute noch nicht fassen. Er ist heilfroh, dass er damals unbekümmert und naiv genug war, um nicht einmal zu ahnen, wie nah er am Abgrund stand. Denn der Mann, den die Stasi für den führenden Kopf eines konspirativen christlichen Netzwerks hielt, war in Wahrheit ein ziemlich unpolitischer Mensch, der anfangs nur eines wollte: weit weg.


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"Es hat mich immer schon rausgetrieben", sagt er und erzählt seine Lieblingsanekdote aus frühester Kindheit. Weil er stets so weit weglief, habe ihm seine Mutter einen Ledergurt mit kleinen Glöckchen umgebunden. "So wusste sie stets, wo ich war." Eigentlich blieb es immer so. Als er in den sechziger Jahren begann, exzessiv zu reisen, war es die Stasi, die unbedingt wissen wollte, wo er sich gerade aufhielt.

Das Ticket in die Ferne

Für einen vom Fernweh Getriebenen wie Friedrich musste sich die DDR wie ein Gefängnis anfühlen. Erst fuhr er in die sozialistischen Nachbarstaaten, doch nach Dutzenden Aufenthalten wollte er wissen, wie es jenseits von Polen, Ungarn und Bulgarien aussah. Es blieb der große Bruder Sowjetunion.

Doch die DDR misstraute ihren Bürgen sogar bei Urlauben im Mutterland des Kommunismus. Wer in die Sowjetunion wollte, brauchte entweder eine offizielle Einladung oder musste sich einer genehmigten Gruppenreise anschließen. Friedrich aber wollte allein reisen.

Zufällig fand er ein Schlupfloch in der Bürokratie. Mehr aus Spaß hatte er sich 1968 auf die Ausreise in die Mongolei beworben - und prompt eine Genehmigung bekommen. "Ich war begeistert, fragte mich aber, wo der Pferdefuß war", erinnert er sich. Der Pfarrer fand ihn, als die mongolische Botschaft seinen Antrag auf Einreise ablehnte. Er versuchte es weiter östlich, diesmal mit China. Wieder dasselbe Spiel: Problemlos bekam er ein Transitvisum für China, nur eben keine Erlaubnis zur Einreise.

"Schon wieder zurück aus China?"

Resigniert wollte er wenigstens ausprobieren, was sein chinesisches Transitvisum wert war. Es brachte ihn bis an die polnisch-sowjetische Grenzstadt Brest. Die polnischen Kontrolleure ließen ihn passieren, doch auf der anderen Seite war Schluss. Die Sowjets schickten den Abenteurer postwendend zurück - sehr zum Vergnügen ihrer polnischen Kollegen. "Wie, schon zurück aus China?", spotteten sie.

Er gab dennoch nicht auf. Noch am selben Abend fuhr er ein zweites Mal zur Grenze, diesmal per Zug. Hier wurde laxer kontrolliert, Friedrich tat so, als ob er zu einer Reisegruppe gehörte. Dann war er durch.

Etwa 20-mal schaffte er es bis zur Wende in die Sowjetunion, meistens mit Variationen dieses Transit-Tricks, manchmal mit offiziellen Einladungen seiner neuen Freunde. Fernab der vorgeschriebenen Transitstrecke tauchte er mitunter wochenlang illegal unter. Er besuchte alle Hauptstädte der Sowjetrepubliken, durchwanderte den Kaukasus und fuhr bis ins ferne Wladiwostok. Schließlich gelang ihm sogar die Einreise in die Mongolei.

Hunger nach Religiosität

Das Wichtigste war, ein Gespür für die richtigen Freunde zu entwickeln. Friedrich sprach fließend Russisch, das half, und mit seinen dichten dunklen Haaren sah er eher aus wie ein Armenier. Vorsichtig lotete er aus, wer ihm aufrichtig helfen wollte, denn in staatlichen Hotels konnte er unmöglich übernachten, ohne aufzufliegen. Fast immer nahm ihn jemand auf. "Das Berührendste war, dass mir diese Menschen den Eindruck vermittelten, dass ich nicht nur Gast war, sondern ein Geschenk."

