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Spannende Inneneinsichten: Bundeskanzler Kohl hielt viel länger als bisher bekannt an der taumelnden Sowjetunion fest. Der Kanzler war 1991 nicht einverstanden mit manchen außenpolitischen Heißspornen in seiner Partei, denen die Auflösung der Sowjetunion nicht schnell genug gehen konnte. Kohl hingegen wollte das Riesenreich lieber als berechenbaren Partner bewahren. So wandte er sich noch auf einer CDU-Vorstandstagung im Februar 1991 gegen "ungewöhnlich törichte Meinungen, wonach sich der Koloss auflösen könnte". Zehn Monate später war genau das Realität.
Diese ungewöhnlichen Einblicke in die Gedankenwelt des Kanzlers stammen aus lange geheimen Protokollen. Jetzt hat der Droste-Verlag den Wortlaut von Kohls Vorträgen im CDU-Bundesvorstand dokumentiert ("Helmut Kohl Berichte zur Lage 1989 - 1998"). Das Foto zeigt Kohl (r.) bei einem Treffen im Juli 1990 mit Michail Gorbatschow (Mitte) und Außenminister Hans-Dietrich Genscher. |
Überraschende Einblicke in die Kanzler-Seele: Lange geheime Protokolle aus dem CDU-Vorstand belegen, wie Helmut Kohl nach 1989 wirklich über die Machthaber in Moskau und das neue Russland dachte. Die Sowjetunion? Darf nicht untergehen. Boris Jelzin? Alternativlos. Und Korruption? Kein Problem! Von Uwe Klußmann
Eigentlich hätte Helmut Kohl im Januar 1991 zufrieden sein können. Deutschland war wiedervereinigt, sein Platz in den Geschichtsbüchern gesichert und die Sowjetunion befand sich in einem Todeskampf. Der deutsche Kanzler, leidenschaftlicher Europäer und Transatlantiker, war stets ein überzeugter Gegner des sowjetischen Systems gewesen. Der nahende Zusammenbruch des Riesenreichs hätte ihm also eigentlich recht sein müssen.
Das Gegenteil war der Fall. Der Kanzler war zutiefst beunruhigt. Und redete im CDU-Vorstand über seine Sorgen. Ehrlich und ungeschminkt, denn politische Gegner und Journalisten waren an diesem 21. Januar 1991 nicht anwesend. Doch selbst für seine engen Parteifreunde waren seine Ausführungen eine echte Überraschung.
Nein, bekannte der Kanzler, er sei absolut nicht einverstanden mit manchen seiner Parteifreude, denen die Auflösung der Sowjetunion nicht schnell genug gehen konnte. Er jedenfalls könne den Zusammenbruch des gewaltigen Reiches "angesichts der Waffenplätze, (…) die weit über die Regionen verstreut sind", nur "mit äußerster Skepsis betrachten".
Ungeschminkte Einblicke in die Kanzlerseele
Im Gegensatz zu vielen vom Kalten Krieg geprägten Heißspornen in der CDU plädierte der Realpolitiker Kohl also Anfang 1991 dafür, die Sowjetunion als berechenbaren Partner zu bewahren. Noch auf einer Vorstandstagung im Februar wandte er sich gegen "ungewöhnlich törichte Meinungen, wonach sich der Koloss auflösen könnte" und "dass sich eine russische Republik bildet, eine ukrainische Republik, mit alldem, was dazu gehört". Zehn Monate später waren die vermeintlich "törichten" Szenarien Realität.
Diese ungewöhnlichen Einblicke in die Gedankenwelt des Kanzlers während einer weltpolitischen Umbruchphase stammen aus lange geheimen Protokollen. Jetzt hat der Droste-Verlag den Wortlaut von Kohls Vorträgen im CDU-Bundesvorstand akribisch dokumentiert ("Helmut Kohl: Berichte zur Lage 1989 - 1998"). Das voluminöse Buch bietet Einsichten in Entscheidungen, die oft ähnlich spannend sind wie die diplomatischen Depeschen des US-Außenministeriums, die WikiLeaks 2010 veröffentlicht hatte.
Aus den Protokollen ergibt sich ein bisher unbekanntes, ungeschminktes Bild der bundesdeutschen Politik gegenüber der Sowjetunion Michail Gorbatschows und dem neuen Russland unter Präsident Boris Jelzin. Der promovierte Historiker Kohl erwies sich in dieser Zeit, wie seine nicht-öffentlichen Reden nun zeigen, als ein Akteur mit einem ausgeprägten Gespür für politische Risiken.
Skepsis gegenüber dem BND
Etwa am 9. Oktober 1989. Erich Honecker war zu diesem Zeitpunkt in der DDR noch an der Macht und die Demonstrationen gegen das SED-Regime hatten gerade erst begonnen. Doch Kohl war sich am 9. Oktober schon sicher: "Ich glaube nicht, dass die Sowjetunion und dass Gorbatschow hier eingreift."
Der Unionspolitiker verließ sich - nicht nur in dieser Situation - mehr auf seine politische Erfahrung als auf alarmierende Geheimdienstberichte. Gegenüber dem Bundesnachrichtendienst pflegte er eine "gesunde Skepsis", wie er einmal sagte. Er habe bei der Lektüre von BND-Berichten nie "leuchtende Augen bekommen", spöttelte er im Kreise der CDU-Vorstandskollegen.

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