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...zog hier alle Register der Zweideutigkeit: Die "Sucettes" (Lutscher) sind in Frankreich ein Synonym für Blow-Jobs. Auch die "Pennies" werden gleich ausgesprochen wie das männliche Geschlechtsteil ("pénis"). Und dann haben die vermeintlichen Lollis ausgerechnet den Geschmack von Anissamen. Die arme France Gall wurde auf ihre Naivität erst hingewiesen, als der Song längst ein Hit war.
France Gall 1966 in Cannes |
Sie klingen so harmlos! Und doch handeln manche Liedtexte in Wahrheit von Drogen, verhassten Politikern oder Sex. Serge Gainsbourg etwa legte der jungen France Gall ein paar besonders schlüpfrige Zeilen in den Mund. einestages präsentiert legendäre zweideutige Songs - und verrät, worum es in ihnen wirklich geht. Von Fabienne Hurst
Große Rehaugen, blonde Puppenfrisur, schmachtender Blick. France Gall ist gerade 18 Jahre alt, sieht aber jünger aus, als sie "Les Sucettes" vor Publikum singt. Fernsehbilder zeigen Frankreichs fleischgewordene Unschuld, wie sie dabei verträumt in die Kamera blinzelt. Die junge Sängerin trällert das Lied von Annie, einem jungen Mädchen, das es liebt, an Lollis ("sucettes") zu lutschen und zwar so lange, bis "der süße Saft des Anissamens" ihre Kehle herunterrinnt. Im Hintergrund lutschen reife Frauen mit verruchtem Blick an langen, biegsamen Zuckerstangen. Kein Schelm, wer Böses dabei denkt.
Das Popsternchen ging 1966 tatsächlich davon aus, über ein Mädchen zu singen, das sich für ein paar "Pennies" im Drugstore Dauerlutscher kauft. Geschrieben hatte den Text der französische Chansonnier und Songtexter Serge Gainsbourg, damals Ende 30 und berühmt für seine Wortspiele und seinen Hang zum Frivolen.
Als man France Gall erklärte, was es denn mit den Lutschern tatsächlich auf sich hatte, und dass das französische Wort "sucette" ein Synonym für Fellatio ist, war der Song längst ein Hit. "Ich hatte keine Ahnung", beteuerte die Sängerin Jahre später in einem Interview. "Ich habe den Song ganz unschuldig aufgenommen." Die 18-Jährige war untröstlich, als sie von dem Skandal um ihr Kinderlied erfuhr. "Ich habe das der ganzen Welt übel genommen", so die Französin. Sie schämte sich so sehr, dass sie zwei Wochen lang abtauchte, für niemanden zu sprechen war - und den Song nie wieder sang.
"Die Jugend verderben"
Wie konnte die junge Frau ihrem Liedschreiber so auf den Leim gehen? Warum hatte sie niemand gewarnt? Der belgische Musikjournalist und Gainsbourg-Biograf Gilles Verlant sieht den Grund in der keuschen Kultur Mitte der Sechziger in Frankreich. "Ein französischer Freund, der damals gerade 16 Jahre alt war, erzählte, dass es dem Großteil der Gesellschaft so ging wie France Gall", sagt Verlant. "Die meisten haben die zweite, schmuddelige Ebene des Textes auch nicht kapiert." Noch Jahre später hätten kleine Kinder auf der Straße das hübsche Lied von Annie und den Anissamen gesungen.
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