Irgendwie wollte der Pfarrer das zurückzahlen, und kam auf die Idee, dies mit Bibeln zu tun. Zufällig war er immer wieder auf deutschstämmige evangelische Gemeinden gestoßen. Nach Ausbruch des Zweiten Weltkrieges hatte Stalin die deutschstämmigen Siedler an der Wolga kurzerhand nach Sibirien deportiert. Auch wenn viele ihrer Gemeinden dort später offiziell zugelassen wurden, blieb den Kommunisten alles Religiöse suspekt. Es mangelte an allem, besonders an der Heiligen Schrift.

Friedrich spürte den Hunger der Menschen nach Religiosität. Er traf Christen, die versucht hatten, die Bibel nur aus dem Gedächtnis niederzuschreiben; andere kopierten sie mühsam per Hand. Die Geschenke aus der fernen DDR fanden "reißenden Absatz", erinnert sich der Bibelschmuggler.

"Kaltblütigkeit, Raffinesse und Verschlagenheit"

Bald versorgte er ein weitverzweigtes Netzwerk an Gemeinden mit Bibeln. Der Weg war immer derselbe: Gedruckt wurden die Bücher in London. Von dort kamen sie, "man fragte nicht wie", zum evangelischen Gustav-Adolf-Werk nach Leipzig. Friedrich nahm die Bücher an sich, fuhr mit ihnen nach Polen und übergab sie dort einem befreundeten Pfarrer. Wenn er dann Wochen später per Zug und Transitvisum in die Sowjetunion reiste, reichte ihm der Pfarrer kurz vor der Grenze einen Beutel mit den Büchern ins Zugfenster.

Meistens ging das gut. "Gegenüber Zollorganen, der Miliz oder staatlichen Stellen beweist er Kaltblütigkeit, Raffinesse und Verschlagenheit", heißt es fast anerkennend in Friedrichs Stasi-Akte. "So gelang es ihm fast immer, die Kontrollorgane zu täuschen." Nur zweimal wurden die Bücher vom russischen Zoll entdeckt. Einmal sah die Kontrolleurin aber bewusst über den Verstoß hinweg, das zweite Mal wurden die Bibeln konfisziert und demonstrativ neben beschlagnahmte Pornohefte gestellt.

Harmlos, jedenfalls im Vergleich zum Ärger, der sich zu Hause zusammenbraute. Der Stasi erschien allein die Reisewut des Pfarrers seltsam, aber seine Verbindung zum Gustav-Adolf-Werk (GAW) machte ihn vollends verdächtig. Denn hinter dem GAW vermutete die Stasi "ein umfangreiches System zur Nachrichten- und Informationssammlung" des Westens. Der angesetzte Spitzel müsse daher Friedrich unbedingt noch mehr umgarnen, hieß es in einem Schreiben vom 5. Juli 1971, um "in die konspirative Tätigkeit des GAW weiter einzudringen".

Unter Dauerbeobachtung

Unter dem Operativ-Vorgang "Lützen" dokumentierten die Beamten akribisch jeden Dia-Vortrag, den der Abenteurer über seine Reisen machte. Sie glaubten in Friedrich einen "äußerst geschickten Redner" zu erkennen, dem seine Zuhörer reihenweise auf den Leim gingen und der mit Mitteln der Ironie gezielt "Hetze" und "Antipathie gegen die Russen" schüre. "Sehr anpassungsfähig" sei der Herr Pfarrer auf seinen Reisen, so erschleiche er sich das Vertrauen der Menschen.

"Meine Güte", entfährt es Friedrich Jahrzehnte später in seiner Wohnung in Gera. "Wenn ich das lese, klingt es, also ob sie über einen ganz anderen Menschen geschrieben hätten."

