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1950-1990

Bau-Boom in Ost-Berlin "Wellkemm tu se käpitell"


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Leben jenseits der Mauer: Systematisch habe die DDR-Führung versucht, "das Bewusstsein auszulöschen, es gäbe jenseits der weiß gestrichenen Betonmauern eine richtige Stadt mit richtigen Menschen, gar einen Teil Berlins mit echten Berlinern", schrieb der Historiker Stefan Wolle.

Das Europa-Center am Breitscheidplatz in West-Berlin, fotografiert vom Kurfürstendamm, Ecke Rankestraße, aus gesehen - am Tag seiner Eröffnung, den 2. April 1965

Fernsehturm, Centrum-Warenhaus und bulgarische Stripperinnen: Mit aller Macht versuchten Walter Ulbricht und Erich Honecker ab den sechziger Jahren, Ost-Berlin auf "Weltniveau" zu bringen. Plattenbauten und ein pompöser Palast der Republik entstanden, während der Rest des Landes verfiel. Von Norbert F. Pötzl


Das Liedchen war ein Gassenhauer, in Ost wie in West. "Pack die Badehose ein, nimm dein kleines Schwesterlein und dann nischt wie raus nach Wannsee", trällerte Kinderstar Conny Froboess in den fünfziger Jahren. Die Ost-Berliner Schauspielerin und Sängerin Gina Presgott, Urgestein des Kabaretts "Die Distel", adaptierte den Schlager. In der Ostversion wurde allerdings "Wannsee" durch "Strandbad" ersetzt - die Aufforderung, den West-Berliner Badeort aufzusuchen, hätte missverstanden werden können.

Denn West-Berlin war Feindesland, ein Tummelplatz von "Agenten, Spionen, Diversanten … zur Unterhöhlung der DDR" (so das SED-Zentralorgan "Neues Deutschland"). Die Ost-Berliner Regierung erhob Anspruch auf diese "besondere politische Einheit auf dem Territorium der DDR" oder, wie SED-Chef Walter Ulbricht sagte, "die westlichen Vororte der Hauptstadt der DDR".

Westdeutsche Politiker revanchierten sich, indem sie den Sitz des SED-Regimes auf den Begriff "Pankow" reduzierten, der rheinische Kanzler Konrad Adenauer sprach es angewidert "Pankoff" aus: Im Schloss Schönhausen, gelegen in jenem Ost-Berliner Stadtbezirk, residierte bis 1960 erst der Präsident Wilhelm Pieck, dann, bis 1964, der Staatsratsvorsitzende Ulbricht.

Ironisch griff 1983 Udo Lindenberg in seinem "Sonderzug nach Pankow" die alte Kampfvokabel wieder auf, obwohl die Herrschenden längst in Berlin-Mitte angekommen waren: Politbüro und Zentralkomitee der SED im "Haus am Werderschen Markt", der früheren Reichsbank (heute Außenministerium); der Staatsrat in einem Sechziger-Jahre-Neubau am Schlossplatz mit dem in die Fassade integrierten Portal IV des einstigen Stadtschlosses, von dessen Balkon Karl Liebknecht am 9. November 1918 die "sozialistische Republik" ausgerufen hatte (heute von der European School of Management and Technology gepachtet); der Ministerrat erst im früheren Preußischen Landtag (dem heutigen Berliner Abgeordnetenhaus), dann im Alten Stadthaus am Molkenmarkt (heute Sitz des Innensenats); die meisten Fachressorts im "Haus der Ministerien", Hermann Görings ehemaligem Reichsluftfahrtministerium (heute Bundesfinanzministerium).

Als Ulbricht 1961 den "antifaschistischen Schutzwall" um West-Berlin herum errichten ließ, änderte die DDR ihren Umgang mit der kapitalistischen Konkurrentin. Der Zielort der bisherigen Negativpropaganda wurde von nun an so gut wie möglich ignoriert.





SPIEGEL-Geschichte Heft 5/2012
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Während im Westen weiter Gesamt-Berliner Stadtkarten gedruckt wurden, hingen in Ost-Berlin schon bald nach dem Mauerbau Pläne aus, die nur die Straßen und Bahnlinien des Ostsektors zeigten. In den achtziger Jahren erschien West-Berlin in einer Übersicht des S-Bahn-Netzes nur noch als Strich in der Landschaft - der Stadtbezirk Mitte grenzte nun direkt an Potsdam.

Meyers Neues Lexikon vom Leipziger Bibliographischen Institut aus dem Jahr 1962 vermerkte unter dem Stichwort Berlin: "größte deutsche Stadt und Hauptstadt der Deutschen Demokratischen Republik". Danach erst nannte es "Westberlin", in einem Wort geschrieben, als handelte es sich um eine Landschaftsbezeichnung wie Westfalen.

