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Ente gegen Elefanten: Der weitgefahrene Citroën 2 CV erregte in der Ferne, wie hier 1965 in Südthailand, viel Aufsehen, besonders sein Heck. Auf den Kofferraum war eine Weltkarte mit der Reiseroute der Weltenbummler lackiert. Um die Reichweite des Wagens zu erhöhen, hatten die Deutschen einen Zusatztank in den Kofferraum bauen lassen. Dafür wanderte das Reserverad, wie hier zu sehen, auf die eigens von Citroën georderte Sahara-Motorhaube.
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Ein halbes Leben in einem winzigen Auto: 1964 wollten zwei deutsche Musiker in einer Ente um die Welt. Nach 20 Jahren kehrte einer von ihnen zurück. Der Abenteurer Manfred Müller feierte in Amerika mit Franz Beckenbauer, wurde in Australien zum TV-Star - und entkam den Vietkong nur knapp. Von Christoph Gunkel
Für jeden anderen wäre es der blanke Horror gewesen. 12.000 Kilometer in einer 20 Jahre alten Ente durch ganz Afrika, vom Kap der Guten Hoffnung bis ans Mittelmeer. Unterwegs auf kaum befahrbaren Dschungelpisten, vorbei an Milizionären, die bestochen werden wollten. Schlaglöcher verzogen das Chassis der Ente, bis sie kaum noch zu lenken war, in der Wüste versanken ihre viel zu schmalen Reifen ständig im Sand.
Und der Fahrer? Manfred Müller, Rufname Manni, konnte zu diesem Zeitpunkt wegen der heftigen Nebenwirkungen eines Malariamittels vieles nur noch schemenhaft erkennen.
Dennoch war diese Reise für ihn kein Horrortrip. Sondern genau das, wovon er lange geträumt hatte. Denn immer wieder gab es diese ganz besonderen, menschlichen, skurrilen Begegnungen, die für alle Strapazen entschädigten. Auch jetzt wieder, im Frühjahr 1984, kurz vor der algerischen Grenze auf dem Weg zur Sahara-Oase Tamanrasset.
Man muss sich das vorstellen: Da trifft mitten in Afrika ein Mann mit einem urdeutschen Namen einen Franzosen und dessen vietnamesische Freundin. Er läuft zu seinem verstaubten Wagen, holt eine Gitarre von der Rückbank und singt für die Vietnamesin mit süßlicher Tenorstimme eines der bekanntesten Volkslieder ihrer Heimat, intoniert im besten Vietnamesisch. "Da ist die fast umgefallen", erinnert sich Manni Müller und lacht los.
Reisender Kulturbotschafter
Noch verblüffter ist die Vietnamesin, als sie das Heck der Ente entdeckt. Auf dem Kofferraum ist eine große Weltkarte lackiert, bunte Linien durchziehen Amerika, Afrika, Europa, Asien, auch Vietnam. Die Striche markieren Müllers Reiseroute. 19 Jahre ist der Deutsche damals schon unterwegs, und neben der Karte prangt die Aufschrift, die sein Leben in dieser Zeit in vier Worten zusammenfasst: "From Germany with music".
Ein singender Reisender auf Kulturmission: Von 1964 bis 1984 legte Manni Müller 350.000 Kilometer in seiner Ente zurück. Er durchquerte 83 Länder, schaffte den Sprung ins Guinnessbuch der Rekorde, doch viel wichtiger war ihm etwas anderes: "Ich wollte ein guter Gast sein und habe mich immer wie ein Vertreter meines Landes gefühlt", erzählt er. Musikalisch, weltoffen, humorvoll – und kein Hippie. "Die Schuhe waren geputzt, die Haare gepflegt."
Knapp 30 Jahre nach seiner Rückkehr lebt dieser inoffizielle Botschafter im Wohnhaus seines Vaters in Bremerhaven, einem Nachbau eines westfälischen Landhauses. Mit seinen roten Backsteintürmchen ist es so eigenwillig wie sein Bewohner. Manni Müller, inzwischen 72 Jahre, humpelt ein wenig, die lockigen, dichten Haare sind grau geworden. Gesundheitlich ging es ihm schon besser, auch die Rente ist wegen seiner langen Abwesenheit mager. Doch klagen will er nicht.
Abreise mit nur 164 Mark
Schließlich war diese Reise sein Lebenstraum. Und wenn er wie jetzt von seinen Abenteuern erzählt, dann hebt er die Arme, imitiert eine Gitarre, spitzt die Lippen und stimmt ein Lied an. Das weltberühmte Granada etwa, das schon Mario Lanza sang. Eine japanische Volksweise. Oder "Mein Bremerhaven", eine Ode an seinen Geburtsort, die er 1973 im fernen Venezuela komponierte.
Der Stadt hat er tatsächlich viel zu verdanken. Bremerhaven war Standort vieler musikverrückter US-Soldaten, deshalb konnte Müller Ende der fünfziger Jahre Gesangsunterricht bei einer Amerikanerin nehmen. Die verhalf ihm zu einem Auftritt im US-Musical "Brigadoon". Schließlich wurde er Sänger im deutsch-amerikanischen Quartett "The Northwinds", die Folksongs im Stile von Erfolgsbands wie "The Kingston Trio" nach Norddeutschland brachte. Später benannte sich die Gruppe um und sang auf Deutsch, besonders beliebt waren übersetzte Elvis-Nummern.
