| Erbitterte Kämpfe: Am 18. November 1942 hisst ein deutscher Soldat nach der Einnahme eines Viertels in Stalingrad die Hakenkreuzfahne an einem Gebäude. Die Truppen der deutschen Wehrmacht konnten die Stadt nach erbitterten Kämpfen zunächst fast vollständig einnehmen, doch am 19. November 1942 begann sich das Blatt zu wenden, als die Rote Armee die Deutschen durch die Operation "Uranus" innerhalb weniger Tage einkesselte. |
1942 interviewten Forscher Hunderte russische Frontsoldaten in Stalingrad. Nun hat ein Historiker die Dokumente erstmals ausgewertet. Die vermeintlichen Helden der Sowjetunion sprechen unzensiert über Feigheit und Angst. Von Christoph Gunkel
Der Staub machte ihm Sorgen. Denn nun wusste Obersergeant Alexander Parchomenko, dass der Gegner nicht mehr weit war.
"Unter dem Staub näherten sich die deutschen Panzer. Die ganze Zeit kreisten Flugzeuge. Wissen Sie, in der Festung Stalingrad war ja ein ungeheurer Staub, ganz unglaublich, und kein Wasser, nichts."
Und mit dem Staub, gab Parchomenko mitten im Krieg zu Protokoll, kam nicht nur der Feind. Sondern die nackte Angst.
"Wir waren mit dem Krieg nicht vertraut, uns kam das alles ganz furchtbar vor. Wenn nachts die Luftwaffe flog, Leuchtraketen abgeschossen wurden und das Bombardement begann - ich hielt das kaum aus. Offen gesagt, andere waren mutig - ich nicht."
"Ich Feigling"
So auch am 27. August 1942, als Parchomenkos Brigade im Industrieviertel von Stalingrad in Stellung ging. Die Deutschen saßen vor dem Traktorenwerk und beschossen seine Brigade an der Wolga.
"Wir fuhren also im Panzerfahrzeug auf Erkundung, und ich dummer Kerl verlor aus Feigheit den Kopf. Ich war überhaupt ein Feigling, aber in dem Moment dachte ich das noch nicht. Unser Fahrzeug wurde von 15 Bombern im Sturzflug angegriffen. Ich dachte, wenn uns eine Bombe trifft, ist das das Ende. Ich gab den Befehl anzuhalten und lief (aus dem Wagen) in eine Senke. Einer kam im Sturzflug runter und durchschoss mir die linke Hand und beide Beine."
Parchomenkos wilde Flucht endete im Lazarett. Sein Fahrer hingegen hatte einen kühlen Kopf bewahrt und war einfach im Panzerfahrzeug geblieben - unverletzt.
Unzählige Bücher sind über die Schlacht um Stalingrad geschrieben worden, deren dramatischste Phase - die Einkesselung der deutschen 6. Armee am 23. November 1942 - sich in diesen Tagen zum siebzigsten Mal jährt. Die erbitterten Häuserkämpfe, das vermeintlich heroische Sterben in der Schneehölle - das alles kennt man. Doch offene Selbstkritik oder gar Zeugnisse über die eigene Feigheit findet man bisher so gut wie nicht.
Stalingrads vergessene Augenzeugen
Parchomenkos ungewöhnlich ehrliches Zeugnis ist dabei nur einer von 215 Augenzeugenberichten, die erst kürzlich von dem deutschen Historiker Jochen Hellbeck ausgewertet werden konnten. Diese bisher unbekannten Stalingrad-Protokolle wurden teils während der Schlacht, teils wenige Wochen danach von einer sowjetischen Historikerkommission angefertigt. Selbst einen nüchternen Analytiker wie Hellbeck bringt das ins Schwärmen.
"Diese verschütteten Stimmen aus dem Krieg auszugraben", sagt der 46-Jährige, "das war wirklich ein sehr bewegender Moment, ein Höhepunkt in meiner bisherigen wissenschaftlichen Tätigkeit."
Das Besondere: Die Zeitzeugen wurden nicht erst Jahrzehnte nach der Schlacht interviewt, wenn Details vergessen und Erlebtes neu bewertet ist. Das macht ihre Aussagen authentisch, zumal die Interviews von Historikern geführt wurden, die laut Hellbeck damals "ungewöhnlich sorgfältig und detailliert" arbeiteten.