"Fast 30 Jahre lang versuchte die Führung systematisch das Bewusstsein auszulöschen, es gäbe jenseits der weiß gestrichenen Betonmauern eine richtige Stadt mit richtigen Menschen, gar einen Teil Berlins mit echten Berlinern", schreibt der Historiker Stefan Wolle. Musikredakteure des DDR-Rundfunks mieden alte Songs, etwa mit der "Sehnsucht nach dem Kurfürstendamm".


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Seit 1969 erlaubte der neue Fernsehturm am Alexanderplatz immerhin einen Blick von drüben nach hüben. Samt Funkspitze misst Ulbrichts städtebaulicher Superlativ, die im Berliner Schnodderton sogenannte Protzlatte, 368 Meter. In 200 Meter Höhe wird die schlanke Betonröhre von einer Art riesiger Discokugel aus Glas und Stahl umschlossen.

Von einem Restaurant im Innern der Kugel konnten DDR-Bürger den weißen Fleck auf den amtlichen Stadtplänen, der die Westsektoren zur Terra incognita machte, wenigstens schemenhaft mit Häusern, Straßen und Parks füllen. Denn bei gutem Wetter reicht die Sicht 40 Kilometer weit über jenes Gebiet hinweg, das direkt zu erkunden die martialische Grenzbefestigung verwehrte. Und wenn der Turm umfällt, sind wir sowieso gleich im Westen, witzelten die Leute.

Aber den Ost-Berlinern sollte nun Stolz auf ihre Teilstadt eingebläut werden. "Eine Reise in die Hauptstadt muss immer mehr ein schönes Erlebnis sein", verkündete Erich Honecker, der 1971 seinen Ziehvater Ulbricht aus dem höchsten Parteiamt intrigiert hatte.

"Der Touristenstrom aus allen Ländern", frohlockte der DDR-Brockhaus, "nimmt von Jahr zu Jahr zu. Das neue Berlin ist ein Anziehungspunkt, eine Sehenswürdigkeit geworden." Wie die internationalen Gäste beispielsweise auf Englisch zu begrüßen seien, lehrte die Ost-"Berliner Zeitung" 1973 in phonetischer Umschrift: "Wellkemm tu se käpitell ow se dih dih ah!" Honecker und Genossen beschworen stets das "Weltniveau", an dem sie ihre Hauptstadt ausrichten wollten. Trotzdem blieb die Stadt weithin grau und piefig.

120.000 Bluejeans für 50 Ost-Mark

Zwar öffnete sich Ost-Berlin in den siebziger Jahren modischen Trends des Westens. 1971 ließ Honecker im neuen Konsumtempel des Arbeiter-und-Bauernstaats, dem Centrum-Warenhaus am Alexanderplatz, 120.000 importierte Bluejeans für 50 Ost-Mark das Stück unter das junge DDR-Volk bringen - kurz zuvor waren die "Nietenhosen" noch als bürgerlich-dekadent geschmäht worden. Beatmusik, bis dahin als kapitalistische Unkultur verachtet, durfte nun, mit Genehmigung des staatlichen Komitees für Unterhaltungskunst, öffentlich und im Radio gespielt werden.

Westdeutsche Interpreten wie Katja Ebstein und Udo Jürgens sowie internationale Jazz- und Pop-Stars wie Ella Fitzgerald und Abba traten in der DDR-Kapitale auf, im Friedrichstadt-Palast oder im Palast der Republik.

Die "Weltfestspiele der Jugend und Studenten" im August 1973 galten gar als "Woodstock des Ostens", so freizügig durften Millionen Jugendliche feiern - wie nie zuvor und nie danach und total unter Kontrolle der Staatssicherheit.

Aber die Festtage vergingen, der triste Alltag blieb. "Gemessen an anderen Metropolen vermissten Besucher Ost-Berlins - zum Leidwesen seiner Bürger und politischen Repräsentanten - weltstädtisches Flair und das quirlige Leben einer Großstadt, wie es der Westteil bot", konstatierte der Berliner Historiker Michael Lemke.

Ein Highlight im Osten waren bulgarische Stripperinnen im "Lindencorso" Unter den Linden. Der Amüsierbetrieb ging bis morgens um fünf, im ganzen Rest der Republik gab es keine vergleichbaren Kneipenöffnungszeiten.

Von Lotte Ulbricht, der Gattin des ersten SED-Generalsekretärs, stammte der schöne Satz, ihr Walter habe "dem deutschen Arbeiter das Flanieren beigebracht". Denn keiner habe wie er auf lange Häuserfronten gepocht. Diese Baukunst hatte der gelernte Tischler während seines Moskauer Exils 1938 bis 1945 studiert. So übten die Werktätigen den urbanen sozialistischen Gang zwangsläufig ein, wenn sie entlang der endlos langen Wohnsilo-Fassaden nur mal von der Haustür bis zur nächsten Kaufhalle wollten.