Ohne diese Erfahrungen hätte Müller es nie gewagt, sich 1964 zusammen mit seinem Freund Paul-Ernst Lührs, ebenfalls gesangsbegabt und reisewütig, einen Citroën 2 CV zu kaufen, um irgendwie die Welt zu umrunden. Mit nur 164 Mark in den Taschen. Doch, so hofften die Abenteurer, die Musik würde sie ernähren, ihnen Türen und Schlagbäume öffnen - und sie zur Not retten.
Ausgeraubt, pleite und glücklich
Danach sah es anfangs nicht aus. Schon einige österreichische Bergpässe konnte die 16-PS-Ente, liebevoll "Difty" getauft, nur rückwärts hochkriechen. Bereits in Jugoslawien war die Reisekasse so leer, dass das Kofferradio verscherbelt werden musste. Und in der Türkei wurden die Reisenden ausgeraubt: Geld, Papiere, Kamera und ein Gewehr waren weg.
Das erste große Erfolgserlebnis verdankten sie ausgerechnet einem Mercedes-Fahrer, der in den Bergen Aserbaidschans liegengeblieben war. Die Deutschen schleppten den Iraner ein Stück ab, der seine Retter im Gegenzug auf die Ländereien seines wohlhabenden Onkels Ibrahim einlud. Jetzt wurde ihre Musik zum Türöffner: Als sie aufspielten, schlug Ibrahim den verdutzten Bremerhavenern vor, sie könnten gerne für immer bleiben.
Doch die Gäste zogen weiter, angetrieben von den Abenteurern des Reisejournalisten Heinz Helfgen, der in den Fünfzigern per Rad um den Globus gefahren war. Dasselbe wollten sie wenigstens mit einer Ente schaffen. Zwei Jahre hatten sie gespart, um 4000 Mark für Difty zusammenzuhaben; einen bequemeren VW-Bulli hatten sie sich nicht leisten können.
Heiße Liebschaften
Difty fuhr und fuhr und fuhr, ausgestattet mit einem Zusatztank im Kofferraum, der die Reichweite auf mehr als tausend Kilometer erhöhte. Und je weiter die Reisenden sich von ihrer Heimat entfernten, umso herzlicher und ungläubiger wurden sie empfangen. Alle wollten plötzlich ihre Musik hören. "Wir merkten schnell, dass deutsche Lieder viel besser ankamen als amerikanische", erzählt Müller. Die Welt bestaunte damals die Bundesrepublik für ihr Wirtschaftswunder, während die USA in vielen Ländern Asiens unbeliebt waren.
Also trällerte das Duo auf Indiens Straßen "Im Frühtau zu Berge", die ARD berichtete in Neu-Dehli über sie und ließ sie zur Belohnung in einem klimatisierten Schneideraum übernachten. Die Deutschen lernten Diplomaten kennen, traten bei offiziellen Empfängen auf, in Hotels, Krankenhäusern oder dem Goethe-Institut. Am liebsten waren sie aber unter einfachen Leuten. "Das sprach sich rum wie ein Lauffeuer: Da kommen die Jungs mit der Ente!", sagt Müller. "Wir spielten auf Partys und bekamen dafür Unterkunft, Essen und unsere Wäsche gewaschen."
Oft auch mehr. Heiße Liebschaften etwa. An 23 kann sich Manni Müller heute noch erinnern, und wenn er mit ihnen etwas durcheinander kommt, ruft er nach Andrea, seiner zweiten Ehefrau, 26 Jahre jünger als er. Die kennt die Details seiner Tagebücher mitunter besser als er, nimmt die wilde Vergangenheit ihres Mannes aber mit Humor. "Heute", sagt sie lachend, "führen wir keine offene Beziehung."
Unter Beschuss des Vietcong
Wichtiger als flüchtige Affären waren den Weltenbummlern damals sowieso echte Freundschaften. Und Kontakte. Leute, die jemanden kannten, der vielleicht weiterhelfen konnte. Mit dem Visum etwa oder der nächsten Übernachtung. Zudem gewöhnten sich die Deutschen an, sich nach jedem Auftritt offizielle Empfehlungsschreiben ausstellen zu lassen.
So bauten sie sich ein weltumspannendes Netzwerk auf, Jahrzehnte vor Facebook und Couchsurfing. Im Zelt schlafen mussten sie fast nie, und manche Kontakte waren Gold wert, etwa die zu den US-Truppen in Vietnam. Nun sangen die "Krauts" wieder auf Englisch, beklatscht von Frontsoldaten. Es gab 150 Dollar für 45 Minuten, bald waren umgerechnet 30.000 Mark verdient. Ungefährlich war das nicht. Einmal gerieten die Musiker unter Beschuss des Vietcong und mussten sich mit einem Sprung in einen Schützengraben retten.
Sie war klein, klapprig und unkomfortabel: die Ente....
Singende Grenzpolizisten, afrikanische Paul-Breitner-Fans...
Vier Kontinente, 80 Länder und 200.000 Kilometer:...