Den Geheimdienstlern war der Pfarrer bald so suspekt, dass sie planten, ihn "gewissen Tests" zu unterziehen. Und so war da auch auf einmal dieser Dr. Simon, der 1980 ständig irgendwo auftauchte und Friedrich ansprach. Beim Spaziergehen im Wald. Vor dem Gesangsunterricht. In der Straßenbahn.

Isolieren, diffamieren, terrorisieren

Immer wollte der vorgebliche Dr. Simon Friedrich ein katholisches Gesangbuch überreichen, das Friedrich dann nach Nennung eines Codewortes einem Kontaktmann in Prag geben sollte. Einmal ließ er sich darauf ein, dann schöpfte er Verdacht.

"Wenn ich noch einmal darauf angesprungen wäre, hätten sie mich hinter Schloss und Riegel gekriegt", sagt Friedrich. Nach der Lektüre seiner Stasi-Akten weiß er, dass in den Einband des zweiten Gesangsbuchs ein Mikrofilm mit militärischen Informationen eingearbeitet worden war.

Nicht die einzige perfide Falle: Die Stasi hatte zudem erwogen, den unbequemen Pfarrer einer "falschen medizinischen Behandlung" auszusetzen und überlegte, wie sie ihn "physisch und psychisch fertig machen" könnte: Man müsse Friedrich in der Kirche isolieren und diffamieren, schlugen die Beamten vor, ihn mit Anrufen und anonymen Briefen terrorisieren, seine Verfolgungsangst stärken und ihn mit fingierten Überfällen einschüchtern.

Das Glück eines Weltenbummlers

So könnte auch der Autofahrer, der Friedrich in Jena einmal in einer völlig übersichtlichen Situation beinahe überfahren hatte, ein staatlicher Mörder gewesen sein. Ein Beleg dafür findet sich zwar nicht in den Akten, aber Friedrich stellte den auf ihn angesetzten "IM Romain" nach der Wende zur Rede - und der habe angedeutet, dass es solche Pläne gegeben habe.

Am Ende hatte der Thüringer wohl unfassbares Glück. Mehrmals wurde er in der Sowjetunion festgenommen, doch man konfiszierte nur seine Dia-Filme und verwies ihn des Landes. In der DDR wurde Friedrich stundenlang verhört und des Landesverrats beschuldigt, man entzog ihm zwischenzeitlich seinen Pass, was ihn am meisten traf, da er nun nicht mehr reisen durfte. Doch dabei blieb es, auch weil die Kirche für ihn intervenierte.

Längst ist der Ostblock zusammengebrochen, Friedrich kann jetzt offen von seinen Reisen erzählen, in seiner Küche hängen Dutzende Postkarten aus aller Welt. Jedes Jahr verreist er mindestens für drei Monate. 80 Länder hat er bisher gesehen, und noch immer nimmt er nur seine kleine Umhängetasche mit, in die er das Nötigste stopft - einst eine notwendige Tarnung, inzwischen eine liebgewonnene Gewohnheit.

Die Stasi war lange sein Gegner, heute ist es das Alter. Vor nichts fürchtet sich der 74-Jährige mehr, als irgendwann nicht mehr mobil zu sein. Bis jetzt sieht es nicht danach aus. In drei Wochen geht es wieder los, erst in die deutsche Gemeinde in Nowosibirsk, dann nach Kasan, Vietnam, Kamerun und Kroatien.

Zum Weiterlesen:
Gernot Friedrich: "Mit Kamera und Bibel durch die Sowjetunion". Verlag am Park, Berlin 1997, 191 Seiten.


Debatte

insgesamt 22 Beiträge zur Debatte
Stefan Wogawa am 21. Mai 2012, 10:22
Herr Roosu,
die Überwachung der Post aus der DDR in der Bundesrepublik, wie Sie sie auch erlebt haben, wird sehr detailliert dargestellt im Buch "Bedingt...

Siegfried Wittenburg am 19. Mai 2012, 10:02
Lieber Mitforist Roosu,

zu 1.: Meinen Sie nicht, dass aus heutiger Sicht das damalige Misstrauen eines, vielleicht damals noch unausgereiften demokratischen Staates, gegen eine...


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