Ulbricht-Nachfolger Honecker perfektionierte die Monumentalbauweise. Stilbildend wurde die "WBS 70", die Wohnungsbauserie der siebziger Jahre: Aus industriell vorgefertigten Betonelementen, jedes einzelne bis zu sechs mal drei Meter groß, wurden riesige Hochhausblocks in den märkischen Sand geklotzt.

So wuchsen öde Plattenbausiedlungen wie in Marzahn oder Hellersdorf für jeweils Zehntausende Menschen. Der Volksmund nannte sie "Arbeiterschließfächer", aber deren Bewohner, die zuvor in maroden Altbauten mit Kohleöfen und Gemeinschaftsklo auf halber Treppe gelebt hatten, schätzten sich glücklich über die Errungenschaft eines genormten "Küchen- und Badkerns" mit fließendem Warmwasser.

"Sozialistisches Unterentwickeltes Hinter-Land"

Die Altbausubstanz verfiel unterdessen zusehends. Für selbstgenutztes Wohneigentum wurde praktisch kein Baumaterial zur Verfügung gestellt, und Mietwohnungen konnten nicht saniert werden, weil die extrem niedrigen Mieten bei weitem die Kosten nicht deckten.

Denn für Altbauten galt bis zum Ende der DDR der 1936 von der NS-Regierung eingeführte Mietstopp. Dadurch wurde die Monatsmiete auf 0,35 Ost-Mark je Quadratmeter eingefroren, nach heutigem Wert etwa 0,05 Euro. Für Neubauten wurden die Mieten 1972 auf 0,80 Mark und 1981 auf 1,25 Mark je Quadratmeter und Monat festgesetzt - nur in Ost-Berlin waren für Neubauwohnungen ausnahmsweise Quadratmetermieten bis 1,87 Mark zulässig.

Um ihre Hauptstadt herausputzen zu können, konzentrierten die Regierenden die knappen Ressourcen auf Berlin - und nahmen in Kauf, dass im Rest der Republik fast an allem Mangel herrschte. Die SED-Propaganda verklärte den verordneten Verzicht gar zur freudig geleisteten Solidarität.

"12.000 junge Bauleute aus der ganzen Republik", notierte der DDR-Brockhaus in einem Stadtporträt der "sozialistischen Metropole", hätten den Aufbau der Hauptstadt zu ihrem "Kampfprogramm" gemacht. Nur beiläufig erwähnte die Berlin-Eloge, dass die Heimatbezirke der "jungen Maurer, Betonbauer, Maschinisten, Kraftfahrer, Ingenieure, Maler, Elektriker, Brückenbauer, Steinmetze" für die Verschönerung der Hauptstadt Opfer bringen mussten: "Nicht nur, dass dort der Ausfall bewährter Kräfte ausgeglichen werden muss, dort werden auch Material, Transportmittel, Projektierungsunterlagen und anderes notwendiges Versorgungsgut bereitgestellt."

Die Ausbeutung der Provinz machte sich Luft in bösen Sprüchen. "Wir haben", lautete einer, "nur noch zwei Bezirke in der DDR: Berlin und SUHL" - Kürzel für "Sozialistisches Unterentwickeltes Hinter-Land".

Um Ost-Berlin eine "sozialistische Perspektive" zu geben, mit "einem neuen Lebensgefühl" für die Bürger und "mit modernen Bauten und attraktiven Geschäften" (so die Hauptstadt-Monografie "Berlin 1945-1968"), wurde viel plattgemacht. Doch getreu der Parteidevise "Der Pflege des nationalen Kulturerbes gehört jede erdenkliche Sorgfalt" renovierten die Ost-Berliner Städtebauer in den sechziger Jahren beispielsweise die von Georg Wenzeslaus von Knobelsdorff 1741 entworfene Fridericianische Hofoper, die jetzige Staatsoper Unter den Linden.

Zur selben Zeit restaurierte der Volkseigene Betrieb Stuck und Naturstein einige ramponierte Patrizierhäuser und versetzte sie mitunter auch vom historischen Standort. So wurden die Reste des "Ermelerhauses" in der Breiten Straße abgetragen und ans Märkische Ufer versetzt, wo das alte Tabakhändlerhaus mit klassizistischer Fassade und neuem Interieur als Luxus-Gaststätte wiedererstand.


Debatte

insgesamt 32 Beiträge zur Debatte
Siegfried Wittenburg am 24. Oktober 2012, 10:05
Der Begriff "Tourist" war in der DDR wenig gebräuchlich. Die Menschen, die Urlaub hatten und ihn irgendwo verbrachten, waren "Urlauber". Und die...

Volker Altmann am 23. Oktober 2012, 13:08
Tourismusbranche kann natürlich schon ein wenig überzogen klingen, Herr Wittenburg. Die Einschränkungen zu DDR-Zeiten waren mir bekannt. Aber selbst wenn Sie von...


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