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Plötzlich Sänger: Die Aufnahme vom 15. November 2012 zeigt den 75-jährigen Gitarristen und Komponisten Roberto Menescal. Der Musiker ist mit allen Größen des Bossa Nova aufgetreten. Sein bekanntestes Lied ist "O Barquinho". Es handelt von einer Bootsfahrt, bei der alles schiefläuft.
In den Händen hält er eine Erinnerungsplakette an das erste Bossa-Nova-Konzert in der New Yorker Carnegie Hall vom 21. November 1962. Dieser Abend, verriet er einestages im Gespräch, sei für ihn die Hölle gewesen. Denn in Brasilien habe er immer nur vor ein paar Leuten in Bars Gitarre gespielt. Nun sollte er plötzlich vor 3000 Leuten auftreten - und seine Musikerkollegen verlangten auch noch, dass er singt. |
Chaos made in Ipanema: Mit sanften Rhythmen und unwiderstehlichen Melodien wurde der Bossa Nova vor 50 Jahren zum Welterfolg. Sein Siegeszug begann 1962 in der New Yorker Carnegie-Hall. Da traten die Stars aus Brasilien erstmals im Ausland auf - und erlebten ein Beinahe-Desaster. Von Constantin Wißmann
Der Abend, der alles verändern soll für ihn, für seine Freunde und für seine Musik, ist für Roberto Menescal bis jetzt ein einziger Alptraum. An diesem Mittwoch, 21. November 1962, will der Brasilianer überall sein, nur nicht hier, in der berühmten Carnegie Hall in New York.
Gleich muss er raus auf die Bühne. Und dort soll der Gitarrist etwas machen, was er noch nie gemacht hat. "Ich habe immer nur komponiert und Gitarre gespielt. Und auf einmal wollten alle, dass ich singe", erinnert sich Menescal bei einem Besuch von einestages. Fischen im Atlantik, das wär’s jetzt, denkt Menescal hinter der Bühne. Oder in einer der kleinen Bars zu Hause an der Copacabana Gitarre spielen, vor ein paar Leuten. Aber hier warten 3000 auf seinen Auftritt, darunter die Jazzgrößen Miles Davis, Dizzy Gillespie und Herbie Mann. Vor der Carnegie Hall stehen weitere rund tausend Musikfans im strömenden Regen, die nicht reingekommen sind.
Sie alle wollen diesen neuen Sound aus Brasilien hören. Bossa Nova nennt sich diese eigenartige Mischung aus Jazz und Samba, mit diesen hingehauchten, irgendwie angenehm aus dem Rhythmus gefallenen Liedern, die den Hörer in einer Stimmung zwischen Schwermut und Leichtigkeit hinterlassen. In Brasilien, vor allem an den Stränden von Rio de Janeiro, haben die sanften Klänge bereits den Samba verdrängt, mit dessen altmodischer Theatralik die Jugend nichts mehr anfangen kann. Bossa Nova, die neue Welle, entstanden in den Wohnungen der weißen, intellektuellen Boheme, bildet den Soundtrack für das neue Brasilien, für die Aufbruchsstimmung in Land.
Der sozialistische Präsident Juscelino Kubitschek, bis 1961 im Amt, wollte das Land in fünf Jahren hundert Jahre voranbringen, wie sein Slogan verkündete. Architektonisch wird der Fortschritt in Oscar Niemeyers Bauten in Brasilia gegossen, der aus dem Nichts in die Steppe gestampften neuen Hauptstadt. Gerade ist die Nationalelf zum zweiten Mal hintereinander Fußballweltmeister geworden. Das Land, das stets unter seinem Status als unterentwickelte Kolonie gelitten hat, beginnt endlich eine Rolle in der Welt zu spielen. Aber noch denken vor allem die Nordamerikaner bei Brasilien an nicht viel mehr als an Kaffee und Karneval. Der Bossa Nova soll dabei helfen, das zu ändern.
Dafür hat die brasilianische Regierung zusammen mit dem amerikanischen Außenministerium das Konzert in der Carnegie Hall organisiert. Und alle Stars der Szene aus Ipanema und der Copacabana sind gekommen: Antônio Carlos Jobim, der Komponist, den alle Welt Tom nennt, und João Gilberto, der exzentrische Sänger - zusammen mit dem Schriftsteller und Diplomaten Vinicius de Moraes gelten sie als die Erfinder des Bossa Nova. Begleitet werden beide von elf weiteren Künstlern und zwei Bands, darunter spätere Weltstars wie Carlos Lyra, Sérgio Mendes, Bola Sete und eben Roberto Menescal.
Doch das Konzert droht im Desaster zu enden - nichts will zunächst klappen. João Gilberto, der scheue Sänger mit dem Hundeblick, der mit seinem federleichten Gitarrenspiel und Gesang sein Publikum verzaubern kann, dessen zwanghafter Perfektionismus die Kollegen aber oft zur Weißglut treibt, läuft hinter der Bühne auf und ab: Seine Hose hat eine Falte. Für ihn eine Katastrophe, das Publikum werde nur auf diese Falte schauen, jault er den anderen Musikern vor. Auf der Bühne ist die Stimmung nicht besser. Immer wieder fallen die Mikrofone aus. Der ohnehin eher genuschelte Gesang, der den Bossa Nova ausmacht, ist nun gar nicht mehr zu verstehen. Stattdessen peinliche Stille, immer wieder.
Ein alternder Saxofonist sieht seine Chance
Und in diese Stille hinein soll nun Roberto Menescal singen. "Roberto, sing dein bekanntestes Lied, sing 'O barquinho'" rufen sie ihm hinter der Bühne zu. "Aber ich war schrecklich nervös, meine Kehle war trocken wie Löschpapier", erinnert sich Menescal heute. Und so gerät das Lied über eine Schifffahrt mit allerlei Hindernissen selbst ins Schlingern. Menescal vergisst eine Strophe, kämpft sich mehr schlecht als recht durch. Geknickt geht er wieder ab. Vor allem wurmt ihn der Gedanke, seine amerikanischen Freunde enttäuscht zu haben, Stan Getz und Charlie Byrd.
Der Saxofonist und der Gitarrist haben Bossa Nova in den USA salonfähig gemacht. Ein Jahr zuvor war Charlie Byrd nach Brasilien gekommen, auch das eine Mission der US-amerikanischen Regierung. Lateinamerika sollte eigentlich für Jazz begeistert werden. Doch stattdessen eroberte der Bossa Nova das Herz des US-Musikers. In Rio de Janeiro traf Byrd Tom Jobim, Carlos Lyra, Roberto Menescal und Co. "Wir haben ihn in die Straße Beco des Garrafas, die 'Straße der Flaschen', mitgenommen, in den Little Club, Bottle's Bar, Baccara, and Ma Griffe", erzählt Menescal. Byrd sei hin und weg gewesen. Musik, die derart dahinfließt, die trotz der vielen unaufgelösten Dissonanzen ihre Melodie nicht verliert, so eine Musik hatte er noch nie gehört.
Byrd nahm alle Platten, die in sein Gepäck passten, zurück in die USA. Zu Hause spielte er sie Stan Getz vor. Der Saxofonist hatte stets mit Drogensucht und der Polizei zu kämpfen. Hier sah er seine Chance, die Karriere wieder in die Spur zu bringen. Die beiden spielten "Jazz Samba" ein, eine Platte mit Bossa-Nova-Liedern wie "Desafinado" (Falschsänger). Nur vier Stunden dauerten die Aufnahmen. 70 Wochen hielt sich das Album in den Charts. Für Jazz eine unvorstellbar lange Zeit.
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