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2012

Ex-Geheimlabor Okunoshima Die Insel der Versuchskaninchen


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Kaum wiederzuerkennen: Dieser heruntergekommene Aufgang war im Zweiten Weltkrieg ein japanischer Garten zur Erholung für Arbeiter und Militärangehörige.

Bis kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs produzierte Japan auf Okunoshima tausende Tonnen Giftgas. Das Projekt war so geheim, dass das Eiland von den Landkarten getilgt wurde. Heute verfallen die alten Anlagen - und die ehemaligen Versuchskaninchen haben die Insel zurückerobert. Von Florian Seidel


Reiko Okada ist 13 Jahre alt, als sie nach Okunoshima geschickt wird. Okada besucht die Mittelschule in Tadanoumi, mit der Fähre sind es knapp 20 Minuten bis zu der Insel, auf der sie fortan arbeiten muss. Wie hunderte andere Schüler ist auch Reiko Okada vom japanischen Militär zwangsverpflichtet worden. Es ist 1944, Japan ist im Krieg – und selbst die Jüngsten sollen ihren Beitrag leisten. Auf Okunoshima, einer Insel, die von den Landkarten geilgt worden war.

Seit 1929 nämlich steht dort eine der geheimsten Fabriken des Landes, in der Japan eine perfide Kriegswaffe produzieren lässt: Giftgas. Zwar hat das Kaiserreich vier Jahre zuvor das Genfer Protokoll unterzeichnet, das den Einsatz von biologischen und chemischen Waffen verbietet - nicht aber deren Entwicklung, Herstellung und Lagerung. Wenig später beginnt auf Okunoshima die Herstellung von Senfgas, Phosgen und Blausäure.

Das Projekt ist so geheim, dass Okunoshima von den offiziellen Landkarten getilgt wird. Schifffahrtsrouten werden geändert, Züge entlang der Küste dürfen nur mit verhangenen Fenstern fahren, um keinen Blick auf die Insel zuzulassen. Geiches gilt für Fähren, die in der Nähe der Insel verkehren. Eine bereits vorhandene und vom Festland aus sichtbare Fischkonservenfabrik wird zuerst Richtung Inselmitte mit einer Wasserentsalzungsanlage, Kühlanlagen und einem Kraftwerk ausgebaut und 1938 schließlich gesprengt. Die Anbauten bleiben stehen – und werden fortan für die Gasherstellung genutzt.


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Zum Dienst in der Fabrik herangezogen werden zunächst vor allem junge Männer und Frauen mit guten Noten in Naturwissenschaften. Doch 1944, im möglicherweise entscheidenden Kriegsjahr, wird jeder gebraucht. Unter unmenschlichen Bedingungen schuften Schüler wie Reiko Okada Seite an Seite mit koreanischen Zwangsarbeitern und Freiwilligen, die noch in den dreißiger Jahren mit guten Gehältern hierher gelockt worden waren.

Die Produktion läuft an modernen Geräten, allerdings ohne Rücksicht auf die meist jungen Arbeiter. Diese tragen zwar trotz Temperaturen von 40 Grad Celsius und atemberaubender Luftfeuchtigkeit Schutzkleidung, doch bieten die PVC-Anzüge nur wenig Schutz gegen die aggressiven Chemikalien, die sich regelmäßig durch den Kunststoff fressen und ihre Träger schwer verletzen.

Ärzte gibt es auf der Insel keine, eine Behandlung auf dem Festland ist aus Geheimhaltungsgründen ebenfalls verboten. Selbst in den Pausen droht Gefahr. So ist der Fall eines Mädchens dokumentiert, das nach dem Mittagessen eine Piniennadel als Zahnstocher verwendet, woraufhin ihr Zahnfleisch anschwillt und zu bluten beginnt. Trotz der grausamen Arbeitsbedingungen werden zwischen 1929 und 1944 insgesamt rund 6.600 Tonnen waffenfähiges Giftgas auf Okunoshima hergestellt und zwischengelagert.

Tierversuche an Kaninchen

Der Historiker Chi Hsueh-jen schätzt, dass das kaiserliche Japan zwischen 1937 und 1945 bei mehr als 2000 Einsätzen etwa 80.000 Chinesen tötete – wohl aus der Produktion auf Okunoshima. Tierversuche werden vornehmlich an Kaninchen durchgeführt, doch um das Gas an Menschen zu testen, arbeiten die Wissenschaftler auf Okunoshima mit der berüchtigten "Einheit 731" zusammen, die im besetzten China an biologischen Kampfstoffen forschte und Tausende politische Gefangene und Kleinkriminelle bei ihren Versuchen opferte.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs werden die verbliebenen Giftgasreste unter Anleitung des amerikanischen Militärs von japanischen Unternehmen verbrannt, vergraben oder im Meer versenkt; die Fabrikanlagen werden gesprengt oder von den Alliierten als Unterkünfte und Munitionsdepots genutzt. Seither verfallen sie.

Heute bevölkern keine Soldaten oder Zwangsarbeiter mehr die Insel, sondern Hunderte Kaninchen. Die Tiere sind die Attraktion auf Okunoshima und der Hauptgrund, warum etwa 100.000 Besucher jährlich auf die Insel kommen - unter anderem in ein Hotel, das außerdem mit Tennisplätzen, einem angeschlossenen Campingplatz und Sandstränden wirbt.

Bereits am Bahnhof von Tadanoumi wird man von Schildern mit Comic-Kaninchen begrüßt. Auf der Fähre zur Insel sieht man Besucher, deren Gepäck vor allem aus Kaninchenfutter besteht. Und wenn man schließlich über die Insel läuft, kommen sie auch schon angerannt, immer hungrig und ungewöhnlich zutraulich.

Über ihre Herkunft gibt es zwei Geschichten. Die eine besagt, dass Wehruntüchtige und Kriegsdienstverweigerer die Langohren, die bis 1945 als Versuchstiere hierher geschafft worden waren, töten sollten, als das japanische Militär abzog - sie aber stattdessen freiließen. Die andere besagt, dass die amerikanischen Besatzer sämtliche Versuchstiere töteten und die heutige Kaninchenpopulation einer japanischen Schulklasse zu verdanken ist, die 1972 ein Dutzend Tiere auf der Insel frei ließ, die sich mangels natürlicher Feinde vermehrten wie die Karnickel.

So oder so haben die Kaninchen die Insel nachhaltig verändert. Okunoshima, das man seit jeher mit Giftgas, Zwangsarbeit und Krieg verband, kennt man mittlerweile eher unter dem Namen Usagi-shima. "Kanincheninsel".

Mehr Bilder sowie Videos finden Sie auf Florian Seidels Blog "Abandoned Kansai".


Debatte

insgesamt 6 Beiträge zur Debatte
Florian Seidel am 14. September 2012, 06:23
Der erweiterte englischsprachige Artikel ist jetzt online:
http://abandonedkansai.wordpress.com/2012/09/14/okunoshima-the-rabbit-island/

Thomas Löwer am 11. September 2012, 15:46
Mag ja sein, daß Ihnen bekannt war, was die japanische Soldateska in China so angerichtet hat, C Brueckner.

Ich bin erst darauf aufmerksam geworden, daß da was gewesen...


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