"Eine Sensation"
Zudem befragten die Interviewer bewusst Soldaten, die Seite an Seite gekämpft hatten, so dass sich ihre Erlebnisse wie in einem Theaterstück ergänzen oder überlappen: dieselben Niederlagen und Triumphe - erzählt aus verschiedenen Perspektiven. "Eine historisch einzigartig dichte Erzählweise", meint Hellbeck, und bei einer so weltbedeutenden Schlacht sei das schlicht "eine Sensation".
Zu verdanken hat er den erstaunlichen Fund einem sowjetischen Historiker: Isaak Minz, Sohn eines jüdischen Händlers. Minz legte eine Blitzkarriere hin, publizierte viel zum russischen Bürgerkrieg und wurde mit 40 Jahren Mitglied in der renommierten Akademie der Wissenschaften. Als Hitler im Juni 1941 die Sowjetunion überfiel, sah er den Moment für eine historische Mission, wie er in seinem Tagebuch schrieb:
"Heute dürfen wir keine Zeit verlieren. Die gegenwärtigen Ereignisse müssen festgehalten werden. Später wird die Menschheit fragen, wie all das geschehen ist. Ich schlage vor, eine Kommission zu bilden, die Material auswertet, analysiert und eine Chronik (…) erstellt."
Vorbild Maxim Gorki
Minz schwebte vor, die sowjetische Gesellschaft mit den Werkzeugen des Historikers zu mobilisieren und für den Krieg zu begeistern. Das Kalkül: Soldaten, die im Krieg interviewt werden, würden sich ernst genommen fühlen; Berichte über ihre Heldentaten könnten wiederum andere begeistern.
Ganz neu war dieser Gedanke nicht. Schon 1920 war eine "Historische Kommission der Kommunistischen Partei" gegründet worden. Sie sollte die Erinnerung an die russische Oktoberrevolution wachhalten. Systematisch wurden die Erlebnisse von Zeitzeugen protokolliert, um den Geist der Revolution weiterzutragen. Auch Schriftsteller wie Maxim Gorki beteiligten sich an solchen Großprojekten; Gorkis hundert Mitarbeiter interviewten in allen großen Fabriken Werkarbeiter.
Doch jetzt, im Sommer 1941, fand Historiker Minz kein Gehör für ähnliche Pläne. Stalin hatte andere Sorgen: Die Wehrmacht eilte von Erfolg zu Erfolg. Im Oktober bereitete sie den Sturm auf Moskau vor.
"Schwierigkeiten und Mängel nicht vertuschen"
Erst als die deutschen Angriffe im Dezember steckenblieben, bekam Minz seine Chance: An der Spitze eines Arbeitsstabs sollte er zwar eigentlich nur eine Chronik der Verteidigung Moskaus erstellen. Doch schnell erweiterte der ehrgeizige Historiker das Projekt eigenhändig auf andere Frontabschnitte. Schon bald hatte er 40 Mitarbeiter zusammen: Stenographen, Historiker, Literaturwissenschaftler.
Vier von ihnen schickte er im Dezember 1942 nach Stalingrad - in jene Stadt, die damals von beiden Seiten zum Ort der Entscheidung erhoben worden war. Kein Wunder, dass Minz' Mitarbeiter an einem derart symbolischen Ort besonders eifrig arbeiteten: Von Dezember 1942 bis März 1943 tippten sie etwa 3000 Seiten an Interviewprotokollen.
In groben Richtlinien hatte Minz vorgegeben, "besonders ausgezeichnete Helden, Kämpfer, Kommandeure" zu befragen. Doch gleichzeitig ermunterte er seinen Stab, die Befragten frei erzählen zu lassen:
Schwierigkeiten und Mängel nicht vertuschen. Die Wirklichkeit nicht schönfärben. (…) In allen Darstellungen die historische Wahrheitstreue streng einhalten. Durch Kreuzverhöre der Leute und Dokumente alle Ereignisse, Daten, Namen und Fakten genau prüfen.

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